Starke Frauen

Die wunderbaren Projekte der Miranda July

Ob sie nun Filme macht, Performances konzipiert oder Kurzgeschichten schreibt – Miranda July erfindet sich und die Welt, in der wir leben, immer wieder neu. Zuletzt auch mit dem Kunstprojekt “Learning to Love You More“, das zum Mitmachen anregt: Heute schon mit Blitzlicht unter das Bett fotografiert?

Von: Anke von Heyl

vom 20.02.08

Es ist die unglaubliche Poesie der einfachen Dinge, die Miranda July bis in die Fingerspitzen beherrscht. Und das ist wörtlich gemeint. Wer die Künstlerin zum Beispiel im aktuellen Video der Indie-Band Blond Redhead tanzen sieht, dem bleiben vor allem die Posen am Schluss des Videos in Erinnerung – grazile Handhaltungen als Stills (filmische Standfotos), die in ihrer Schönheit an die alten Meister erinnern. Fast an der Grenze zum Kitsch (aber nur fast, weil einfach schön!!!) ist auch das Bild der beiden rosa Ballerina-Schühchen, die in Miranda Julys Erfolgsfilm „Me and You and Everyone We Know“, einen stillen Tanz auf rotem Teppichflor aufführen - mit der Aufschrift „Me“ auf der einen und „You“ auf der anderen Spitze.

Miranda July ist das Kind von Hippie-Eltern, die einen Verlag für esoterische Literatur führen. Sie ist wunderschön und hat in ihrer Jugend eine gehörige Portion Punk mitgenommen – als Teil der Riot-Grrrl-Bewegung der späten 80er Jahre. Eigentlich eine perfekte Voraussetzung für die künstlerische Karriere, die das Multitalent in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Wobei Miranda July sich selbst ganz einfach als Autorin bezeichnet.

Bisheriger Höhepunkt dieser Karriere ist sicherlich der Film „Ich und Du und alle, die wir kennen“, der 2005 mit der Goldenen Kamera bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde. Miranda July spielt hier selbst eine der Hauptrollen – eine junge Künstlerin. Ihr Kurzgeschichten-Band „No One Belongs Here More Than You“ dagegen war ein Erfolg, mit dem sie sich einen Platz im Kreis der jungen wilden Autoren eroberte, die in Amerika gerade durchstarten. Auf einer höchst unterhaltsam gestalteten Homepage macht July für dieses Buch auch Werbung: Sie spielt hier auf wundervoll ironische Art die Klaviatur feministischer Klischees rauf und wieder runter – das fängt mit dem Vorschlag an, den Umschlag des Buches, das man gerade liest, auf die Kleidung abzustimmen, und das hört noch lange nicht da auf, wo July sämtliche Texte, die auf der Homepage zu finden sind, zunächst auf ihrem Kühlschrank und später auf ihrem Gasherd mit Filzstift notiert. Die Umwertung der alltäglichen Umgebung – nicht zuletzt darum geht es immer wieder in Miranda Julys Kunst.

Mit der Publikation „Learning to Love You More“ ist nun eine Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollegen Harrell Fletcher zu entdecken – und ein spannendes Projekt Julys, das 2002 als interaktive Plattform initiiert wurde und nun in Buchform herausgekommen ist. In Zeiten der Web 2.0 Performances ist der Ansatz immer noch ungewöhnlich und besonders: Fletcher und July haben verschiedene Aufforderungen geschaffen, nach denen beliebige Teilnehmer bestimmte Beiträge für die Plattform kreativ gestalten sollten. „Fotografiere mit Blitzlicht unter dein Bett“, „Zeichne ein Sternbild mit jemandes Sommersprossen“, „Flechte jemandes Haare“, „Gestalte ein Banner“, „Fotografiere deine Eltern, während sie sich küssen“ – mittlerweile gibt es 68 solcher Anweisungen auf der eigens von einer Webdesignerin entwickelten Internetseite.

Diese werden bisweilen erweitert oder auch gestrichen. Je nachdem, was gut funktioniert und was eher nicht. Die Anweisungen werden so konkret wie möglich formuliert und solllen helfen, die eigene Vorstellungskraft zu entwickeln. Denn das Anliegen der Künstler ist es, die Kreativität vieler zu beflügeln und möglichst unterschiedliche Perspektiven des menschlichen Daseins dabei einzufangen.

