War was?

:: Die Woche :: 06.11. - 12.11.2009

Jubel, Trubel, Mauerfall - Houston, bitte erklären Sie sich - Wir sind gleicher - Der Rat der Weisen und ein Preis

Hat  der 9.11.2009 Sie kalt gelassen? Dann sind Sie nicht allein. Um es gleich klarzustellen: Diesen Tag nicht zu feiern, das geht gar nicht. Dafür hat er zu große historische Bedeutung. Doch Ergriffenheit? Hmm... Da fielen Dominosteine symbolisch ein zweites Mal für die Mauer, Staatsgäste standen zigfach im Regen, große Worte wurden gesprochen. Das Problem aller Jahrestagsfeiern ist, dass es etwas Gekünsteltes, Geplantes hat - kalkulierte Emotionalität auf Knopfdruck eben, während das eigentliche Ereignis ein spontanes, unerwartetes war, dessen Gänsehaut-Feeling sich nicht reproduzieren lässt. Ich war damals 26 Jahre alt, und in Stuttgart war mir Italien vertrauter als die DDR. Vielen geht das heute noch so. Vielleicht wäre es besser gewesen zu fragen statt zu feiern. Und einmal abseits der überholten Dauerbrenner „Wie war das damals in der Diktatur, mit der Stasi?“ ganz andere zu stellen. Zum Beispiel: „Sind die großen Fragen des Lebens in der BRD und in der DDR wirklich andere?“ Reden statt Rummel – vielleicht eine Parole für das nächste Jahr. Damit die Klischees von der Ignoranz der Wessis und der beleidigten Ostseele beiseite gelegt werden können.

 

Aus den Erklärungen der neuen Bundesregierung kann man ohne besondere Mühe die Banner-Sätze herausschreiben, die als Willenserklärungen der jeweiligen Ministerien bzw. der Bundesregierung im Ganzen gelten können. Beschränken wir uns auf drei mehr oder minder repräsentative KanditatInnen: Frau Merkel (die Chefin), Herrn Jung (Arbeit und Soziales) und Frau von der Leyen (FSFJ). Die Kanzlerin hat ein 5-Punkte-Programm, das in den nächsten 4 Jahren abgearbeitet wird. Das ist ein wenig Old-School, Frau Merkel, quasi wie ein Parteitag für Deutschland, aber es sei Ihnen verziehen. Der zweite Punkt des Programms aber versetzt dann doch in Erstaunen. Die BürgerInnen sollen das Verhältnis zu ihrem Staat verbessern. Mit Steuersenkungen, Bürokratie-Abbau und Leistungsbelohnung - schwierig, wenn man keine Steuern zahlt, weil man nicht in Arbeit ist. Und für einen Hartz-IV-Empfänger ist es nicht weniger erniedrigend, wenn er seine Hosen weniger bürokratisch runterlassen muss. Und wie, bitte schön, wird die Leistung des einen vergleichbar entlohnt gegen die Leistung des anderen - Bankmanager vs. Krankenschwester zum Beispiel. Vielleicht kann uns ja Herr Jung aus diesem Dilemma führen? Zugegeben. Eine rhetorische Frage. Franz Josef Jung veranstaltete seine ganz persönlichen Fettnäpfchen-Spiele, quasi in Tradition zu Helmut Kohl. Knackig nichts sagen. "Sozial ist, was Arbeit schafft." Schlimm nur, wenn nicht einmal der Mindestlohn stimmt. Der soziale Frieden sei zu bewahren: Da hat Herr Jung wohl gerade geschlafen, als seine Kanzlerin denselben in ihrer Rede durch den Fokus "auf die Mitte der Gesellschaft" aufgekündigt hatte. Bleibt noch Frau von der Leyen: Wir sind eine "Chancengesellschaft". Mit mehr Geld fürs Kind und für Jugendliche, für unterstützende Netzwerke soll dem Problem von sozialer, kultureller, gesundheitlicher und Bildungs-Armut begegnet werden. Dann hat wohl die Redezeit nicht mehr gereicht. Fazit: Wir haben einen Plan. In der Mitte der Gesellschaft geht die Sonne auf. Geld ist das Aspirin politischer Gestaltungskraft.

 

Sollte es nicht eigentlich nur um fachliche Eignung gehen? Und nicht um das Ergebnis eines Bluttests? Inwiefern dieses die Chancen eines Jobbewerbers verschlechtern kann, mag man sich ebenso wenig ausmalen, wie in welcher Weise dessen Aussichten auf einen Job getrübt sind, wenn Arbeitsvermittler intimste Daten, wie Krankheiten, Familienprobleme und Finanzlage,  einsehen können. Dabei geht es doch auch ganz anders – wenn man will. Das macht uns mit gutem Grund Frankreich vor. Dort beginnen Firmen und Behörden freiwillig damit, künftig Lebensläufe und Bewerbungsunterlagen zu anonymisieren – sprich: Name, Geschlecht, Alter, Geburts- und Wohnort zu löschen, bevor die Papiere der Personalabteilung auf den Tisch kommen - und setzen damit ein Zeichen für die Gleichbehandlung. Weder von Hautfarbe und Herkunft sollen sich die Entscheider bei der Vorauswahl leiten lassen noch vom Geschlecht. Möglich wäre das auch in Deutschland. Unser AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) gibt genügend Spielraum, um Vorurteilen und Schubladendenken mehr als bisher entgegenzusetzen. Vielleicht können wir in Sachen Antidiskrimierung von Frankreich lernen. Ob das funktioniert mit positiven Beispielen alleine statt mit Zwang, werden wir sehen.

 

Das Treffen der Friedensnobelpreisträger ist entstanden auf die Initiative Gorbatschows und unterstützt durch seine Gorbachev Foundation. Die illustre und durchaus ehrenwerte Runde der Preisträger wurde durch die Verleihung an Barack Obama neuerlich gestärkt, der nur leider beim immerhin 10. Summit of Nobel Peace Laureates nicht dabeisein konnte. Sonst hätte er die Ehre gehabt, an der Preisverleihung des "Peace Summit Award" an Annie Lennox teilnehmen zu dürfen. Die Auszeichnung gilt ihrem Engagement im Kampf gegen AIDS auf dem afrikanischen Kontinent insbesondere bei der Unterstützung der Kinder und Frauen, die von dieser unheilbaren Krankheit betroffen sind. Erstaunliche 2 Millionen Dollar an Spendengeldern konnten seit der Gründung ihrer Initiative "Sing" im Jahr 2003 gesammelt werden. Ihnen erscheint das zu wenig? Nun, wenn es so ist, wäre es nur zu verständlich. Denn der Kampf gegen AIDS in Afrika ist nicht nur ein Kampf gegen eine Krankheit. Es ist auch der Kampf gegen die Verwahrlosung unserer Wahrnehmung und unserer Verantwortung. Zu sehr haben wir uns schon an die Hungerbäuche der Kinder, an die Kriegstoten und -verstümmelten, an das ganze Elend in Liberia, Nigeria, Kenia, Sierra Leone, Somalia, Tschad, Ruanda, Kongo, Simbabwe, Angola usw. gewöhnt. Zu sehr versuchen wir deren Probleme mit Geld zu lösen, das wir im Nachhinein wieder in unseren Kassen klingen hören. Annie Lennox hat einen Preis bekommen, der uns ermutigen soll, die Augen zu öffnen und offen zu halten.