Reizthema

Die Ökoporno-Macher

Gute Sache oder blöder Vorwand? Die Internetseite „Fuck for Forest“ will mit Pornofilmen helfen, den Regenwald zu retten. Doch einige Umweltschützer tun sich mit dieser Hilfe schwer – und dass der Sex vor der Kamera hier nur aus Liebe zur schönen Natur passiert, glaubt auch nicht jeder.

Eigentlich ist das kein so dummer Gedanke: Wenn die Millionenerlöse, die heute die Pornoindustrie weltweit erzielt, in die Töpfe der Umweltbewegung flössen, könnten wir sicher demnächst befreiter (weil in weniger gefährdeten Wäldern) aufatmen. Allerdings bliebe natürlich auch dann noch zu klären: Kann ein guter Zweck jedes Mittel heiligen?

Im Falle des Porno-Aktivismus, den Leona Johansson und Tommy Hol Ellingsen betreiben, vielleicht ja schon. Denn die Mittel, mit denen die beiden Skandinavier sich im Pornogeschäft umtun, sind eher moderat noch – gemessen an den Hardcore-Seiten der Branche. Das Paar dreht seit 2004 Sexvideos selbst, die es auf der Internetseite „Fuck for Forest“ veröffentlicht. Wobei schon der Website-Name verrät, um was es hier geht: Die Amateur-Pornomacher wollen nicht nur sexuelle Lust stillen. Nein, sie wollen auch dem ökologischen Gewissen einheizen – und ganz nebenbei den Regenwald retten.

„Fuck for Forest“ hat bereits als Ökoprojekt der etwas anderen Art in Norwegen für Schlagzeilen gesorgt. Zu einem regelrechten Eklat kam es, als im Sommer 2004 Johansson und Ellingsen das Projekt bei einem großen Rockkonzert voranzutreiben versuchten: „Wie weit würdet ihr gehen, um die Welt zu retten?“ fragte Ellingsen das Publikum von der großen Bühne herunter, um die Antwort erst gar nicht abzuwarten. Sondern prompt selbst schon mal in die Vollen zu gehen (ohne Wenn und Aber) zum Sex mit der Partnerin . Ein PR-Stunt, der natürlich seine Folgen hatte: Die Aktion zog einen Prozess und eine Geldstrafe nach sich, nebenbei aber auch viele neue Anhänger für die Naturschutzporno-Idee an. 

„Viele Umweltschützer labern sonst nur doof rum und tun nichts“, erklärte Leona, die mittlerweile mit ihrem Kollegen zusammen in Berlin lebt, unlängst in einem Interview dem „Berliner Kurier“. Dieses ökologische Engagement aber halten manche auch für einen Vorwand: Könnte doch sein, dass es nicht nur Idealismus ist, der hier antreibt, sondern auch ein Hang zum Exhibitionismus, den das Paar exzessiv ausleben möchte. „Wir wollen Gutes tun und nicht billig provozieren“, wehren sich dagegen aber die beiden Öko-Aktivisten. Und immerhin: Mit ihren Videos konnten sie schon ziemlich viel Geld sammeln, das heute der Umwelt zugute kommen könnte – wenn die nur wollte. 

Will sie aber teilweise nicht. Oder zumindest tun sich ein paar größere Umweltorganisationen schwer, das mit Skandalen und Sexfilmen erwirtschaftete Geld tatsächlich entgegenzunehmen. So lehnte bereits die norwegische Regenwaldstiftung eine angebotene Spende ab, und auch der World Wilde Fund For Nature (WWF) in Norwegen ging das Risiko nicht ein: Man dürfe leider den eigenen Markenname und das Logo nicht mit einer Branche wie dieser in Verbindung bringen, so hieß es zur Begründung. Verständlich oder doch eher schade? 

Im Grunde ist das, was Ellingsen und Johansson hier erproben, alles andere als neu: Ein politisches Anliegen mit sexueller Provokation zu würzen, zog als Masche schon immer gut. Das wusste zum Beispiel der Legende nach auch Lady Godiva, die als englische Adlige im 11. Jahrhundert einen mutigen Ritt – völlig nackt und hoch zu Pferde – durch die Stadt Coventry unternahm, um ihren Ehemann zu politischer Einsicht zu bringen. Und auch John Lennon und Yoko Ono verstanden, mit Happenings und „Bed-ins for Peace“ die Leute zum Nachdenken zu bewegen, etwa über den Unterschied zwischen Liebe- und Kriegmachen.