Miranda July ist eigentlich ein Kontrollfreak, der nicht unbedingt für künstlerische Arbeit im Team geschaffen sei, wie sie selber sagt. Doch sie hätte schon immer die Vision gehabt, kreative Beiträge miteinander zu vernetzen. Eines ihrer frühesten Projekte war eine Briefkette, die einen Austausch über Filme von Frauen für Frauen in Gang brachte. Eine Art feministische Version von You Tube. You Tube hätte jedoch seine Chancen nicht genutzt, findet July, denn mittlerweile sei hier nur noch Grausamkeit vorhanden, es fehle der Ansatz einer übergreifenden Ästhetik. Ein roter Faden – wie die übergreifende Ästhetik des Banalen, die sich durch alle Projekte Miranda Julys zieht? Ob sie nun Filme macht, Performances konzipiert oder Kurzgeschichten schreibt. Und auch beim Projekt „Learning to Love You More“ ist nichts dem Zufall überlassen. Auch wenn es zunächst so aussieht.

Für die im Prestel-Verlag erschienene Publikation haben July und Fletcher einzelne Beiträge ihres Projektes ausgesucht, die miteinander gut in Verbindung zu bringen waren. Es sollte im Ergebnis ein stimmiges Gesamtbild sein. Deshalb kam es nicht darauf an, die besten Einsendungen herauszufiltern. Mit unglaublicher Akribie sind Miranda und ihr Kollege durch die mittlerweile 5000 Beiträge gegangen: Denn in der Art und Weise, wie die einzelnen Bilder arrangiert sind, sieht man stets die ordnende Hand des Künstlers, der über das rein Dokumentarische hinaus will und eine Idee verfolgt.

Da finden wir ein über zwei Seiten aufgeblasenes Foto, das einfach nur Zöpfe mit bunten Perlen zeigt, unglaublich intensiv und opulent zugleich. Dann: eine Bilderreihe „küssender Eltern“, mit denen July wieder anderen ästhetischen Anreizen folgt. Immer wieder entsteht Spannung dabei auch durch die Gegenüberstellung scheinbar unabhängiger Dinge. Wenn man den berührenden Text liest, der über den Tod von Ella geschrieben wurde („Spend time with a dying person“) und dazu das Foto des Kätzchens betrachtet, das sich in die hinterste Ecke unter dem Bett verkrochen hat, dann bekommen beide – Text und Bild – eine neue Dimension. Und diese Dimension wiederum erzählt viel mehr, als es jede einzelne Szene für sich könnte – von Tod, Trauer und Vergänglichkeit eben auch.

Fletchers und Julys Ansatz geht in diesem Sinne auch weiter als die Ideen der 60er Jahre, die in dem oft zitierten Beuysschen Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ gipfelten. Auch wenn beide Künstler durchaus ihre Wurzeln in dieser Zeit haben – einer Zeit, die den Kunstbegriff eweitern, den Betrachter am Kunstprozess beteiligen und eine Vereinbarung von Kunst und Leben schaffen wollte. Aber für Miranda July und auch Harrell Fletcher ist das noch nicht alles. Sie geben dem Kunstbetrieb auch ganz neue Impulse , wo sie ihre gelenkten „Frage-und-Antwort“-Spiele erproben, ganz auf Interaktionen setzen oder sogar eine Internetplattform aus der Taufe heben. Dabei darf man den ästhetischen Aspekt hinter dem sozialen, vielleicht sogar politischen Ansatz des Projektes nicht aus den Augen verlieren. Hier zeigt sich natürlich die Publikation deutlich im Vorteil, die zwar auch aus der Fülle der Beiträge schöpft, dabei aber konzeptionell strenger ist und klarer auch zu einer künstlerischen Botschaft findet.

Daneben sind in dem Buch noch drei intelligent geschriebene Beiträge von Kunstexperten und Künstlern zu entdecken, die ebenfalls dazu einladen, sich Miranda Julys Experimenten auf vielfältige Art zu nähern – und das mit ständig neuen Einsichten: Man lernt nicht nur, sich selbst mehr zu lieben, sondern vermutlich vor allem eines: zu sehen!

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Anke von Heyl
lebt als Kunsthistorikerin in Köln und schreibt regelmäßig über kulturelle Ereignisse, die aufhorchen lassen - sowohl in ihrem Weblog "kulturtussi.de" als auch für MissTilly.

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Fotonachweise:

1. Miranda July im Mai 2007 auf einer ihrer Lesungen aus dem Buch „No one belongs here more than you“. Foto: Mai le (via flickr.com).
2. DVD-Cover zum Film „Ich und du und alle, die wir kennen“, Alamode Filmverleih.
3. Buchcover: „Learning to Love You More“, Prestel-Verlag.