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Die Tochter des Fotografen

In dem ersten Roman der Amerikanerin Kim Edwards geht es um ein Familiengeheimnis, das gewahrt wird. „Die Tochter des Fotografen“ ist ein Buch, das Gefühle nicht scheut, aber Kitschfallen umgeht.

Dass es ein Buch zum Thema Umgang mit Behinderung auf internationale Bestseller-Listen schafft, erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, aber nach der Lektüre von Kim Edwards Roman „Die Tochter des Fotografen“ verwundert der plötzliche Erfolg der jetzt erschienenen deutschen Taschenbuchausgabe nicht.

Die Ausgangssituation des Romans wird szenisch dicht erzählt: Da ist eine verschneite Nacht, durch die ein frisch verheiratetes Paar Mitte der sechziger Jahre zum nächsten Krankenhaus fährt. Die Frau liegt in heftigen Wehen, während David, ihr Ehemann, es einfach nicht fertig bringt, Geschwindigkeitsbegrenzungen zu missachten, – und auf leerer Straße korrekt an jeder roten Ampel hält.

Wenig später die Entbindung, die der Vater – als Arzt auch – selbst betreut und die den Leser genauso überrascht wie die Eltern, die eigentlich erst in drei Wochen mit ihrem ersten Kind gerechnet hätten. Der Junge, der schnell und problemlos zur Welt kommt, schafft es beinahe, David zu einem Wechsel der Perspektive vom professionell behandelnden Arzt zum stolzen Vater zu bewegen. Doch der Moment währt nur kurz, und Davids Frau Norah entbindet statt der erwarteten Nachgeburt ein weiteres Baby – Phoebe, ein Mädchen mit Down-Syndrom.

Und schon hat David alles vor Augen, was er während seiner medizinischen Ausbildung zu dieser Behinderung gelernt hat: geistige und körperliche Entwicklungsschwierigkeiten, voraussichtlich ein schwerer Herzfehler und eine geringe Lebenserwartung. Dieses Wissen führt zu einem folgenschweren Entschluss: Bevor seine Frau aus der Narkose erwacht, vertraut er das Mädchen einer anwesenden Krankenschwester an mit der Bitte, die Tochter in einem Heim unterzubringen, unter „ihresgleichen“.

Die junge Frau nimmt das Kind mit und fährt zu der angegebenen Adresse. Dort wird eine eindrucksvolle Szene beschrieben, die ohne viele Worte klarmacht, was  für ein Leben die kleine Phoebe an diesem Ort erwarten würde. Caroline wird Zeugin dieses Geschehens – und bringt es nicht über sich, das Baby abzugeben. Stattdessen verlässt sie mit Phoebe die Stadt, um das Kind allein großzuziehen.

Jetzt werden mit großer Tiefe die Lebenswege beschrieben, die in dieser Nacht verknüpft wurden. Da ist zum einen die Geschichte Davids, des Arztes, dem es trotz starker Schuldgefühle und immer wieder kehrender Zweifel gelingt, seiner Frau gegenüber die Lebenslüge aufrechtzuerhalten, die Tochter sei bei der Geburt gestorben. Zum anderen geht es um Norah, die den Verlust des Kindes und die Entfremdung von ihrem Mann mit Alkohol und wechselnden Affären betäubt – und trotzdem das Gefühl nicht los wird, fremd zu sein im eigenen Leben.

Und dazwischen ist Paul, die Verzweiflung und den Schmerz seiner Eltern spürend und selbst einen diffusen Verlust empfindend. Wie anders das Leben dieser Familie verlaufen wäre, wenn die Weichen in dieser Nacht anders gestellt worden wären – diese Frage drängt sich dem Leser immerzu auf. Und warum schafft es keine der Figuren, die Mauern zu durchbrechen, die alle Beteiligten so sorgsam um sich selbst errichtet haben?

Caroline hingegen, die junge Frau, die Phoebe wie eine eigene Tochter liebt, kämpft an anderen Schauplätzen. Eine Schulbildung oder das Ausüben eines Berufes waren Mitte der sechziger Jahre für ein Kind wie Phoebe nahezu undenkbar. Immer wieder rennt ihre Ziehmutter so gegen verschlossene Türen an und versucht, vor Gericht ein lebenswertes Leben für ihre Tochter (und andere behinderte Kinder) zu erstreiten. Und auch hier taucht immer wieder die Frage auf, ob es die richtige Entscheidung ist, auf Davids Wunsch hin Phoebe den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie zu verwehren.

Das Zusammentreffen von Phoebe mit Mutter und Bruder wird erst nach Davids frühem Tod möglich. Doch hier wird die Kitschfalle einer rührenden, alles revidierenden Umarmung umgangen. Die Begegnung wird als Geschenk empfunden, und trotzdem bleiben der Schmerz um die verpassten gemeinsamen Jahre und das Unverständnis für die einsame Entscheidung des Vaters.

Den Stoff zu ihrem Roman fand Kim Edwards in der eigenen Kirchengemeinde, in der ein Pfarrer von dem Fall eines Mannes erzählte, der 40 Jahre nichts von der Existenz seines behinderten Bruders wusste. Ein Kennenlernen konnte hier aber nicht mehr stattfinden, da der Mann kurz zuvor verstarb. Einige Zeit später traf  dann Kim Edwards als Leiterin eines Schreibseminars auf behinderte Menschen mit ihren Erfahrungen, und nun begann sie, die Geschichte in Romanform aufschreiben.

Drei Jahre hat sich die Autorin mit der Arbeit am Manuskript Zeit gelassen. Jeden Strang der Handlung hat sie bis ins Detail recherchiert, ob es sich um Aspekte der Fotografie handelt, um das Hobby einer der Figuren oder die Geographie Kentuckys. Und gelungen ist ihr dabei vor allem, ohne moralische Keule oder erhobenen Zeigefinger einzufangen, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Down-Syndrom und Behinderung allgemein verändert hat.

Im Herbst erscheint ein Band mit Kurzgeschichten der Autorin („Der Hibiskushimmel“, ebenfalls bei Kiepenheuer und Witsch). In den USA wurde der Band schon 1997 veröffentlicht und für den PEN/Hemingway-Award nominiert.

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Anne Leichtfuß ist Buchhändlerin und somit leidenschaftlich mit allem verbandelt, was Bücher angeht. Derzeit befindet sie sich im Studium zur Online-Redakteurin in Köln.


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