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Die Wut ist geblieben

Wenn Karlheinz Böhm in Deutschland ist, rührt er meistens die Werbetrommel. Denn der 78-jährige Schauspieler möchte, dass seine vor 25 Jahren gegründete Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ auch weiterhin in Äthiopien erfolgreich ist. Er selbst lebt die Hälfte des Jahres dort, die andere Zeit bei Salzburg. Jetzt hat er gemeinsam mit der Journalistin Beate Wedekind ein Buch über bewegende Begegnungen mit Einheimischen in seiner Wahlheimat geschrieben. Beatrix Altmann sprach mit ihm über seine Beweggründe:

Von: Beatrix Altmann, Fotos: menschenfuermenschen.de

vom 03.04.07

Was war der Anlass für dieses Buch – wie kam der Kontakt mit Ihrer Co-Autorin Beate Wedekind zustande?

Beate Wedekind hat bereits vor zwanzig Jahren Entwicklungshilfe für Afrika geleistet und unterstützt seitdem die Aktion „Menschen für Menschen“. Wir lernten uns 1988 während eines Interviews für die Frauenzeitschrift „Elle“ persönlich kennen, deren Chefredakteurin sie damals war. Im vergangenen Jahr trat sie mit dem Vorschlag an mich heran, die Arbeit der Äthio­pien­hilfe in einem Buch zu dokumentieren. Mit dem Fotografen Marcus Zumbansen hat sie insgesamt 7 000 Kilometer zurückgelegt und den Weg der zahlreichen Spenden in 26 Ein­zelpor­träts nachgezeichnet.

 

Welchen Menschen begegnen wir in dieser Porträtsammlung?

Da gibt es beispielsweise Halima, die dank der Antibeschneidungskampagne endlich ein menschenwürdiges Leben führen kann, die erfolgreiche Marathonläuferin Alem Ashebir, die im Kinderheim aufwuchs oder den 16-jährigen Muhmad Abdie Mudee, der als Baby an Polio (Kinderlähmung) erkrankte und vor drei Jahren operiert werden konnte – heute kann er an zwei Krücken aufrecht laufen. Allen hat Beate Wedekind die Frage nach ihren individuellen Wünschen gestellt. Und keinem ging es um die eigene Person, sondern nur um das Wohl der anderen. 

 

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Nagaya“

„Nagaya“ heißt Frieden in Oromifa, der Sprache des mit mehr als 26 Millionen Einwohnern größten Landesteils Äthiopiens. Mit dem Wort Nagaya begrüßen und verabschieden sich die Leute dort, aber nur, wenn sie in friedlicher Stimmung sind. Und Nagaya habe ich auch das Dorf genannt, das wir vor 25 Jahren im Erer-Tal als erstes Projekt der Stiftung bauten.

Es soll eine Oase des Friedens sein.

 

 

Sie sagten einmal, Wut würde Sie antreiben. Ist denn dieser Zorn nach 25 Jahren auch einem Gefühl von Stolz gewichen?

Die Wut ist geblieben und wird auch nicht vergehen, solange ich weiß, dass ein Viertel der Menschheit unter der Armutsgrenze lebt. Aber sie muss nicht destruktiv sein, sondern kann auch als Ansporn dienen, ein wenig die Welt zu verändern. Wenn ich meine Gefühle sortieren sollte – Stolz ist nicht darunter. Ich bin glücklich. Darü­ber, dass die Menschen mir über all die Jahre ihr Vertrauen geschenkt haben und Aber­tausende dazu beitrugen, dass wir in Äthiopien mit den Spenden Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Brunnen, Handwerks- und Ausbil­dungszentren errichten konnten. Ganze Landschaften wurden wieder fruchtbar gemacht und wir handelten immer nach der Maxime: Hilfe zur Selbstentwicklung. 

 

Worauf schauen Sie besonders gern zurück?

Neben der Bekämpfung der Armut versuchen wir, die Stellung der Frau in Äthiopien zu verbessern. Seit acht Jahren setze ich mich persönlich gegen Beschneidungen von jungen Mädchen und Frauen ein und das mit Erfolg. Denn es haben sich 150 Frauenvereine gegründet, die mit uns an einem Strang ziehen. Vielleicht werden diese unmenschlichen Rituale noch zu meinen Lebzeiten ein Tabuthema sein.

 

Wo sehen Sie Ihre Heimat?

Mit dem Begriff Heimat tue ich mich schwer. Ich hatte nie ein Heimatgefühl, das hat mit meinem Beruf als Schauspieler zu tun. Als Nomade ziehe ich auch heute noch viel durch die Welt.  Aber ich habe meinen Lebenssinn gefunden – und dieser liegt in Äthiopien.

 

Was vermissen Sie, wenn Sie in Äthiopien sind?

Gar nichts. Aber in der Zeit, die ich in Europa verbringe, vermisse ich vieles: Die Menschen in Äthiopien lachen wesentlich mehr und haben ein wundervolles Verhältnis zur Familie.

Ich vermisse die Familientraditionen, die dort noch gelebt, bei uns aber verloren gegangen sind. Dort werden alte Menschen beispielsweise nicht einfach abgeschoben, sondern sterben im Kreise ihrer Lieben.

 

 

 

 

Spenden für  den Verein „Menschen für Menschen“

Deutschland
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