War was?

:: Die Woche :: 20.02. - 26.02.2009

Grabesstille in der Tafelrunde - Ein Zwanziger gegen Zwanziger - Jetzt zahl' ich, jetzt zahl' ich nicht - Widerruf? Wieso Widerruf?

Während der Klavierspieler dieses Mal ausgesprochen verkniffen blieb (und von der sonst so markigen Art des italienischen Premiers wenig zu sehen war) und während der Weiße Ritter (Nicolas Sarkozy) und seine Herzensdame (Angela Merkel) eher verhalten das große Wort schwangen, fiel der EU-Gipfel des letzten Wochenendes in eine Lethargie, wie sie der Hase im Angesicht der Schlange verspüren dürfte: Die allgemeine Wirtschaftskrise bekommt Fahrt und verunsichert. Waren es vor ein paar Monaten noch 100 Milliarden Dollar oder Euro, von denen wir fürchteten, sie würden unserem Wohlstand und der Stabilität schaden, so kann man jetzt – so mir nichts dir nichts – die eine oder andere Billion in einer solchen Bilanz verschwinden sehen. Da verkommen die Entschlüsse der großen Geldgeber innerhalb der EU zu kleinen Fußnoten einer sich schneller und schneller schreibenden Geschichte von  Wirtschaftskrise. Zumal der Gegenwind hier (entgegen den meteorologischen Vorhersagen) ein Klima der Kälte und Abschottung verheißt. Und  Äußerungen wie die des Herrn Steinbrück lassen aufhorchen: Dieser nämlich meint, bei den Finanzdienstleistern einen Bedarf an finanzieller Unterstützung ausmachen zu können, den er in der Güterindustrie so nicht sehen könne. Nun ja, dagegen sind Angela Merkels Appelle an das Vertrauen der Menschen in die Politik noch recht freundliche Durchhalteparolen.

 

Einen Appell der anderen Art wagte auch der Journalist Jens Weinreich. Für all jene, denen der DFB, ein Herr Zwanziger oder gar Fußball überhaupt nichts sagt: Jens Weinreich hatte in seinem Blog den Präsidenten des DFB einen „unglaublichen Demagogen“ genannt. Dies war Ende Juli 2008. Seit diesem Tag versucht Herr Weinreich, sich in juristischen Scharmützeln für die Meinungsfreiheit stark zu machen und sich gegen die mediale und juristische Übermacht des DFB erfolgreich zu wehren. Denn obwohl bisher alle Urteile in diesem Konflikt zu Weinreichs Gunsten ausgesprochen wurden, war dieser dennoch vor wenigen Tagen genötigt, einen Spendenaufruf zu veröffentlichen: Die gerichtliche Auseinandersetzung ist nämlich nicht nur zeitraubend  – als freier Journalist ist Zeit ein extrem teures Gut –, nein, sie ist auch unberechenbar hinsichtlich der Kosten. Bis zu 70000 Euro stehen hier prognostiziert im Raum. Merkwürdig vor diesem Hintergrund also, dass in den großen Feuilletons so gar nichts davon zu lesen ist und die deutschen Journalistenverbände und andere „maßgebliche“ Organisationen auch nicht viel entschlossener auftreten. Nur aus der Bloggerszene kam deutlicher Zuspruch, zumindest das.

 

Asse war gestern. Gorleben ist heute. So ähnlich ließe sich die Argumentation von Frau Reiche aus ihren letzten Verlautbarungen deuten. 15.000 Menschen haben sich am Donnerstag hiergegen quergestellt. Denn es geht nicht nur um die Deutungshoheit eines atomaren Störfalls, dessen Folgen nicht nur die Befürworter der Atomenergie zu tragen hätten. Es geht auch um die Auseinandersetzung von zentralisierter versus dezentralisierter Energiegewinnung, es geht um die Macht von Kartellen der Energiewirtschaft und nebenbei auch um so läppische Dinge wie eine dauerhaft zerstörte, weil verstrahlte Umwelt. Und: Es geht um richtig viel Geld. Im Zeitalter weltweiten Sparens könnte dies ironischerweise zum alles entscheidenden Argument gegen die Atomenergie werden. Denn die riesigen Gewinne, die Energiekonzerne seit Jahrzehnten auch für ihre erfolgreiche Lobbyarbeit verwenden, sind den Konjunkturpaketlern möglicherweise ein Dorn im Auge. Und der Hergang der Gewinngewinnung mutet mehr und mehr wie eine dreiste Veräppelung der Energieverbraucher auf besonders hohem Niveau an.

 

Dreistigkeiten verlieren ihren Charme, wenn sie von Unverbesserlichkeiten begleitet werden: Die Erklärung Richard Williamsons brachte mitnichten den erwarteten Widerruf seiner Leugnung des Holocausts. Sie war vielmehr die eloquente Entschuldigung eines Mannes, der sich im Grunde keiner Schuld bewußt ist und meint, zu einem anderen Zeitpunkt wäre der Schaden und Schmerz, den seine Worte auslösten, vielleicht weniger groß und unerquicklich gewesen. Liest man die Erklärung ein zweites Mal, nachdem sich der Puls beruhigt hat, springt einem förmlich die scholastische Finesse Williamsons an. Aber Vorsicht: Ein drittes Mal sollte man die Erklärung nicht lesen – denn dann könnte einem gar noch das Blut in den Adern gefrieren.