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Die Tigermutter

Für Amy Chua zählen in der Erziehung ihrer Kinder nur Perfektion, Erfolg, Drill. Ihr Buch "Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte " ist hoch umstritten.

Eine im Westen tatsächlich neue und empfehlenswerte Erziehungsmethode? Und damit die Antwort auf all unsere Klagen über schwierige Kinder? Oder eine bösartige, fremdenfeindliche und trotzdem grellkomische Satire?

Amy Chua, Professorin für Rechtswissenschaften an der renommierten Yale Law School, stammt von chinesischen US-Einwanderern ab, heiratete einen jüdischen Rechtsprofessor, bekam zwei Töchter und erzog sie genau so, wie ihrer Meinung nach Kinder erzogen werden müssen - mit äußerster Härte, denn - so sagt sie - Kinder müssen zum Siegen gezwungen werden, zum fraglosen Respekt und Gehorsam gegenüber elterlichen Forderungen. Fragen nach kindlicher Psychologie, nach kindlichen Freiheits- oder Selbstständigkeitswünschen sind dabei so unerwünscht wie nebensächlich. Kindliches Glück heißt - lernen, lernen, lernen und üben, üben, üben.

 

Üben bis Mitternacht und notfalls Kloverbot


Natürlich hat Amy Chua nicht unrecht. Wer eine Klavier- oder Geigenvirtuosin werden will, kommt ums Üben nicht drumrum, aber Amy Chan zwingt ihre Töchter notfalls bis Mitternacht an die Instrumente, inklusive Kloverbot und Verzicht aufs Abendessen. So lange, bis sie ihr Pensum perfekt beherrschen. Und nicht nur das:

Sie dressiert Sophia und Louisa zu Mathematikgenies, bringt schon den Dreijährigen das Alphabet bei, zwingt sie die chinesische Hochsprache Mandarin zu lernen, weigert sich unbarmherzig ihre kindlichen Geburtstags-Glückwunschkarten entgegenzunehmen, wenn die Mädchen sich - der mütterlichen Meinung nach - zu wenig Mühe gegeben haben, hetzt die beiden gegeneinander, beschimpft sie, erniedrigt sie, treibt sie unerbittlich vorwärts.


Lektüre zwischen Abscheu und Lachen


Das Rezept geht auf. Sophia wie Louisa feiern sehr frühe Erfolge als Solistinnen, in New York wie in Budapest. Beide gehören in der Schule immer zu den Besten, und zumindest Sophia, die Ältere, versichert ihrer Mutter auch als 18-Jährige noch: Du hast alles richtig gemacht. Ich liebe dich.

Amy Chua beschreibt die Erziehung ihrer Töchter mit absoluter Offenheit. Ob sie Louisa damit droht, ihr alle Stofftiere wegzunehmen und zu verbrennen, wenn sie nicht  endlich "perfekt" spielt, oder Sophia "Müll" nennt, weil sie sich (nach Meinung der Mutter) eine Frechheit erlaubt hatte - ihre Selbstgerechtigkeit macht das Lesen ihres Buches zu einer Achterbahnfahrt zwischen zähneknirschender Bewunderung, Abscheu, Mitleid und fassungslosem Lachen.

 

Tigermother kontra Kuschelpädagogik


Als (alleinerziehende) Mutter frage ich mich, ob eine ähnliche Strenge meinem Sohn zu einem glücklicheren Erwachsenen gemacht hätte. Oder zu einem Therapie bedürftigen Neurotiker. Schließlich schwankt jede Mutter ständig zwischen dem Gefühl, zu wenig für das Kind zu tun, und der Angst, irgendetwas verkehrt zu machen. Da mein Sohn mit seinem Leben rundrum gut fertig zu werden scheint, neige ich zur totalen Ablehnung chinesischer Härte, und so geht es wahrscheinlich vielen Lesern, denn Amy Chans Buch ist in kürzester Zeit nicht nur zu einem internationalen Bestseller geworden, sondern liegt als Diskussionsthema total im Trend.

Ist die Erziehung durch eine chinesische "Tiger Mother" also für das Kind besser oder schlechter als unsere Kuschelpädagogik? Amy Chua ist überzeugt von Ersterem und verweist stolz auf die überdurchschnittlich vielen chinesischen Toppmusiker, auf chinesisch-stämmige Mathegenies, auf die ständig wachsende Zunahme von chinesischen Studenten an den amerikanischen Eliteuniversitäten. Sie verallgemeinert den Erfolg ihrer Töchter.  


Schaden an der kindlichen Seele

 

Was Amy Chua mit keinem Wort anspricht: In China selbst klagen Pädagogen und Soziologen bitterlich über die "kleinen Prinzen" und Prinzessinnen aus den Ein-Kind-Familien, die - nach westlichem Vorbild? - maßlos verzogen werden, niemandem mehr gehorchen wollen. Auch unter den Kindern oder Enkeln chinesischer Einwanderer in den USA gibt es weit mehr Nicht-Genies als Siegertypen. Weil die Eltern sich nicht nach "chinesischen" Erziehungsgrundsätzen richteten oder weil die einfach nicht mehr in unsere Zeit passen? Weil wir endlich gelernt haben, dass Anschreien, Beleidigen, Immer-nur-Verbieten, Bestechen (auch das gehört zu Amy Chuas Methoden), Bedrohen, Strafen in der kindlichen Seele immensen Schaden anrichten können?!

Sicher ist: "Die Mutter des Erfolges" ist ein aufregendes Buch, mit einem weit höheren Thrill-Faktor als 90 Prozent aller Krimis, Amy Chua als Autorin interessanter als die meisten Romanschreiber. Ist sie auch ein Vorbild? Als Karrieremutter bestimmt.

Ohne je zu klagen verbindet sie ihren anspruchsvollen Job als Rechtsprofessorin mit dem, was sie als Erziehungsauftrag ihrer Eltern empfindet. Sie arbeitet vom frühen Morgen bis Mitternacht, um beide gleich gut zu bewältigen, und Zweifel an sich oder ihren Methoden kommen ihr noch nicht mal als Tochter Nr. 2 endgültig rebelliert:  Louisa bricht aus dem Zwangskorsett aus, das die Mutter ihr angelegt hatte,  ersetzt Geigenstunden durch Tennisspielen, verbittet sich rigoros jede weitere Einmischung in ihr Leben. Und ihre Mutter schafft sich einen Hund an, um an dem ihren Frust auszuleben.

 

Glücklich - oder reif für den Therapeuten?


Was ich jetzt natürlich gern wüsste: Wie wird es den beiden Chua-Töchtern in zwanzig Jahren gehen? Werden sie ihre eigenen Kinder ähnlich erziehen wie Mutter Chua sie? Sind sie glücklich? Zufrieden verheiratet oder schon dreimal geschieden? Leiden sie an Depressionen, Burn-out-Syndrom, psychosomatischen Krankheiten? Arbeiten sie bei einem Therapeuten ihre harte Kindheit auf?

Wenn Amy Chua an die Zukunft ihrer Kinder denkt, sieht sie nur Siege, Erfolg, tiefe, unverbrüchliche Zuneigung zu sich und ihrem Mann (verbunden mit der unausweislichen Verpflichtung im Alter für die Eltern zu sorgen), Treue gegenüber dem, was sie als chinesisches Erbe in Ehren hält. Möge sie Recht haben. Ich finde ihre Methoden grauenvoll, aber ihr Buch großartig.