Lesen

Die Obamas

Wie lebt es sich im Weißen Haus? Und wie ist es dort für eine Frau wie Michelle Obama, eine Juristin, gewöhnt daran, eigene Entscheidungen zu fällen?

Wie lebt sich´s eigentlich wirklich im Weißen Haus, der amerikanischen Machtzentrale? Zwischen Antiquitäten, seit knapp drei Jahrhunderten gesammelt und täglich Strömen von neugierigen Touristen vorgeführt? Und besonders: Wie lebt sich´s dort für eine Frau wie Michelle Obama, Kind armer, schwarzer Eltern, die ihr unter großen Opfern den Besuch einer Elite-Universität ermöglichten, Juristin, gewöhnt daran, eigene Entscheidungen zu fällen?

 

Der Spagat der First Lady

Im Weißen Haus muss sie um Erlaubnis bitten, wenn sie mit ihren Töchtern auf den hauseigenen Plätzen Tennis spielen oder mit ihrem Hund in den Garten will. Einfach so im Supermarkt einkaufen? Verboten. Sich mit ihrem Mann mal zu zweit in einem guten Restaurant zu treffen? Ein ganzer Pool von Journalisten wartet darauf, ihr Verhalten zu kommentieren. Eine eigene Rolle finden, die über steife Abendessen mit Washingtoner Society-Ladys hinausgeht? Ohne sich, wie Hillary Clinton das tat, in die Politik ihres Mannes, des Präsidenten, einzumischen? Beinahe unmöglich. Gleichzeitig selbstständig bleiben,  gute Mutter sein, ihre Ehe vor den Forderungen des präsidialen Amtes schützen und ihren Mann plus seine Politik unterstützen? Eine Mission Impossible.

Michelle Obama hat andere Antworten gefunden. Sie hat es geschafft, zum Vorbild zu werden für alle Frauen, die beim Blick auf ihr Normalleben zwischen Liebe, Ehe, Kindern und Beruf den Mut zu verlieren drohen. Aber hat es die Präsidentengattin nicht auch besonders einfach? Umgeben von bestens geschulter Dienerschaft, Prunk und präsidialen Privilegien wie dem Flug in der Air Force One, Wochenende in Camp David, Auslandsreisen an der Seite ihres Mannes? Kann man dabei "normal" bleiben, so wie die Obamas es sich vor der glorios gewonnenen "Yes, we can"-Wahl erträumten?

 

Mischung aus Verzicht und Mut

Jodi Kantor, gesellschaftspolitische Redakteurin der New York Times und Jahre lang Washington-Korrespondentin ihrer Zeitung, hat immer wieder mit Barack und Michelle, mit ihren Freunden und Mitarbeitern gesprochen,  die Probleme im Leben des ersten schwarzen Paares im Weißen Haus analysiert und daraus ein spannendes Buch über die Obamas gemacht, intelligent, respektvoll und glaubwürdig. Jodi Kantor schaffte es dabei tatsächlich, zwei eigentlich unvereinbare Themen perfekt zu verbinden:

Sie liefert erstens klare Antworten auf die Frage, die sich jede mit einem ehrgeizigen, hoch gesteckte Ziele verfolgenden Mann verheiratete Frau immer wieder stellt: Wie erfülle ich meinen Traum von meinem eigenen, von einem erfolgreichen Leben, ohne unsere Liebe zu gefährden? Michelle Obama ist das gelungen. Mit einer Mischung aus Verzicht auf Unerreichbares und dem Mut, innerhalb des engen Rahmens, den das Weiße Haus ihr vorgibt, persönliche Ziele (in ohrem Fall der brennende Wunsch etwas für die Kinder der Armen zu tun) auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. Und - auch das gehört zu den Erkenntnissen, die die Autorin hier vermittelt - mit der Hilfe des Präsidenten selbst, der seine Aufgabe als Ehemann und Vater so ernst nimmt wie die Forderungen der Politik. Ohne Mitarbeit des Mannes, das wird hier ganz deutlich, ist die stärkste Frau hilflos.


Enge Spielräume

Jodi Kantor liefert, zweitens, ein erstaunlich eindringliches Bild vom Präsidenten selbst und seinen immensen Schwierigkeiten, Wahlversprechen in Realität zu verwandeln, an deren Erfüllbarkeit er vorher nie zweifelte. Zum Beispiel das Gefängnis Guantánamo auf Kuba zu schließen. Oder eine Krankenversicherung auch für arme Amerikaner zu ermöglichen. Im ersten Fall scheiterte er an den Einwänden der Militärs und ihrer Juristen, deren Relevanz er nicht widersprechen konnte, im zweiten an seinen Gegnern, den Republikanern und ihren konservativen Wählern, die immer noch an den Tellerwäscher-Traum glauben, Millionär werden zu können, wenn der Staat sich aus seinen Angelegenheiten heraushält.

"Die Obamas, ein öffentliches Leben" ist also einerseits ein Ratgeber für frustrierte Frauen, weil es Michelle glaubwürdig als Vorbild preist (ohne das je auszusprechen). Andererseits ist ein sehr politisches Buch, weil es zeigt, wie eng der Spielraum selbst für einen so mächtigen Mann wie den Präsidenten der USA ist. Und für eine so charismatische, ehrliche und deshalb überzeugenden Persönlichkeit wie Barack. So oder so - wer mehr über das öffentlichste Paar der Welt wissen möchte, aus privatem oder politischem Interesse,  wird durch die Lektüre klüger. Ohne sich auch nur eine Seite  zu langweilen.

 

-------------------

 

Fotos:  Flickr-Fotostream von "The White House" (United States Government Work)