Weibchenschema

Die Nanny-Lüge

In Hollywood-Filmen und Mädchenbüchern wird es gefeiert: das Klischee der heilen Welt des Kindermädchens. Doch die Wirklichkeit des Berufes sieht anders aus.

Von: Denise Klink, Fotos: Carolina Labbé Jeria (via flickr.com), Beate Weingartner

vom 27.12.06

In den letzten Jahrhunderten waren Nannies die essentieller Bestandteil der Oberschichten-Familie: damals hießen sie Gouvernanten und sorgten für die Erziehung der Kinder, während sich deren Mütter den schönen Künsten und der Organisation des nächsten Empfangs widmeten. In den Büchern aus jener Zeit haben sie oft eine Schlüsselfunktion: Jane Eyre lüftet das dunkle Geheimnis von Thornfield Hall, Mary Poppins bringt das Leben der englischen Familie Banks gehörig durcheinander und Berte Bratts Beate gibt den ihr anvertrauten Kindern sowie dem verbitterten Vater erst wieder den Lebenssinn zurück. Immer haftet ihrem Treiben etwas Versöhnliches, etwas originär Gutes an. Sie sind die reinigende Kraft von außen.

 

Auch die Nannies von heute folgen diesem Muster: die durchgeknallte Fran Fine aus der US-Sitcom „Die Nanny“ scheint mit ihrem Job sehr zufrieden, flirtet permanent mit dem Boss und wird von den Kindern geliebt. Doch selbst in den USA wird seit geraumer Zeit an dem Mythos des glücklichen Kindermädchens gekratzt. Im Jahr 2002 erschein das Enthüllungsbuch zweier New-Yorker Ex-Nannies , die erstmals ihren Ärger mit verzogenen Kindern sowie die anstrengenden Marotten und überzogenen Ansprüche der Eltern thematisieren. „The Nanny Diaries“ wurde ein Bestseller und bald darauf mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle verfilmt. Doch tiefer als auf Komödien-Niveau schürft die amerikanische Entertainment-Maschinerie auch hier nicht. Die Kindermädchen sind weiß und stecken im Studium: ihr Job ist nur ein Umweg zur eigenen Karriere. Doch sieht so die Realität der Kinderfrauen aus?


Viele geben den Anspruch auf eine eigene Karriere auf


Auch hierzulande boomt das Nanny-Business wie nie zuvor. Immer mehr gut verdienende Eltern leisten sich den Luxus privater Kinderbetreuung: zuverlässig, individuell und nicht ganz so grausam wie das verheulte Kind morgens um halb sieben in der grauen Kita um die Ecke abzugeben.

 

Der Berufsstand des Kindermädchens wurde von der Bundesregierung durch den aktuellen Diskurs über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark aufgewertet. Erst recht, seitdem der Staat ab 2006 bis zu zwei Dritteln der Kosten für Kinderbetreuung von der Steuer absetzbar gemacht hat: die ganz klar in Richtung besser verdienende Eltern zielende Maßnahme dürfte dem Fremdmutter-Business noch einmal einen kräftigen Schub verpasst haben.

 

Die Ironie der Geschichte: während die Mütter beruhigt arbeiten gehen können, ist eine andere Frau geringfügig beschäftigt, denn oft werden Kindermädchen illegal beziehungsweise zu Mindestlöhnen angestellt. Diese Konsequenz muss auch den Gesetzmachern klar gewesen sein. Es wird sogar explizit erwähnt, dass Tagesmütter auch in Form eines Mini-Jobs angestellt sein können. Der „positive Effekt für den Arbeitsmarkt“, der auf der Website des Familienministeriums beklatscht wird, ist demnach als ein gleichmütiges Achselzucken gegenüber der Prekarität vieler Tagesmütter zu verstehen.

 

„Die meisten unserer Nannies sind arbeitssuchend“, gibt die Geschäftsführerin einer Berliner Agentur, deren Hauptgeschäft die Nanny-Vermittlung ist, offen zu: “Entweder bekommen sie noch ein paar Euro vom Arbeitsamt oder sie bekommen nichts, da der Mann zu viel verdient.“ Auf die Frage, ob es nicht ein Zwiespalt sei, einer Frau die Karriere dadurch zu ermöglichen, dass man eine andere in prekären Arbeitsverhältnissen festhält, meint sie: „Den Anspruch auf eine eigene Karriere haben die meisten gar nicht mehr. Die wollen nur Arbeit haben, Geld verdienen und ein bisschen Anerkennung.“

 

Der Glanz des Nanny-Klischees scheint sich auf dem Weg von den USA ein wenig abgenutzt zu haben. Hierzulande wird die private Kinderbetreuung als Lückenbüßer für eine Funktion angepriesen, die der Staat nicht mehr in ausreichendem Maße anbieten kann.

 

Man kann sich natürlich fragen, ob die Romantisierung dieses Berufsstandes ebenso wie der der braven Hausfrau eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, die den scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Berufs- und Hausarbeit für Frauen überdecken soll. So wird ein Beruf attraktiv gemacht, der weder Qualifikationsperspektiven noch einen für den Lebensunterhalt ausreichenden Verdienst bietet.

 

Unter diesen Umständen hätte wahrscheinlich auch Mary Poppins die Flucht ergriffen und wäre einfach davon geflogen.