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Dubai Speed

Michael Schindhelm schrieb ein Tagebuch, eine Annäherung an den modernen Mittleren Osten, eine Begegnung von Ost und West voller Missverständnisse und (Selbst-)Erkenntnisse.

Verstärkt werben die verschiedensten Reiseanbieter für preiswerte Reisen nach Dubai und die Emirate mit der Garantie auf traumhafte Urlaube in bester Strandlage, mit perfekten Ferien, in denen man Wüstenromantik und Dubai - alt und neu - genießen kann. Einer, der drei Jahre in Dubai gelebt und gearbeitet hat und der seine Eindrücke, Illusionen und damit verbundenen Utopien darstellt, analysiert, ja, seziert, ist Michael Schindhelm.

 

Konsumieren und konsumiert werden

 

In seinem Tagebuch „Dubai Speed“ kann man lesen, wie er in Dubai, der „globalen Stadt oder dem Paradies des Bösen“ versucht hat zu arbeiten, aber letztlich trotz einer nahezu bedingungslosen Auslieferung gescheitert ist. Er schreibt: „Die Leute zieht es hierher, um Geld zu verdienen, um Urlaub zu machen, zwischenzulanden, einkaufen zu gehen. Sie kommen, um zu konsumieren und irgendwie konsumiert zu werden. Acht Millionen Touristen reisen durchschnittlich für eine Woche an...“


Sein Arbeitgeber ist eine Bauinvestfirma, die „ 800 Mitarbeiter aus 45 Ländern rekrutiert ...hat.“ Über den Zeitraum von einem Jahr - von Januar bis Dezember 2008 - versucht der Autor, sich seiner Aufgabe zu widmen, nämlich eine konkrete Aufgabe mit einer Utopie zu verbinden, denn er hat die Vorstellung „...Künstler und Kunst müssten sich hier nicht an Dollars...satt essen, sondern etwas von der Kapitalismusschwemme abzweigen von dem unbekannten Weg aus dem globalen Konsum in die Kultur...“ Aber in den Fährnissen von Geld, Planung und Ansprüchen ist der Autor als Director der Dubai Culture and Arts Authority sehr unsicher, wie sich ein Kulturobjekt, das für 560 Millionen Dollar auf 80 000 Quadratmetern mit drei Bühnen und einer Ausstellungshalle verwirklichen lassen soll – ein Multiplex, der vor allem Touristen in die dazu gehörenden Einkaufsmeilen lockt und sie in den entsprechenden Hotels unterbringt, denn vor allem muss der Profit gesichert sein.

 

Eine Stadt mit eigenen Spielregeln

 

Schindhelm findet als „unser Mr. Culture“mit deutschen, ja europäischen Erfahrungen weder Verständnis, geschweige denn Gehör für seine Vorschläge bzw. Einwände zur Gestaltung eines kulturellen Zentrums für Einheimische, die modernen Nomaden oder Touristen, denn ihm wird unmissverständlich bedeutet: „...wir in Dubai sind es gewohnt, die Spielregeln neu zu erfinden. Diese Stadt erfindet die neuen Spielregeln! Das gilt für den Handel, das wird für die Kultur gelten.“

 

Und wie hat sich Dubai entwickelt? Vor 40 Jahren hatte es 60 000 Einwohner, heute hat es so viele wie München. Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends geriet die Stadt in den „Immobilienrausch. Sie schluckt, was sie kriegen kann: Zement, Glas, Stahl, Krananlagen, Fahrstühle, Arbeitskräfte.“ Aber letztere- die Menschen, meistens Migranten, erhalten nur eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre, und arbeitslose Ausländer verlieren sofort ihre Arbeitserlaubnis, woraus der Autor schlussfolgert: „ Das Dubai von heute ist anders als das New York von gestern. Die Städte von morgen werden etwas von Dubai erben: Dubai- Menschen.“ Was für eine Perspektive!

 

Kunst, die kein Geld bringt

 

Interessant ist, wie Schindhelm Arbeitskollegen und -kolleginnen beschreibt, die - gerade auch die Frauen - einen hohen Bildungsstand und internationale Arbeitserfahrungen haben. Da sind: Mohammed, 31, ein Jordanier, Azad, ein irakischer Kurde,der in Schweden sozialisiert wurde, Mustafa, ein Emirati um die 40, der als freier Headhunter auf CEO spezialisiert ist sowie dessen Schwester Layla oder die Inderin Carmen Gonzales, die als Abteilungsleiterin in den Ressorts Gesundheitswesen, Buchhaltung und Marketing tätig war und ist. Auch die neuen Mitarbeiterinnen Latifa und Mona, die sich der bildenden Kunst verschrieben haben und die mit ihrem eigenwilligen Arbeitsrhythmus eher störend als kreativ sind, sind erwähnenswert.


Eindrucksvoll aber ist die Begegnung mit dem Künstler Hassan, dem wichtigsten emiratischen Künstler, der in London Kunst studiert hat, vom russischen Konstruktivismus und vom Bauhaus ebenso beeinflusst worden ist wie von Paul Klee, Johannes Itten und Wittgenstein. Hassan malt großformatige Ölbilder, Aquarelle und gestaltet Installationen, aber er wird weder von seiner Nachbarschaft noch von der lokalen Gesellschaft für Kunst geachtet, ja, kaum geduldet, sondern verachtet und diskriminiert. Warum? „Wenn du etwas machst, womit die Leute nichts anfangen können, gibt’s Ärger. Kunst, die kein Geld bringt, zum Beispiel,“ erklärt Salem dem Autor nach dem gemeinsamen Besuch.

 

Parkhaus statt Kulturtempel

 

Dann brechen im Herbst 2008 auch die Auswirkungen der Wirtschafts-und Finanzkrise über die Möchte-gern-Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts Dubai ein, und alle Projekte in Bezug auf den Mega-Kultur-Tempel (inklusive eines Weltmuseums) wurden auf Eis gelegt. Stattdessen wird auf der vorgesehen Fläche ein Parkhaus gebaut.


Sachlich und zumTeil nüchtern bilanziert Michael Schindhelm besonders im letzten Teil die sich abzeichnende Entwicklung, wobei er aus einer gewissen Enttäuschung auch oftmals sarkastisch, aber erklärend wirkt. In seinem Blog www.dubai-speed.de bietet er Diskussionen besonders zu der Problematik an, dass aus der „Wärmestube Europa“ die Erfahrung gebraucht wird, die Globalisierung in der Kultur positiv zu gestalten. Wer also vor einer Reise nach Dubai bzw. die Emirate an authentischen Informationen interessiert ist, dem sei die Lektüre von Dubai Speed empfohlen.