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Die schönsten Franzosen in Berlin

Und meine Mutter und ich mittendrin! Oder besser gesagt: Mittendrin in der Warteschlange?

„Maria, morgen früh gehen wir in die Franzosen-Ausstellung. Das wäre der perfekte Tag.“ Ich bin ein wenig überrascht und frage wenig geistreich: „Morgen?“.
Meine Mutter wäre nicht meine Mutter, hätte sie nicht gleich auch ein schlagendes Argument auf den Lippen: „Ansonsten muss ich ohne dich gehen.“ Was  bedeuten würde: Ich gehe mit einer Freundin in die Ausstellung, zahle meine Karte selber, die Audiotour auch. Ich wäre also ein paar Euro ärmer - an Bildung, via Kopfhörer vermittelt, wohl auch.
So kommt es, dass meine Mutter und ich am nächsten Tag ganz früh aufstehen
um einige Tassen Kaffee und Stunden später an der neuen Nationalgalerie zu sein – allerdings noch immer ohne ein anständiges Frühstück im Magen.

 

Vor der Neuen Nationalgalerie stehen kleine niedliche Häuschen, in den Farben Weiß, Blau und Rot. Als Tourist wäre ich nicht gleich auf die Idee gekommen, hier die Kasse zu finden. Aber durch Ausstellungen wie „MoMa“, „Blauer Reiter“ und „Melancholie“ bin ich schon im Bilde. Ich stelle mich also ganz brav an, in die nicht allzu lange Schlange, und denke mir: „Schätzungsweise 10 Minuten, dann haben wir unsere Karten.“ Wo aber ist meine Mutter? „Maria!“. Auf einmal steht die Frau, die mich erzogen hat, ganz vorne an einer der zwei Kassen. „Mensch Mama, was soll denn das?“, „Was denn? Das ist hier eine extra Schlange, wenn die anderen zu doof sind und sich lieber bei der längeren anstellen, sind sie selbst Schuld!“. Ich schaue mich um und fange gerade an, das Schlangen-System zu hinterfragen, als wir auch schon unsere Karten haben und meine Mutter mich weiter schiebt.

 

Die Neue Nationalgalerie scheint von Ausstellung zu Ausstellung ihre Einlass-Methoden zu verbessern. Mittlerweile sind diese so ausgefeilt, dass man gar nicht mehr in Warteschlangen stehen muss. Auf der Eintrittskarte steht nämlich eine Nummer, und es wird immer eine  Zeit angegeben, in der bestimmten Kartennummern Eintritt gewährt wird. Darüber hinaus gibt es einen komfortablen SMS-Service, der einem erlaubt, sich während der Wartezeit vom Museum zu entfernen. All diese netten Dinge sind natürlich in einem Infozettel zusammengefasst inklusive Tipps für die Wartezeit. Sogar das KaDeWe wird dort empfohlen, wer hätte das gedacht?

 

Die ersten Bilder, die wir zu Gesicht bekommen, sind von Manet. Zu dem Bild „Im Boot“ gibt es einen Audiobeitrag. Meine Mutter und ich drängen uns an die Kopfhörer und lauschen gespannt. Normalerweise bringen wir unsere eigenen Hörer mit, damit jeder einen Stöpsel im Ohr hat, diesmal haben wir das vergessen. Meiner Mama ist das bald zu unbequem. Sie überlässt mir den Audioguide (zu deutsch: Hörführer). Zu den Bildern von Degas, den Ballettszenen und Motiven von Tanzstunden, wird einem klassische Musik geboten, die zu Tagträumen einlädt

 

Verzaubern kann aber auch das Bild der „Pandora“ von Odilon Redon. Wir stehen davor und schauen es an: seine sanften, zarten und doch ausdruckstarken Farben sind bemerkenswert. Und wir  finden es schade, dass neben einem Stillleben mit Blumenstrauß von diesem Künstler nicht noch andere Bilder  in der Ausstellung  zu sehen sind.

 

Natürlich sind auch die ganz bekannten Namen vertreten: Sisley, Pissarro, Courbet, van Gogh, Igres, Gaugin, Picasso. Von allen Stilepochen des 19. und 20 Jahrhunderts war ein bisschen zu sehen. Eine Art Crashkurs der jüngeren Kunstgeschichte. Wäre diese Ausstellung noch zu meiner Schulzeit gewesen - meine Kunstlehrerin hätte vor Glück geweint. Jedenfalls kann ich heute von ihrer damaligen „Schwäche“ sehr profitieren und mit Wissen prahlen: Meiner Mutter bringe ich alles Mögliche nahe - den speziellen Pinselduktus van Goghs, den sehenswerten Farbauftrag Monets und die Eigenheiten der akademischen Malweise...

 

In allen Räumen sieht man junge Damen (Kunststudentinnen). Sie sind „Live!Speaker“ und bieten sich als direkte Ansprechpartner für die Besucher an. Man erkennt sie an ihren T-Shirts in den schon vertrauten  Farben - Weiß, Rot und Blau. Sie scheinen so gut wie alles zu wissen, dabei sind sie  meist auf einen der  Künstler spezialisiert und sehr erfreut, angesprochen zu werden. Wenn auch nicht von uns,  die wir ja  gut ausgestattet sind: mit Audiouguide zum einen und meinem erstklassigen Epochenwissen zum anderen.

 

Besonders beeindruckt mich das Bild „Jeanne Hébuterne“ von Amedo Modigliani, das die Geliebte des Malers zeigt. Der Künstler und die Portraitierte waren schon seit längerem ein Paar und hatten ein uneheliches Kind, ein zweites war bereits unterwegs in der Zeit, als das Bild entstand. Doch Modigliani war alkoholabhängig, bekam Tuberkulose und starb schon kurz nach der Vollendung dieses Werkes. Seine Geliebte war so verzweifelt, dass sie sich einen Tag nach Modiglianis Tod von dem Dach eines Hauses stürzte, mit dem  Ungeborenen im Leib. Wenn man die tragische Geschichte kennt, die  hinter einem Bild zu entdecken ist, berührt es einen noch einmal ganz anders.

 

Nachtrag:

Meine Mutter hat mich gebeten zu erwähnen, dass es eine extra Hörführung für Kinder gab. Sie hat mir sogar die Hörer weggenommen, um kurz hinein zu horchen. Da stand sie nun, meine Mama, losgelöst von ihrem eigentlichen Alter, wie ein kleines Mädchen, lachend und grinsend einem  Mann mit französischem Akzent lauschend, der etwas über das Bild „Auf der Wiese“ von Renoir erzählte. Und sogar die Figuren hätten angefangen zu sprechen. Ach ja, meine Mutter!

 

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Die Ausstellung ist noch bis zum 7.Oktober zu besichtigen. Mehr Infos finden Sie hier!

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Bildnachweis:

 

01. Foto des Eifelturms von Coda2 (flickr.com)

 

02. Bild von Odilon Redon: "Pandora" 1924

 

03. Bild von Amedo Modigliani: "Jeanne Hébuterne" 1918