Fürs Auge

Die Pop-Art-Nonne

Sie ließ ihre Studentinnen in T-Shirts mit dem Aufdruck „Jesus liebt dich“ durch die Straßen laufen und provozierte Kirchenväter mit ihrem politischen und ästhetischen Engagement. Nun sind Werke der amerikanischen Künstlerin Sister Corita (1918 —1968) in Köln zu sehen – und zum ersten Mal hierzulande in einer Einzelausstellung.

Sie ließ ihre Studentinnen in T-Shirts mit dem Aufdruck "Jesus liebt dich" durch die Straßen laufen und dabei Schilder mit Reklame der Tütensuppenfirma Campbell’s hochhalten. Ähnlich provokativ und engagiert war Schwester Mary Corita Kent auch in Sachen Kirchenreform unterwegs. Sie unterrichtet an einem katholischen College in Los Angeles Kunst und ist mit der revolutionären jungen Kunstszene der Stadt enger bekannt (die Pop-Art-Ikone Ed Ruscha verehrt sie und arbeitet nur eine Straßenecke weiter). Eine wirklich interessante Künstlerfigur zu Zeiten, als sich alles zu verändern begann. Da aber leider die katholische Kirche sich nicht dazu durchringen konnte, die allseitigen Veränderungen mitzumachen, musste Sister Corita konsequenter Weise aus ihrem Orden austreten. Das tat sie dann im legendären Jahr 1968. Da war sie aber schon längst ein Geheimtipp der jungen Kunstszene.

 

 

Wie ein früher Andy Warhol muten viele ihrer Arbeiten an, die nicht selten durchaus auch mit politischer Verve Sprüche und Slogans plakativ vortrugen. Später hat man ihr allerdings auch vorgeworfen, sich zu kommerziell zu verhalten.

 

Dabei suchte sie immer weiter die Botschaft ihrer christlich-liberalen Überzeugung auch in ihre Bilder aufzunehmen.  So extrahierte sie beispielsweise Liedzeilen aus Beatle-Songs („Jesus never fails“) oder griff auf  Produktbezeichnungen („Wonderbread“) aus dem Alltäglichen zurück, um ihre spirituell aufgeladenen Siebdrucke zu schaffen.

 

Diese Technik hatte die Kunstdozentin des Marienordens eigentlich per Zufall entdeckt, als unbenutzte Siebe in der Schulwerkstatt herumlagen. Für Sister Corita wie für viele andere Künstler der sechziger Jahre wird diese Technik zur Möglichkeit, die Versatzstücke der Gesellschaft herauszuschneiden und in anderer  Wahrnehmung wiederzugeben.

 

 

Man kann nur erahnen, wie sehr die damalige Welt auch nach spiritueller Erneuerung lechzte. Der legendäre Vordenker und Utopist Buckminster Fuller sah in der Nonne, die sich unbeirrt den menschlichen und sozialen Themen widmete, ohne Scheu vor Naivität auch, eine wichtige Persönlichkeit.  Sie selber hat das Verlassen des Ordens, in welchem sie immerhin dreißig Jahre ihres Lebens verbrachte, nie wirklich verwunden. Sie gab an, seit dem nie mehr richtig geschlafen zu haben. 1986 verliert sie den Kampf gegen Krebs, und während in den siebziger Jahren Poster ihrer Werke – das kleinste ist eine Briefmarke, die sie mit der Aufschrift „Love“ gestaltete – die Zimmer der Flowerpower-Generation zierten, geriet sie doch zunehmend in Vergessenheit. Umso mehr muss man dem Museum Ludwig danken, mit der Ausstellung, die passender Weise zum Evangelischen Kirchentag in Köln gezeigt wird,  die Wiederentdeckung dieser interessanten Künstlerin zu befördern.

 



Laufzeit der Ausstellung „Leute wie wir“ im Museum Ludwig in Köln: 9. Juni - 2. September 2007

 

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Fotos:

01.
Sister Corita, yes people like us, 1965, Siebdruck, 89 x 73 cm, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles © 2007, Joshua M. White, jwpictures.com

02.
Sister Corita, powerup und Life Magazine aufgebaut am Altar, etwa 1966, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles © 2007, Joshua M. White, jwpictures.com

03.
Siebdruck-Workshop am Immaculate Heart College (Corita ist die vierte von links), Unbekannter Fotograf, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

04.
Prozession am Mary’s Day, 1964, Foto: Corita Kent, Courtesy Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

 

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Anke von Heyl ist eine Kölner Kunsthistorikerin, die gerne für Kultur begeistern möchte. Dazu schreibt sie in ihrem Weblog - und nun auch für MissTilly.