Wissenswertes

Die Unzufriedenheit der Frauen

Männer fühlen sich heute in ihrer Haut und ihrem Leben wohler als Frauen. Das legen zumindest Ergebnisse der „Glücksforschung“ nahe. Was soll uns das sagen? Haben Frauen mittlerweile übertriebene Ansprüche an sich selbst und ihr Umfeld? Oder ist die „Glückslücke“, die da zwischen Männern und Frauen klafft, nur ein Missverständnis, das von einer neuen Trendwissenschaft auf der Suche nach dem persönlichen Wolkenkuckucksheim eher vorangetrieben als aufklärt wird?

„Zwei Tatsachen stehen sich gegenüber: Das Leben der Frauen hat sich, gemessen an einer Reihe objektiver Maßstäbe, in den vergangenen 35 Jahren außerordentlich verbessert. Auf der anderen Seiten schätzen Frauen den Grad ihres Wohlbefindens heutzutage schlechter ein, und zwar sowohl absolut gesehen als auch im Verhältnis zu Männern“, bemerken die US-Ökomomen Betsey Stevenson und Justin Wolfers, die an der Universität von Pennsylvannia forschen.

Die Frage nach Glück und Glücksempfinden mag einst eher Philosophen und Psychologen beschäftigt haben – heute ist das anders. Auch unter Ökonomen hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass persönliches Wohlergehen ein Wert ist, nach dem Menschen streben – und ein Gut, das man mitunter nicht kaufen kann. Mit dieser Erkenntnis aber, so selbstverständlich sie scheinen mag, geriet im herkömmlichen ökonomischen Weltbild vieles ins Wanken: etwa die Vorstellung vom Menschen als „homo oeconomicus“, einem Wirtschaftswesen, das bekanntlich nur den Finger rührt, wenn es unmittelbar dem eigenen Nutzen dient. Wobei auch dieser „Nutzen“ klar definiert schien: als ein Zugewinn an Einkommen oder Kaufkraft, an barer Münze eben, leicht zu messen.

Geld allein macht nicht glücklich! So lautet dagegen das neue Credo eines wissenschaftlichen Trends, der in den vergangenen Jahren ungeheuer populär geworden ist. In der so genannten „Glücksforschung“ versuchen auch Ökonomen, mit einer neuen Sensibilität zu analysieren, inwieweit Geld und Glück einander bedingen. Dabei scheint man sich überraschend einig: In den vergangenen 40 Jahren haben die westlichen Industrienationen einen enormen Zuwachs an Wohlstand erfahren. Der Grad der Zufriedenheit der Menschen aber ist nicht gestiegen.

Zumindest nicht unterm Strich. Denn bei einer differenzierten Betrachtung sieht das Bild schon wieder anders aus: Ähnlich wie das Forscherpaar Betsey Stevenson und Justin Wolfers meint nämlich auch Alan Krueger, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Princeton, dass nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa heute eine „Glückslücke“ zwischen Männer und Frauen klaffe.

Das mag verwundern. Schließlich haben Frauen seit Mitte der sechziger Jahre viele Chancen, die eigene Lebenssituation zu verbessern, gut genutzt: Sie haben aufgeholt, was das Bildungsniveau angeht (und in bestimmten Altersgruppen die Männer sogar schon überholt). Sie sind heute auf dem Arbeitsmarkt viel präsenter als früher – und unabhängiger damit auch von der Ehe als versorgende (und zu umsorgende) Instanz. Daneben haben Geburtenkontrolle und moderne Haushaltsgeräte (anstelle der Männer auch) das ihrige dazu getan, dass weibliche Lebenspläne heute sehr viel facettenreicher in ihren Wegen zwischen Beruf, Familie und Haushalt aussehen. Was also, so könnte man barsch nachfragen, gibt’s hier zu jammern und klagen und Trübsal zu blasen?

Auch die „Glücksforschung“ weiß hierauf keine klare Antwort – und mahnt zur Vorsicht bei der Deutung der eigenen Ergebnisse. Denn was „Glück“ ist und wie es sich „objektiv“ messen lässt, das vermögen auch die Wissenschaftler, die ihm auf der Spur sind, nicht ohne weiteres zu sagen. So basieren etwa die Analysen, mit denen Alan Krueger in seinen Studien aufwartet, auf Umfragen: Der Wirtschaftswissenschaftler erforschte, wie viel Zeit Männer und Frauen heute mit Tätigkeiten verbringen, die sie wahlweise als eher „erfreulich“ oder „unerfreulich“ einschätzen.

Das Ergebnis: Zunächst einmal scheinen Männer und Frauen bestimmte Beschäftigungen nicht gleich positiv oder negativ zu bewerten. Während Männer nämlich zum Beispiel die Zeit, die mit Eltern verbracht wird, als zufriedenstellend empfinden, scheint sie Frauen noch belastender als etwa Wäschewaschen. Vermutlich wird fehlende Zeit hier zu einem entscheidenden Faktor.

