Cool Tour

Dinner in the Dark oder: Herr, mach Licht!

Es ging eigentlich nur um einen lustigen Abend und ein spannendes Erlebnis mit vielen neuen Anregungen für unsere vernachlässigten Tast-, Hör- und Geschmackssinne. Und heraus kam unwillentlich ein soziologisches Experiment.

Wir waren in einem Dunkelrestaurant. Vier Leute, zwei Paare. Wollten sehen (kicher,kicher), wie es so ist, im Dunkeln zu essen. Genau genommen war es stockdunkel – nicht einmal Uhren mit Leuchtziffernblatt waren erlaubt. Was uns brennend interessierte war: Kann man rausschmecken, was man isst? Findet die Gabel so einfach zum Mund, ohne dass ich mir Verletzungen zufüge? Wie schmeckt das Essen im Dunkeln? Stark, fad, wie immer? Was wir herausfanden, war noch interessanter.

Unsere blinde Kellnerin geleitet uns in Polonaise-Manier an unseren Platz (Schultern des Vordermanns anpacken, ansonsten ist man verloren – oder am falschen Tisch). Die Speisekarte durften wir noch sehenden Auges im beleuchteten Foyer studieren, wenn auch alles nur sehr rätselhaft umschrieben war. Eine der Suppen las sich so: „Zum Ritual füllte man den See mit einem goldenen Getreide, und ein scharfes Grün lässt zum Hochgenuss aufsteigen“. Und ein Dessert verbalisierte sich so: „Um später mit der süßen Waldfee zu flirten und ihr einen Kuss zu entlocken mit nussigem Geschmack“.

Jetzt ist alles nur noch schwarz. Der Geräuschpegel um uns herum ist gewaltig. Da, hinter uns, speisen anscheinend Holländer. Rechts von uns ist eine große ausgelassene Gesellschaft. Die haben wohl schon einen gehörig im Tee…. Erste Orientierungsversuche, bevor die Vorspeise kommt: Wir betasten den Tisch vor uns. Besteck? Da. Gläser? Auch da. Brotkorb. Hier. Der Tisch ist erstaunlich klein. Dient wohl der „Übersichtlichkeit“.

Unsere Bedienung lässt uns allein. Wir proben das Zuprosten. Klappt. Eingießen des Wassers. Alles drin. Trinken. Geht auch. So schwer ist das bislang nicht. Nur die Dunkelheit um uns ist schon sehr dunkel. Beklemmend gar. Ich ersticke erste klaustrophobische Anflüge, indem ich mich ins Nonsense-Talk flüchte: „Sieht irgendjemand unsere Bedienung? Ich winke ihr mal.“

Endlich kommt der erste Gang. Ist mir rundweg schleierhaft, wie unsere Kellnerin uns findet. Wir befingern vorsichtig unsere Teller. Scheint etwas Kaltes zu sein. Ich stochere herum, und mit viel Mühe schiebe ich mir etwas Essbares in den Mund.

„Mein Essen hier ist Salat mit Tomaten und irgendeinem gebratenem Fleisch obendrauf.“, analysiere ich.
 „Ja, schmeckt eigentlich relativ simpel. Ich habe gedacht, blind schmeckt man alles intensiver.“ Daniela ist etwas enttäuscht.
 „Oder die haben weniger gewürzt.“
 „Lass mal deins probieren.“
Unter großem Gekicher schieben wir uns gegenseitig das Essen zwischen die Zähne.

 „Bernd, bist du noch da?“, erkundigt sich Daniela nach ihrem Partner. Auch ich bemerke plötzlich die fehlende Resonanz meines Gegenübers und sonst so gesprächigen Mannes. 

Bernd: „Wir sitzen direkt neben einer Säule. Die ist mit Schaumstoff oder so etwas Ähnlichem umwickelt. Fühl mal.“

Wir tasten alle um die Wette. Dann kehren Daniela und ich ungerührt zurück zu unserem Geplauder und erzählen uns von der letzten Woche. Nicht so unsere Gegenüber.

Bernd: „Wie groß der Raum wohl ist?“
Markus: „Das Lokal muss so etwa 150 qm haben. Ich schätze 15 Tische etwa. Links hinter mir muss der Ausgang sein.“

Die Navigierer sind am Werk.

Die Suppe kommt und isst sich leichter als gedacht. Schmeckt nur leider auch unspektakulär. Der Hauptgang fordert da schon mehr. Nach kürzester Zeit liegt die Hälfte außerhalb des Tellers. Das Schwierigste ist, die Speisen mit dem Messer zu schneiden und auf die Gabel zu schieben. Entweder ich habe gar nichts auf der Gabel - und ich beiße ins Leere. Oder es landet ein Riesenstück in meinem Mund, was auch nicht gerade grandios ist. Ich beschließe, etwas unzivilisiert mit den Fingern zu essen. Sieht ja keiner.

Inzwischen ist mehr als auffällig, dass jetzt auch an den Nachbartischen nur noch Frauenstimmen zu hören sind. 
Daniela: „Bernd, bist du noch da?“

Unsere besseren Hälften checken stumm die umliegenden Koordinaten. Daniela und ich chatten fröhlich weiter. Merke: Orientierungsverlust macht Männer sprachlos. Frauen brauchen zur Unterhaltung nur sich selbst.

Wir legen das Besteck zur Seite. Irgendwie ist man schneller satt hier. Es schmeckt einfach nicht so, wie wenn die Augen ihren Teil dazu beitragen. Nichts ist hier wahrer als der Spruch „das Auge isst mit“. 

Nach dem Dessert kommt die Auflösung des Menüs. Wir waren immer erstaunlich nah dran mit unseren Einschätzungen, was wir da gegessen hatten. Irgendwie schade. Tja, da sind wir wohl Opfer unserer zu hochgesteckten Erwartungen geworden. Zeit zu gehen.

Experiment over. Das Essen hat uns nicht vom Sitz gerissen. Aber dafür sind wir in anderer Hinsicht erfahrener geworden: Nämlich, dass Männer verstummen, wenn es dunkel um sie herum wird, während Frauen sich nicht die Bohne an fehlender Beleuchtung stören. 

Wir gehen wieder im Gänsemarsch nach draußen. Unsere nette Bedienung bringt uns sicher ins Foyer zurück. Es wird Licht. Man(n) ist erleichtert. Daniela dreht sich zu ihrem Partner um: „Bernd, bist du da?“