Wissenswertes

Ein guter Ort, um zu wachsen

Kann man einen Jungen dazu bringen, vom Baum herunter zu klettern, um am Unterricht teilzunehmen, ohne ihm zu sagen, dass er das muss? Ohne ihm zu drohen, ihn zu locken oder zu überreden? Eine schwedische Schulleiterin besuchte im März 2004 die Kopenhagener Freischule auf Islands Brygge. Sie berichtete von Erfahrungen, die sie in 5 Jahren als Leiterin einer Schule gesammelt hat, die auf der Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation betrieben wird. Gewaltfreie Kommunikation ist eine Kommunikationsform, in der nicht verurteilt und gefordert wird und wo man, statt Regeln zu verordnen, versucht, die Bedürfnisse aller ernst zu nehmen.

Das Wetter ist nicht auf Seiten der Freischule an diesem regennassen Samstag. Trotzdem hat eine Gruppe von Neugierigen aus Seeland, Malmö, Jütland und Fünen sich dafür entschieden, Njalsgade 101, wo die Kopenhagener Freischule (KFS) einen „Tag der offenen Tür“ abhält, einen Besuch abzustatten. Die meisten davon sind Eltern, die die neue Freischule sehen wollen und mehr über die Pädagogik erfahren möchten. Die Arbeitsgruppe der KFS hat entschieden, das Leben der Schule und den Unterricht auf den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation – auch „Giraffensprache“ genannt – aufzubauen. 


Vermutlich lockt auch, dass Marianne Götlin von Skarpnäcks Fria Skola gekommen ist, um von ihren Erfahrungen mit der Anwendung der Gewalfreien Kommunikation zu berichten. Die KFS hat Marianne in der Hoffnung eingeladen, dass sie die Sorgen vieler Eltern entkräften könne: Ist es wirklich möglich in der Praxis? Wird es nicht in Anarchie, Lärm und unendlichen Verhandlungen enden? Und haben die Kinder überhaupt „Bock“ etwas zu lernen, wenn ihnen nicht erzählt wird, sie müssen? 

Darf ich in den Hof gehen? 


Marianne Götlin hat eine warme und entspannte Ausstrahlung. Auf Englisch und mit erkennbarem schwedischen Akzent erzählt sie von dem Alltag in der Skarpnäcks Fria Skola, die in einem Vorort Stockholms liegt. Die Schule wurde von einer Gruppe von Eltern gegründet, die mit den Schulen ihrer Kinder unzufrieden waren. 


Sie waren unter anderem damit unzufrieden, dass die Kinder um Erlaubnis bitten mussten, um auf Toilette gehen zu können, um sich ein Brot zu nehmen und sogar um ein Stück Papier vom Boden aufzuheben, welches hinuntergefallen war. Die Eltern nahmen Kontakt zu Marianne Götlin auf, die seit 1990 Gewaltfreie Kommunikation unterrichtet. 

Gute Nachrichten 


Auf der Skarpnäcks Fria Skola vermeiden die Lehrer ganz bewusst, das zu benutzen, was Marianne Götlin „Autoritätsspache“ nennt. Sie möchten nicht die Rolle der Besserwisser und Entscheider übernehmen. 
Stattdessen versuchen die Lehrer, eine Beziehung aufzubauen, die auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert. Sie sind überzeugt, dass diese Art von Kontakt eine Voraussetzung dafür ist, dass der Unterricht funktionieren kann. 


Mit einem Lächeln erzählt Marianne Götlin den Eltern der potentiellen Schüler der dänischen „Giraffenschule“: „I have good news for you“. Die gute Nachricht ist, dass es wirkt. Dass die Skarpnäcks Fria Skola die Arbeitsgrundlage hat, von der alle Lehrer träumen: Schüler, die gerne lernen möchten, die Rücksicht aufeinander nehmen und die die meisten Konflikte ohne Gewalt untereinander klären. 

Ivar will oben im Baum sitzen 


Marianne Götlin versucht darzustellen, wie sie dies ohne Zwang und Regeln erreichen: Ein Junge sitzt im Baum und die Lehrerin möchte mit dem Unterricht anfangen. Sie will, dass der Junge – nennen wir ihn Ivar – vom Baum herunterkommt und teilnimmt. Ivar will auf dem Baum bleiben. Marianne Götlin erzählt, dass ein Lehrer normalerweise zwei Möglichkeiten in so einem Fall hat: Zu fordern, dass er JETZT herunterkommt! Ihn zu bestrafen oder mit Strafe zu drohen. Oder zu versuchen, die Schuld-, Scham- oder Pflichtgefühle des Jungen zu beeinflussen; ihm zu erzählen, er sollte jetzt herunterkommen, weil es falsch ist, in einem Baum zu sitzen, wenn der Unterricht angefangen hat.

Marianne Götlin hat andere Möglichkeiten, wenn sie die „Giraffensprache“ benutzt. 

Du bedeutest etwas 


Sie sagt Ivar nicht, was er tun soll oder muss. Sie sagt ihm nicht, dass das, was er tut, falsch, blöd, egoistisch oder gemein ist. Sie verurteilt Ivars Benehmen gar nicht. Dies heißt nicht, dass es ihr egal ist, was Ivar tut oder lässt. Ihr ist der Unterricht und auch das Lernen Ivars und der anderen Kinder absolut nicht egal. 


