Reizthema

Ein Schlagloch auf dem Weg der Frauen

In Spanien posierte eine Ministerin in Dessous und eine andere sprach im Hosenanzug – und darüber wird sehr viel mehr geredet als über ihre politischen Leistungen.

 

Der 16. Januar 2009 war für Spaniens Frauenbewegung ein schwarzer Freitag. Soraya Saenz de Santamaria, Sprecherin der konservativen Volkspartei PP im Kongress, zierte an diesem Tag die Titelseite der Tageszeitung „El Mundo“ – barfuß und im schwarzen Negligee. „Allein mit Soraya“ stand unter dem Bild, das auf ein langes Interview mit der 37-jährigen Politikerin hinweisen sollte. Die Soziologin Eulalia Sole bezeichnet das Foto als „Schlagloch“ auf dem Weg der Frauen. Sie schreibt in „La Vanguardia“: „Ein Mitglied des Parlaments sollte sein Talent, nicht seine körperlichen Reize unter Beweis stellen. Interessieren uns die sexuellen Eigenschaften oder die politischen Taten? Als ob der Druck von außen auf die Frauen nicht schon groß genug wäre… da muss jetzt noch eine kommen und ein Eigentor schießen.“

Sole setzt Saenz de Santamaria mit der gleichaltrigen spanischen Verteidigungsministerin Carme Chacon in Bezug: Diese hat es als Galionsfigur der Frauenbewegung zu weltweitem Ruhm gebracht, als sie im vergangenen April hochschwanger ihre Amtseinführung absolvierte. Doch den endgültigen Respekt ihrer männlichen Landsleute hat sich die sozialistische Politikerin, so Soles Analyse, noch immer nicht verdient. Ihr Auftritt beim traditionellen Militärempfang des spanischen Königs am 6. Januar füllte Seiten in Spaniens Medien. Einen Hosenanzug statt eines protokollarisch vorgeschriebenen bodenlangen Rockes hatte Chacon gewählt. „300 Jahre Militärempfang und zum ersten Mal hält eine Frau eine Rede vor dem König, und einige dachten, man müsste darüber sprechen, was die Ministerin an diesem Tag trug“, kommentiert der Privatsender „Cuatro“ das Medienecho.

Spaniens Gleichstellungsministerin Bibiana Aido macht auf die Kommentare offiziell aufmerksam: „Ich habe die Verantwortung, diese ungerechte, überflüssige und ungleiche Behandlung hervorzuheben, damit sie in Zukunft anderen Frauen nicht widerfährt. Ich weiß, dass ich damit neue Angriffe provoziere von eben jenen Minderheiten, die sich den Veränderungen verweigern,“ sagt die 31-Jährige der Zeitung „El Pais“.

Die Veränderungen, auf die sich Aido bezieht, sind vor allem in der Sozial- und Arbeitspolitik zu suchen, die Rodriguez Zapatero seit 2004 umsetzt: Gleich- stellungsgesetz, Gesetz gegen häusliche Gewalt, Gesetz zur Harmonisierung von Familien- und Berufsleben … Auch die Verwaltung verändert Zapatero. Öffentliche Ämter sollen landesweit rein paritätisch besetzt werden, empfiehlt der Sozialist seinen Parteikollegen. Frauen tauchen seitdem öfter in innenpolitischen Nachrichten auf. Mehr als die Hälfte der 17 Minister ist weiblich, die Zahl der weiblichen Kongressabgeordneten ist zuletzt auf 37 Prozent gestiegen – vor 25 Jahren waren nur sechs Prozent der Volksvertreter weiblich.

Doch in der Gesellschaft und in der Privatwirtschaft sind althergebrachte Vorstellungen noch tief verankert. „Frauen werden nach wie vor wegen ihres Äußeren kritisiert, weil sie als Entscheidungsträgerinnen nicht willkommen sind“, sagt die Madriger Kommunikationswissenschatlerin Pilar Lopez Diaz.

Der Bruttostundenlohn der Spanierinnen ist durchschnittlich 20 Prozent niedriger als der der Männer, der Prozentsatz weiblicher Führungskräfte in spanischen Unternehmen stagniert seit 1998 bei rund 30 Prozent und in den IBEX 35-Firmen, den größten des Landes, geben nach Berechnungen des  spanischen Fraueninstitutes sogar nur sechs Prozent Frauen den Ton an.

Die Politikerin Elena Valenciano beschreibt in einem Meinungsartikel das Dilemma, in dem sich Spaniens Frauen in öffentlichen Ämtern derzeit befinden: Es fehlten Modelle für die moderne Verantwortungsträgerin, beklagt die Sozialistin und warnt davor, im Machtkampf auf die Waffen der Frau zurückzugreifen. „Wir Frauen haben einen gemeinsamen Auftrag zu erfüllen. Wir sollten dazu beitragen, dass nicht mehr unser Äußeres, sondern unsere Intelligenz in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Davon dürfen wir nicht abkommen, auch nicht vorübergehend“.

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

 

Brigitte Kramer lebt seit 1995 in Spanien und dokumentiert als freie Journalistin den gesellschaftlichen Wandel des Landes.

 

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::


Bildnachweise:

1. joexx (via photocase.com)

2. Poträt von Soraya Saenz de Santamaria. Copyright: Chesi - Fotos CC (via flickr.com)