Denn wie Alan Krueger weiter beobachtete, hat der Alltag der Frauen an Momenten, die Freizeitcharakter haben, weniger dazugewonnen als der von Männern: Frauen würden heute weniger putzen, kochen und lesen als Mitte der sechziger Jahre noch, dagegen aber sind sie viel mehr als damals mit Erwerbsarbeit und der Sorge für andere Erwachsene wie pflegebedürftige Eltern beschäftigt (und im Übrigen auch mehr mit Fernsehen als früher). Und die Männer? Diese würden im Vergleich zu früher viel öfter einfach „ausruhen, entspannen, nichts tun“. Was in Kruegers Bilanzen deutlich zu Buche schlägt: Über die Woche gesehen , verbrächten Frauen heute 90 Minuten mehr Zeit als die Männer mit „unerfreulichen Dingen“ – vor 40 Jahren betrug der Unterschied zwischen den Geschlechtern nur rund 40 Minuten, also weniger als die Hälfte.

Was können wir mit solchen Zahlen anfangen? Sind sie Kinkerlitzchen nur? Oder ein Indikator für neue Gräben, die sich im alten Geschlechterkonflikt auftun? Die „Glücksforschung“ mahnt jedenfalls, sie ernst zu nehmen: Vermutlich seien die Ansprüche, die viele Frauen an ihr Leben hätten, noch schneller gestiegen als sich die eigene Situation tatsächlich verbessern konnte, so meinen etwa Stevenson und Wolfers. Und negativ zu Buche schlage dabei insbesondere: Frauen würden sich heute nicht mehr nur mit ihresgleichen messen, sondern schielten hinüber – zu den Männern und dem, was deren Leben bestimme.

Ein Fehler? Ganz sicher nicht. Schließlich müssen auch Wissenschaftler immer wieder feststellen: „Glück“ ist keine absolute Größe, sondern eine höchst relative Angelegenheit. Das soziale Umfeld spielt dabei eine entscheidende Rolle, frei nach der Faustregel: Was der Nachbar nebenan hat, ist nicht unbedeutend für die Zufriedenheit, die im eigenen Haushalt herrscht.

Eine Art „Sozialneid“ also auf die männliche Welt – ist es das, was das Glücksgefühl vieler Frauen heute dämpft? Diese Erklärung scheint viel zu einfach, auch wenn es sicher nicht ganz falsch wäre, zunächst einmal von einer „neuen Nachbarschaft“ der Geschlechter überhaupt zu sprechen. Problematisch bleibt aber ein Verdacht, der Erkenntnissen hier und da auf dem Fuße folgt: Es sei „durchaus möglich, dass die Frauenrechtsbewegung der vergangenen Jahrzehnte auch dazu beigetragen habe, dass Frauen zwar wirtschaftlich besser gestellt, aber dennoch weniger glücklich sind“, so bekommt man als Resümee auf die Studien Stevensons & Co zu hören. Wissenschaft auf Eva-Herman-Kurs?

Man muss ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Das gilt nicht nur für die Glücksforschung und ihre Erkenntnisse, die durchaus auch einleuchten: Geld macht nicht glücklich! Oder: Kinder sind für Eltern nicht nur ein Segen! Oder: Dass arme Leute per se zufriedener sind als wohlhabende ist ein Mythos der Reichen! Der Satz mit dem Kind und dem Bad kann ganz bestimmt auch für die Emanzipation gelten, die eben auch nicht an allem schuld ist, was heute nicht glatt läuft. Oder Unmut schafft.

„Frauen sehen sich (heute) relativ schlechter dastehen, als wenn ihre Vergleichsgruppe nur Frauen einschlösse“, so meinen die Wissenschaftler. Und man möchte nachfragen: Was wäre denn eigentlich gewonnen, wenn Frauen heute diesen Vergleich mit den Männern nicht wagten? Sie würden dann wohl nicht besser dastehen – aber „zum Glück“ fiele es niemandem auf? Eine merkwürdige Logik, zum Haareraufen.

Vermutlich ist es eben so, dass man nicht beides haben kann: Das Wolkenkuckucksheim eines großen Glücksgefühls – und den Boden der Tatsachen unter den Füßen. Frauen müssen sich in diesem Sinne wohl entscheiden: Lieber weich in Illusionen gebettet – oder im Hier und Jetzt mit von der Partie. Selbstverständlich macht Emanzipation nicht ohne weiteres so rundum zufrieden, wie so manches Zerrbild von ihr behaupten möchte. Aber wollen wir deshalb gleich ganz auf ihren Gedanken verzichten?

Man möge sich einmal vorstellen: Eine „Mannschaft“ kämpft um ihr „Titelglück“. Fußballweltmeisterschaft zum Beispiel: Auf dem Feld wird geackert, die Nation ist in Aufregung und Xavier Naidoo auf allen Kanälen: Ein – fürwahr – „steiniger und harter Weg“, das Ganze! Aber wer käme wohl auf die Idee und schlüge hier vor: Macht euch doch das Leben nicht so schwer und … he Jungs! ... geht doch einfach nach Hause!?



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