War was?

:: Die Woche :: 01.01. - 07.01.2010

Verpuffte No-Models - In den Sand gesetzt - Women back in the kitchen - Débat Identité nationale

Hungerhaken sind out, „die“ Brigitte wollte künftig vormachen, wie es anders geht. Und alle freuten sich auf modelfreie Fotostrecken mit echten Frauen aus dem wahren Leben. Nun ja, nicht alle – Karl L. war einer derjenigen Unverbesserlichen, der stänkerte „Da sitzen die dicken Muttis mit Chipstüten vor dem Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich.“ Jedenfalls war da nix mit Revolution. Denn enttäuschend dünn und schön zeigte sich das Resultat einer lauwarm umgesetzten Kampagne, die wohl mehr den PR-Zwecken einer Frauenzeitschrift dienen sollte, die gegen all die Lauras, Lisas und Leas am Kiosk konkurrieren muss und kontinuierlich an Auflagenstärke einbüßt. Fazit ? Eine wunderbare Chance vertan, und möglicherweise Leserinnen verprellt. Denn Alternativen gibt es. Der Wermutstropfen: Vorbildcharakter haben eben nur die großen Flaggschiffe. Also, kommt,traut euch

 

Richtig revolutionär mutet dagegen erstmal eine andere Entwicklung an. Selbst wenn die Emanzipation hier nur in einer Randsportart stattfindet. Die erste weibliche Tipp-Kicker-Figur ist da. Hurra? Nee, auch wieder nicht wirklich. Obwohl sie eine so schwierige Geburt war. Man wollte die Damenfigur nicht „zu weiblich“ machen - damit sie kein Opfer von Sexismus wird in einem Sport, in dem es um Anfassen geht. Herbeigesehnt hat sie wohl niemand. Trotz zahmer Kurven finden sie die Kickerinnen selbst schlicht „benachteiligt und nicht emanzipiert“ - weil ihre Verteidigungsfläche denen der Männerfigur nachhinkt. Also auch hier ein bloßer Werbegag? Oder im besten Falle: gut gemeint und nichts dabei gedacht? Selbst Freude über den Symbolcharakter will nicht wirklich aufkommen. Ach, Neues Jahr, ein bisschen ambitionierter darf es schon sein.

 

Frauen tragen Verantwortung. Waren es bis zur denkwürdigen Wahl der Angela Merkel zur Kanzlerin vor allem die "frauenaffinen" Themen Kinder, Jugend, Senioren, Umwelt, Entwicklungshilfe, Gesundheit und Küche, die Frauen besetzen durften, so lenkt und leitet Frau jetzt u.a. das Land, die Arbeit und die Kirche. (Wohlgemerkt die Evangelische Kirche - das ist systemisch bedingt derzeit nicht anders möglich.) Dass Frau Käßmann sich da erdreistete, als Nicht-Militär, als Nicht-Politikerin, als Nicht-Mann zum Afghanistan-Krieg Stellung zu beziehen, schien dem einen oder anderen mächtig gegen den Strich zu gehen. Aber, Gott sei es gedankt, die Zeit heilt alle Wunder. Und so ist der Impuls Frau Käßmanns schon verpufft. Denn leider rieb sich die Öffentlichkeit nur genüsslich an der Auseinandersetzung um die Macht. Wer etwas wie, wo und wann sagen darf oder eben nicht. Die Aufforderung, um einen Frieden zu ringen, aber ohne Waffengewalt, ist in diesem Wortgestöber um Zuständigkeit, Verantwortung usw. schlicht untergegangen.

 

Was haben ein Gesetzentwurf gegen das Tragen der Burka und eine Identitätsdebatte gemeinsam? Beide finden in Frankreich statt, beide sind durchaus umstritten und beide spiegeln eine gesellschaftliche Auseinandersetzung wider, die weniger dem Diskurs als dem ideologischen Statement oder politischen Understatement verpflichtet ist. Aber der Reihe nach. Eric Besson, seines Zeichens Minister für Immigration, Integration, Nationale Identität und Solidarische Entwicklung, gebürtiger Marokkaner und UMP-Mitglied, hatte im Dezember vorigen Jahres eine Website einrichten lassen, auf der die Debatte um die Nationale Identität Frankreichs dokumentiert wird und kommentiert werden kann. Ca. 50.000 Kommentare waren es schließlich, die die im November 2009 angestoßene Kampange der Regierung hervorrief - bei 55 Millionen Franzosen sollte die Regierung sich ernsthafte Gedanken um den Netzausbau machen. Die Auswertung von Volkes Stimme besorgte TNS SOFRES - Schlussfolgerungen lieferte Herr Besson selber: Verteidigung der Werte und Prinzipien der französischen Republik, der französischen Sprache, mithin der nationalen Identität. Klingt der Leitkultur-Debatte verbüffend ähnlich. Unter diesem Licht betrachtet erscheint dann der Gesetzentwurf zum Verbot der Burka im öffentlichen Leben wie ein Sekret von rechtem Populismus. Und die Debatte um die nationale, weil französische(?) Identität bekommt den bitteren Beigeschmack eines intellektuell unterlegten Ausgrenzungsversuches. Das kommt nicht von ungefähr - nicht zuletzt Sarkozy hat diese martialischen Töne im Wahlkampf klingen lassen. Politisch schizophren ist es allemal, dass Menschen mit Migrationshintergrund wie Besson und Sarkozy so vehement auf die Verleugnung ihrer Sozialisation aus sind.