Tatsächlich hat die SFS ein hohes fachliches Niveau. Dies erklärt Mairanne Götlin unter anderem damit, dass die Kinder ihre Energie zum Arbeiten und Lernen einsetzten, statt zum Streiten und Revoltieren gegen die Lehrer. Wenn Ivar im Baum sitzt, kann Götlin eine von zwei Varianten des 4-Schritte-Kommunikationsmodelles benutzen: Sie kann entweder zum Ausdruck bringen, was sie selbst beobachtet, fühlt, braucht und gerne hätte. Oder sie kann versuchen zu erraten, was Ivar fühlt, braucht und gerne hätte. Oft wird sie zwischen den beiden wechseln, bis Ivar und sie eine Lösung gefunden haben, die die Bedürfnisse der beiden berücksichtigt. Mariannes Bedürfnis könnte zum Beispiel sein, sich konzentrieren zu können und zu Ivars Lernen und Entwicklung beizutragen. 


Und Ivars Bedürfnisse könnten sein zu spielen, selber zu entscheiden, aber auch die Bestätigung zu erfahren, das seine Bedürfnisse der Lehrerin wichtig sind und dass sein Teilnehmen am Unterricht bedeutsam ist. Marianne Götlin sagt, dass sie sich in der Situation bewusst ist, nicht auf eine bestimmte Lösung zu zielen, sondern dass sie offen bleibt für andere Wege, um auf die Bedürfnisse der beiden einzugehen. 

Eine Investition 


„Aber dauert das nicht sehr lange?“, fragt ein Zuhörer. „Doch“, antwortet Marianne Götlin. „Aber nur am Anfang“. Sie nennt diese Anfangsphase eine Investition – die einen so guten Gewinn abwirft, dass sie später diese Zeit nicht zum Schimpfen und Disziplinieren braucht. 

Es dauert einige Zeit für die Schüler, sich umzustellen, weil die meisten von uns in einer Kultur aufgewachsen sind, die von Forderungen, Zwang und Pflicht gekennzeichnet ist, wo wir nicht lernen, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Unser Sprachgebrauch ist, laut Marianne Götlin, von Forderungen und Zwang durchtränkt. Deswegen wird Ivar vielleicht glauben, dass die Lehrerin der Meinung ist, er müsse jetzt herunterkommen, auch wenn sie eigentlich eine Bitte stellt und sein Nein ernst nimmt. 


Mit dem Gedanken an unser kulturelles Gepäck im Hinterkopf ist es nicht so abwegig, dass die Schüler Morgenluft wittern, wenn sie plötzlich merken, dass es jemanden gibt, der sie nicht zu etwas zwingen will. Es dauert ungefähr ein Jahr für die Schüler,  sich an den neuen Wind zu gewöhnen, auch wenn es da große individuelle Unterschiede gibt. 

Manche fühlen sich wohl und blühen von Anfang an auf. Andere brauchen etwas länger, um durch die drei „Verlern-Phasen“ zu kommen: Zuerst fragen sie typisch: „Muss ich das tun?“, weil sie den Lehrer als Autorität betrachten, der sie gehorchen müssen. Wenn sie dann entdecken, dass sie nicht müssen, fangen sie an, ihre Selbstständigkeit zu genießen und sagen: „Du kannst mich nicht zwingen!“. Und wenn sie dann am Ende verstehen, dass sie wirklich nicht gezwungen werden, beginnen sie allmählich, sich zu entspannen und ihre Energie für das Lernen einzusetzen. 


Die Schule legt außerdem viel Wert darauf, den Schülern beizubringen, einander zu helfen statt zu konkurrieren. Deswegen ist die allgegenwärtige Anwesenheit der Lehrerin nicht so wichtig, und sie kann sich auf die Schüler, die am meisten Hilfe brauchen, konzentrieren. 

Ein guter Ort, um zu wachsen – auch für Eltern 


„Aber die Kinder gewöhnen sich schneller an die neue Art zusammen zu sein als ihre Elter“, sagt Marianne Götlin mit einem freundlichen Augenzwinkern, als ein Zuhörer den Wunsch äußert, mehr von der Rolle der Eltern zu erfahren sowie den Möglichkeiten, sich diese neue Kommunikationsform anzueignen. 


Die Schule stellt keine Forderung an die Eltern, die Gewaltfreie Kommunikation zu lernen, aber bietet gerne Unterricht für interessierte Eltern an. Nicht alle wünschen, diese Prinzipien zu lernen, aber die meisten unterstützen die Arbeit und die Pädagogik der Schule. Glücklicherweise werden die Kinder oft die besten Lehrmeister der Eltern, auch wenn die Kinder nicht in Gewaltfreier Kommunikation unterrichtet werden. „Es sind die Lehrer, die die Träger der Kommunikationsform sind“, sagt Marianne. 


Die Lehrer werden damit zu Rollenträgern, die zeigen, wie man seine Konflikte lösen kann – auch in den Pausen – ohne zu verurteilen, zu hänseln oder Gewalt anzuwenden. Die Schule ist so ein Gewächshaus für alle Involvierten, und Marianne Götlin nennt die Schule auch „a good place to grow“ – einen guten Ort, um zu wachsen. 

 

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Annette Hoffskov lehrt an der Copenhagen Business School Kommunikation und arbeitet außerdem als Übersetzerin, Publizistin und Trainerin in Gewaltfreier Kommunikation (NonViolent Communication – NVC). Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Der vorliegende Text wurde zuerst vom Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation veröffentlicht und stammt aus dem Jahr 2004. Damals sah es noch ganz so aus, als könnte die Kopenhagener Freischule bald ihre Arbeit aufnehmen: Immerhin gab es schon ein Gebäude, eine Schulleitung und kompetente Unterstützung durch NCV-Trainer. Das Interesse der Medien war entsprechend groß – doch im August des Jahres waren noch nicht genügend Kinder angemeldet, um den Schulbetrieb zu finanzieren. Seitdem ruht das Projekt.  

 

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