Lesen

Die souveräne Leserin

Die Queen entdeckt die Literatur. Und der englische Kultautor Alan Bennett erfindet mit seinem Roman „Die souveräne Leserin“ die Lust am Buch noch einmal neu.

Queen Elizabeth entdeckt das Lesen, oder genauer: Statt nur Memoranden, Akten und Staatspapiere zu lesen, wie sie es ihr Arbeitsleben lang tun musste und gern getan hat, entdeckt sie die Freude an Romanen – und wird schwierig. Ihre Umgebung, vom persönlichen Sekretär über den Premierminister und Staatsgäste bis zu Herzog Philipp, findet ihr neues Hobby ziemlich unpassend. Weil eine Queen keine Hobbies zu haben hat und weil Elizabeth sich plötzlich nicht mehr für die Aufgaben interessiert, die andere für sie vorgesehen haben: Anstelle fremder Präsidenten will sie lieber Romanautoren empfangen. Statt zum vierten Mal die Niagarafälle zu betrachten oder wieder mal ein neues Milchwerk zu besichtigen, möchte sie über ihren Spaß an Charles Dickens reden oder einfach das nächste Buch lesen.

Der englische Autor Alan Bennett, bekannt geworden durch eine Comedy-Revue und satirische Monologe bei der BBC, ist schon früher durch grimmige, immer witzige Geschichten aufgefallen: etwa mit „Cosi fan tute“, der Geschichte eines Ehepaares, das eines Tages nach Hause kommt, seine Wohnung total leer vorfindet und Tausende von Ehetagen neu entdecken muss. Oder mit „Vatertage“, einem Buch über den Einfluss der „alten Herrn“ auf das Leben der längst erwachsenen Kinder, oder „Handauflegen“, einer Satire über den Tod eines Society-VIPs.

Mit der „souveränen Leserin“ schrieb er nun einen Kurzroman, der all seine schritstellerischen Vorzüge in sich vereint – den Witz, den trockenen Humor, für den die Briten ja immer gelobt wurden, seine sehr präzise Beobachtungsgabe, seine exakten Kenntnisse von Monarchie und Monarchin, die man auch als unverschämt gute Satire lesen kann. Dazu kommt allerdings jetzt das Mitgefühl, das Bennett im Älterwerden – er wurde 1934 geboren – für seine Mitmenschen entwickelte, und das verändert seine bekannte Bissigkeit in etwas Neues.

Queen II ist keine verschrobene alte Monarchin, die nicht mehr weiß, was ihre Pflicht gegenüber Volk und Commonwealth ist, sondern eine Frau, die in ihren späten Jahren eine ganz eigene Freude und damit eine neue Freiheit entdeckt. Die Freiheit, zumindest nach Erledigung der Staatsaufgaben keine Rücksicht mehr zu nehmen, ganz sie selbst zu sein, Welten zu entdecken, die ihr Jahrzehnte lang vorenthalten wurden. Oder die sie sich selbst vorenthalten hat. Sie zeigt, dass man sich auch jenseits der 70 noch ändern kann, glücklicher werden. Durch die Entdeckung all der Welten, die Schriftsteller für uns erfunden haben.

Auf nur etwas über 100 Seiten liefert Bennett damit neben einem brillant geschriebenen Roman Lebenshilfe in ihrer schönsten und amüsantesten Form.