War was?

:: Die Woche :: 06.04. - 11.04.2010

Anat Kamm und der Geheimnisverrat - Rosa Otunbajewa und die Expressrevolution - Religion und Fußball - Ilse Aigner und das Facebook

Mit 23 Jahren eine lebenslange Haftstrafe vor Augen zu haben, dürfte eine alptraumhafte Erfahrung sein. Im Fall der israelischen Journalistin Anat Kamm lautet die Anklage auf Geheimnis- bzw. Landesverrat. Sie benutzte ihren Zugang zu so genannten Top-Secret-Dokumenten der israelischen Armee während ihres Militärdienstes, um den Journalisten Uri Blau von der Zeitung "Haaretz" mit Informationen und Schriftstücken zu versorgen, die belegen, dass die israelische Armee im Jahr 2007 entgegen höchstrichterlicher Anordnung gezielt palästinensische Hamas-Funktionäre verfolgte und tötete. Nun sträubt sich das privat empfundene Gerechtigkeitsgefühl allein schon bei der Vorstellung, dass einer Frau der Prozess gemacht werden soll, weil sie die Verheimlichung ganz offensichtlicher Straftaten verhindern will. Geradezu körperliche Schmerzen befallen die unbedarfte Beobachterin angesichts der Verkehrung der Schuldverhältnisse. Denn das Militär und die Geheimdienste Israels bemühen sich um die Verurteilung der jungen Frau zu lebenslanger Haft. Israel hatte sicherlich schon zahlreiche Nagelproben seiner noch relativ jungen Demokratie. Diese wird zu einem Paradigmenwechsel führen - ob ein Schutzmonopol einem Gewaltmonopol gleichbedeutend ist. Und ob der Schutzbedarf der israelischen Demokratie durch Geheimdienste und Militärs erfüllt wird.

 

Langsam, aber stetig reift die empirische Erfahrung, dass in besonders brenzligen Momenten nicht mehr die Männer, sondern die Frauen zu Retterinnen und Heldinnen der Nationen werden, und man kommt zu der Erkenntnis, dass das Patriarchat in Politik und Wirtschaft ausgedient hat. Schauen Sie beispielsweise nach Kirgisistan. Da gab es vor etwa vier Jahren eine so genannte Tulpen-Revolution - und mittendrin war Frau Otunbajewa. Musste Frau Otunbajewa vor 5 Jahren noch der von Männern dominierten, kirgisischen Gesellschaft Tribut zollen und quasi in die "zweite" Reihe rücken, so ist sie nun - nach der Expressrevolution - zur kommissarischen Regierungschefin einer Übergangsregierung ausgerufen worden. Wurde also erst Herr Akajew 2005 in die Wüste politischer Bedeutungslosigkeit verschickt, ist es nun Herr Bakijew, dem kräftig auf die gierigen Finger gehauen wurde. Nun sei damit nicht gesagt, dass nicht auch Frauen den Karren in den Dreck fahren können. Die Vita von Frau Otunbajewa spricht, zumindest nach allem, was bekannt ist, eine andere Sprache. Da scheinen weder der von Machtbesessenheit geleitete Opportunismus einer pragmatischen Politikerin durch noch die ideologisierten Spleens einer gierigen Stilikone. Frau Otunbajewa scheint eine wirkliche Alternative zu den Vorgängermodellen auf dem Präsidentenstuhl in Kirgisistan zu sein.

 

Bald vier Jahre ist es her, dass im Iran in einem Fußballstadion erstmals Frauenstimmen zur Anfeuerung der beiden Mannschaften ertönten. Es war das Spiel einer Kreuzberger Frauenmannschaft gegen die Frauennationalmannschaft des Iran. Frauenfußball fand bis zu diesem Zeitpunkt nur in der Halle statt. Trotz aller Widerstände, Sittenwächter und Ahmadineschad kann das Spiel stattfinden - und jetzt ist es die FIFA, die den Start einer iranischen Frauenmannschaft verhindert. Das vermaledeite Kopftuch passt den FIFA-Funktionären nicht, die auf die Einhaltung ihrer Statuten bzw. Regelbücher (S.20) pochen. Somit ist die Spielberechtigung bei den Olympischen Jugendspielen in Singapore den iranischen Mädchen verwehrt. Aus Sicht des eurozentristischen FIFA-Wächters ist es sicherlich gerechtfertigt, einer ganzen Nation  in aufklärerischer Pose den pädagogischen Zeigefinger zu zeigen: Du, du, so nicht . Ein wenig halbherzig ist es aber schon angesichts der regelrechten Bekreuzigungsarien und hingebungsvollen Gebetshaltungen diverser Profispieler in den verschiedenen Ligen Europas. Was anderes als religiöse Botschaften sind es denn sonst, die da tagtäglich über die TV-Bildschirme flackern? Und diese Frage harrt dann auch noch ihrer Beantwortung - was wird wohl eher passieren: Alle Welt wird nach dem Spiel der iranischen Frauennationalmannschaft Kopftücher tragen. Oder eine erfolgreiche Fußball-Frauenmannschaft wird zur authentischen Botschafterin ihres Geschlechts und ihres Anspruchs auf Gleichbehandlung bzw. -berechtigung.

 

Frau Ilse Aigner ist die Verbraucherschutzministerin Deutschlands. Wem das gerade zu schulmeisterlich herüber kam, dem sei gesagt, dass zumindest nach dem Versuch Frau Aigners, es dem Internetriesen Facebook mal so richtig zu zeigen, es derselben ebenso aus dem Gedächtnis entschwunden zu sein scheint, wie vielleicht der einen oder anderen Leserin. Also - Frau Aigner will sich gegen die ausufernde Interpretation der Datenschutzbestimmungen zuungunsten der angemeldeten Benutzer durch Facebook wehren. Nun könnte man meinen, dass außerparlamentarischer Widerstand für eine Ministerin etwas Neues und ungemein Cooles ist. Dem sei an dieser Stelle widersprochen. Würde sich Frau Aigner beispielsweise mittels Eisenkette an einen "Leopard 2" ketten, der kurz vor der Verschiffung nach Afghanistan steht, dann wäre dies irritierend, aber akzeptabel. Schließlich ist sie nicht Verteidigungsministerin und Herr zu Guttenberg, wie die letzten Wochen zeigten, manchmal beratungsresistent. Aber Datenschutzrichtlinien und ihre Umsetzung zugunsten der Verbraucher - das ist ihr täglich Brot. Sich selbst zum Verbraucher zu machen, quasi im Selbstversuch, ist eine nette Geste. Geht aber an der eigentlichen Aufgabenstellung einer Ministerin vorbei. Vorschlag zur Güte: Frau Aigner wird Fan von MissTilly bei Facebook - und wir helfen dabei, einen Gesetzentwurf zu verfassen, der die Verbraucher vor der Verwertungswut von Facebook, Google und Co. schützt. Abgemacht?