War was?

:: Die Woche :: 10.10. - 15.10.2009

Gebt der Jugend eine Chance - Kein Wort zu viel - Kein Cent zu wenig - Die Tränen nicht wert

Sie kennen das vielleicht aus Ihrer noch nicht allzu fernen Jugendzeit: Die Ausbildung ist beendet, das Leben kann kommen, ein Mann, ein Kind, ein Baum, ein Haus - die Zukunft schreit nach Ihren Entscheidungen. Nur keiner möchte sie hören. Allein Ihre Eltern könnten Ihnen den Weg bereiten, mit ihrem überreichlichen Kapital an sozialen Kontakten, im Volksmund auch schnöde Vitamin B genannt. Alle wissen es, aber praktizieren es wie den Besuch bei der Bepüsterfrau. Außer einem natürlich: Des Weißen Ritters schöner Sohn bewirbt sich für den Chefposten der EPAD, und der hyperaktive Nicolas ist voll des Lobes für seinen mutigen und zähen Filius. "Skandal" und "Vetternwirtschaft" schreit da die Opposition. Zudem mangelt es Herrn Jean Sarkozy mit seinen 23 Jahren wohl doch an den entsprechenden Jahren der Reife. Und mit der fachlichen Expertise kann er auch noch nicht protzen. Obschon  dieser, wie Laurent Fabius über den schönen Prinzen süffisant bemerkte, immerhin das zweite Jahr der Juristerei bereits begonnen habe. Nun, wenn der Weiße Ritter die Verjüngung der politischen Eliten einfordert, dann wollen auch wir den Neidern und Nörglern zurufen: Gebt doch der Jugend eine Chance!

 

Über den provokanten Thilo mit der scharfen Zunge gibt es seit seinem Interview mit "Lettre International" Elogen und Schmähreden, die einem Politiker vom Kaliber eines Jörg Haider mehr als gut zu Gesicht gestanden hätten. Der Tendenz, seine Aussagen als populistische Kampfansagen des "richtigen Deutschen" zu benutzen, dürfte Thilo Sarrazin am einfachsten selbst entgegen wirken. Liest man nun aber die viel zitierten Passagen seines Interviews und akzeptiert man das Fettnäpfchen-Gebaren Herrn Sarrazins als Attitüde, entkleidet man demnach seine Aussagen aller politischen Unkorrektheiten und Beleidigungen, dann bleibt das scharf kalkulierte Funktionsverständnis einer Gesellschaft übrig, in der sich die Akteure nur noch wie qualitativ hochwertige Rädchen im Getriebe wirtschaftlicher Sachzusammenhänge und -zwänge zu bewegen haben. Je angepasster die Bewegung der Rädchen ist, um so stärker belohnt dies die große Wirtschaft. Funktionsmängel, Verschleiß oder Fehlfunktionen dagegen werden mit Sarrazinschem Liebesentzug quittiert: Der Geldhahn wird zugedreht. Was Thilo Sarrazin beschreibt, ist das Bild einer Leistungsgesellschaft im Verständnis mittelständischer Eliten. Nur, wollen wir wirklich in solch einer Gesellschaft leben? Gewürzt vielleicht noch mit dem spezifisch sarrazinschen Mangel an Empathie für die Biografie des Einzelnen? Und seinem kulturnihilistischen Pragmatismus?

 

Das ist aber auch gemein. Die FDP darf ihre Steuerreform vom repräsentabelsten FDP-Vorsitzenden aller bisherigen Zeiten nicht umsetzen. Weil das Geld fehlt. Die an dieser Stelle bereits empfohlene Maßnahme des Gelddruckens mit dem beliebten Effekt von drei Fliegen (Geld, Arbeitsplätze und gesteigerte Kompetenz im Umgang mit Geld) und einer Klappe scheint verworfen. Denn auch Geld muss erst bezahlt werden. Und die Kassen sind bekanntlich (fast) leer. Das reicht gerade so für die nächste Erhöhung der Diäten. Wollen wir doch mal nicht die wichtigen Dinge aus dem Auge verlieren. Schließlich sind die Koalitionsverhandlungen enorm anstrengend, jetzt, da die desaströse Haushaltslage mit all ihrer hinterhältigen Durchtriebenheit an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden konnte. Keiner bei der FDP hat sich in seinen kühnsten Wahlkampfphantasien vorstellen können, dass eine Steuerreform von derart vielen Lobbyisten nicht gelitten ist. Und der deutsche Staat ein Sanierungsfall vom allerfeinsten ist. Also noch einmal: Die FDP wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Wähler nicht zu enttäuschen. Dafür muss der Wähler aber auch das eine oder andere Opfer bringen. Apropos: Über Bildung und Geschlechtergerechtigkeit wurde sich noch immer nicht koalitionär  geäußert.

 

Frauen und Männer weinen anders. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. bestätigt in einer ihrer letzten Pressemitteilungen ein, nun sagen wir, empirisches Vorurteil: Frauen weinen mehr, Frauen weinen länger und Frauen weinen zu anderen Anlässen. Letzteres mag man, wiederum aus eigenem Erleben heraus, durchaus bestätigen können. Sind es bei Frauen schwer lösbare Konflikte oder die eigene Unzulänglichkeit, die zu Tränen führen, kann es beim Mann schon mal die Unzulänglichkeit der Nationalmannschaft oder die tief empfundene Tristesse im volltrunkenen Zustand sein. Ansonsten weinen Männer ebenso viel wie Frauen, nur eben innerlich. Oder im Handwerksschuppen, bei geschlossenen Vorhängen. Denn emotionale Tränen kennen kein Geschlecht. Wie nun aber die Bildzeitung in einem ihrer Ratgeber-Telegramme zu der Aussage kommt, dass Männer 17-mal, Frauen aber 654-mal weinen und somit 4-mal mehr weinen, wird lange noch ungeklärt bleiben.