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Ein Gewinner unter Verlieren

Kaum wird ein Buchpreis vergeben, jagen die Verkaufszahlen des Gewinnerbuches nach oben. Doch taugt der neue Literaturpreis wirklich für das Publikum? Der Hickhack um Hacker und Hettche.

Von: Tanit Hahn, Fotos:Hettche-Homepage, Suhrkamp, Börsenverein des Dt. Buchhandels

vom 06.11.06

Thomas Hettche, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2006, verlor zu Beginn der Frankfurter Buchmesse zwar knapp den Kampf um die begehrte Auszeichnung, doch ließ er somit einer Frau den Vortritt, die von dem Erhalt des Buchpreises nicht nur profitiert, sondern seither auch harsche Kritik für ihr Buch erntet.

 

Der Deutsche Buchpreis, der in diesem Jahr erst zum zweiten Mal verliehen wurde, scheint daher auf unterschiedlichste Art und Weise auf die Finalisten zu wirken. Katharina Hacker, Gewinnerin des Preises für ihr Buch „Die Habenichtse“, vollzog nur mühsam die Wandlung vom Mauerblümchen zur blühenden Rose des Blitzlichtgewitters der Literatur und wirkte in Ihrer Dankesrede beinahe unbeholfen, als sie statt über ihr eigenes Werk von Ihrem derzeitigen Lieblingsbuch „Älter werden“ von Silvia Bovenschen schwärmte.

 

Wenige Wochen später verweist ihr Roman die Bestsellerautorin Charlotte Link auf Platz 2 der Spiegel-Bestseller-Liste. Doch der Durchbruch trägt einen bitteren Beigeschmack. Stimmen werden laut, es handle sich um ein Buch, das nicht für das „Volk“ gemacht sei. Stilistisch brillant, sagen Experten, undurchsichtig und „zu hoch“,  die Laien. Dumm nur, dass es nun in tausenden von Bücherregalen eben jener Laien steht, die es noch nicht mal verstanden haben.

 

Es scheint zunächst phänomenal, dass ein Buchpreis, der erst zum zweiten Mal vergeben, von der breiten Masse derart angenommen, sprich gekauft wird. Fraglich bleibt nur, ob er auch für diese Leserschaft ausgewählt worden ist.  Der Deutsche Buchpreis darf eben nicht mit dem amerikanischen Pulitzer Price verwechselt werden, der tatsächlich „zufällig“ immer wieder den Nerv einer ganzen Nation trifft, sondern sollte als das gesehen werden, was er tatsächlich ist: gestiftet vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, vergeben von einer Jury bestehend aus Germanisten, Theaterwissenschaftlern und Redakteuren renommierter Zeitschriften.

 

Doch nun kommen sie mal dem „Otto-Normal-Leser“ mit Begriffen wie auktorialer Erzähler, Erzählperspektiven oder Binnenhandlung - Kriterien nach denen eine Fach-Jury auswählt. So scheint es, als bliebe Katharina Hackers Roman in den Köpfen der Mehrheit der Leserschaft  als ein hoch gepriesenes Werk haften, das sich als Enttäuschung entpuppt hat.

 

Des einen Freud, des anderen Leid. Damit entwickelt sich Thomas Hettches Thriller „Woraus wir gemacht sind“ hingegen immer mehr zum Gewinner unter den Verlierern des Deutschen Buchpreises 2006, ohne den ganzen Medienrummel, ohne hochgeschraubte und überirdische Erwartungen erfüllen zu müssen.

Stand er zum Zeitpunkt der Vergabe noch als großer Verlierer da, avanciert sein Roman im Laufe der vergangenen Wochen immer mehr zum Geheimtipp für Jedermann. Einem Buch, auf sprachlich höchstem Niveau, gelingt der Spagat zwischen nervenaufreibender Spannung und zeitgeschichtlicher Brisanz am Vorabend des Irakkrieges. Eine Prise Leidenschaft, Obszönität und Liebe hinzu, fertig war das Meisterwerk.