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Judith Zanders Debüt

"Irgendwann wenn ich einsam bin

Wünschend du wärst nicht so weit weg

Werde ich mich erinnern an

DINGE, DIE WIR HEUTE SAGTEN"

Daran knüpft die Autorin Judith Zander in ihrem gleichnamigen Debütroman an, einer ostdeutschen Provinzsaga, in dem Vertreter von drei Generationen zu Wort kommen, in sehr eigenwilliger, sprachgewaltiger, manchmal auch detailverliebter, gar übertriebener Darstellung.

 

Die 17-jährige Gymnasiastin Romy muss mit ihren Eltern gegen ihren Willen in ...“das kleine Kaff...Mamas dusslige Heimat, 'Sammelstelle für Bekloppte'“...ziehen. Sie kann diesem Umstand nur Widerwillen und stummen Protest entgegensetzen in einer Gegend, wo ...“jetzt vor der Haustür nur der Acker döst, das geschorene Feld mit den blonden, harten Stoppeln, moddrig und mürrisch.“ Das ist Bresekow: „Es ist das Zentrum des Nichts, das sich kurz hinter Berlin auftut und bis Rostock nicht aufhört...Ein hässliches Endlein der Welt, über das man besser den Mund hält.“ Aber Judith Zander schreibt darüber und die Menschen, die dort existieren, ja, vegetieren, mehr als 450 Seiten und entwickelt ein Kaleidoskop des Dorflebens, verbunden mit einer Reihe von rätselhaften Andeutungen, die den Leser in Spannung halten.

 

Schweigen und Vergessen

 

Ausgangspunkt ist der plötzliche Tod der alten Anna Hanske, zu deren Beerdigung nach mehr als 20 Jahren Tochter Ingrid aus Pflichtgefühl mit ihrem Ehemann und Sohn aus Irland anreist. Ihr Erscheinen reißt in Bresekow alte Wunden auf, über die eigentlich das Tuch des Verdrängens, des Schweigens und des Vergessens gebreitet war.

 

Ingrid, in Bresekow aufgewachsen, machte Abitur, aber „musste inne Landwirtschaft“, bekam unter mysteriösen Umständen ein Kind, Henry, der geistig behindert ist. Den lässt sie in Obhut ihrer Mutter zurück und wird „republikflüchtig“, als sie 1976 in Westberlin bleibt. Ingrid bekennt:“ Du wolltest keine Heulsuse sein. Du warst auch keine...du hast nicht geweint vor ihm, damals, nachdem...“ und resümiert: „ Du hast dir selbst verschwiegen, und Verschweigen war deine zweite Haut.“

 

Alte Wunden

 

Alte Bekannte, ehemalige Mitschüler möchten auf jeden Fall ein Zusammentreffen mit Ingrid vermeiden, besonders Hartmut, der mit ihr in eine Klasse ging, wünscht sich: “ Ich hab gedacht, die Sache wär ein für allmal gegessen. Als sie denn damals weg war, dachte ich, na, isses nun wenigstens vorbei, ne.“ Aber die Zeit heilt keine Wunden, sie reißt sie wieder auf, und Gerüchte und Klatsch prägen die Atmosphäre, was besonders in der Reaktion der Gemeinde deutlich wird, die in abgerissenen Satzfetzen das Geschehen in Plattdeutsch kommentiert. Das verlangt vom Leser Einfühlungsvermögen und Geduld, und der Sinn erschließt sich am besten beim halblauten Lesen:

 

„Na wo süllt hei denn bliewen

Wenn er

Wenn hei mool

Nu wo Anna nich mehr is...

Un wat mookt siene Mudder füührt nich eis

Nee-e...

Dat Luder...

Öwwer dat traut se sich nu nich nu het se Schiss inne Büxen

Dat mööt ehr ma eis einer upn Kopp tauseggn...“

 

Welche Vorgänge haben in der Vergangenheit die Beziehungen der Dorfbewohner geprägt und vergiftet? Eines dieser Geheimnisse lüftet die Autorin in den Reflexionen der über 70-jährigen Maria, Annas gleichaltriger Freundin, das Henry betrifft, dessen gegenwärtige Existenz mit einem schrecklichen Geschehen im Haus von Erna Mehling verknüpft ist.

 

Nahezu distanzlose Schilderung

 

Neben den 17-jährigen Freundinnen Romy und Ella gibt es eine Gruppe Jugendlicher, angeführt von Ecki, die sich „allabendlich“ auf der Elpe treffen, einem verfallenden LPG-Gelände (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in der DDR). Über sie sagt Romy: „ Auf der Elpe bauen sie Scheiße...Auf der Elpe kiffen sie. Auf der Elpe drücken sie sich in muffigen Ecken rum... „ Es kreischen die Mädchen, die Jungs teilen gerne aus...Auf die Elpe geh ich nicht.“

 

Der Lebensinhalt dieser Heranwachsenden ist reduziert auf Rohheit, Saufen, Gewalttätigkeit und rohen Sex, was Romy und Ella abstößt, wobei letztere eine Erfahrung gemacht hat, die sie lange als Geheimnis verschweigt und die dem Leser den Atem verschlägt in der fast distanzlosen Schilderung.

 

Das ist ja das Besondere dieses Romans: In inneren Monologen bzw. erlebter Rede reflektieren neben den Genannten auch die 40-jährige Sonja und Pastor Wiedmann das Geschehen, die gleichfalls die jeweiligen Kapitel des Romans bilden. Dabei gelingen Judith Zander eindrucksvolle Sprachporträts, sie scheut sich nicht, ordinäre, schludrige, umständliche, räsonierende, tratschige Passagen zu gestalten.Manchmal freilich nehmen die Einzelheiten bzw. Klischees in den Bildern überhand.

 

Mehr als nur Ödnis

 

Ganz anders wirkt das bei den sehr eigenwillig übersetzten eingestreuten Beatles-Texten, die leitmotivisch den gesamten Roman durchziehen, hier ist die Lyrikerin Judith Zander deutlich zu spüren. Da spiegelt sich mehr als nur Ödnis, Vereinsamung, Ruin und Verfall von Bresekow wider, sondern auch ein wenig Neugier, Nicht-Verzagen-Wollen und Hoffnung wie in den „STRAWBERRY FIELDS FOREVER“ im Epilog.

 

Die Romanautorin Judith Zander macht es dem Leser nicht leicht mit der Lektüre, denn das Werk ist unterhaltsam, wenn auch mal langatmig, dann wieder anregend, manchmal auch ermüdend - letztlich eine Herausforderung an den souveränen Leser.