Weibchenschema

"Ein Schweigen lässt sich immer in alle Richtungen interpretieren."

Als einen Erfolg könnte man den ersten Berliner „Aktionstag gegen Homophobie“ verbuchen. Schließlich warb die Veranstaltung dafür, zu neuen Selbstverständlichkeiten aufzubrechen - und ein altes Tabuthema endlich anzusprechen. Doch bei den Bundesligisten zeigte sich wenig Bereitschaft, auf Worte auch wichtige Unterschriften folgen zu lassen.

Es war Ende Juni in Leipzig, als beim ersten DFB-Fankongress dem Themenpunkt “Anti-Diskriminierung” ein eigenes Forum gewidmet wurde und dabei erstmalig auch Probleme wie Sexismus oder Homophobie im Fußball auf offizieller Ebene angesprochen werden konnten. Auch wenn es noch nicht jedem DFB-Vertreter leicht fiel, an derartigen Tabuthemen zu rühren, so war doch ein erster, wichtiger Schritt gemacht. Das (Ver-)Schweigen war gebrochen.

Schon damals wurde vereinbart, den Lippenbekenntnissen möglichst bald Taten folgen zu lassen, was nun beim ersten „Aktionsabend gegen Homophobie“ vor zwei Wochen in Berlin gelang. Vertreter von Verbänden, Vereinen und verschiedenen Organisationen sowie Fan-Initiativen waren anwesend, um Erfahrungen auszutauschen und eine Erklärung gegen Diskriminierung zu unterzeichnen. Von den zwölf Frauenfußball-Bundesligisten hielt es jedoch nur ein Verein für nötig, sich den darin vereinbarten Zielen zu verschreiben.

32 Unterschriften unter Erklärung "Gegen Diskriminierung im Fußball"

DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn gab auf einer Podiumsdiskussion zu verstehen, dass der DFB das Problem Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit sehr ernst nähme und gerade dabei wäre, Konzepte dagegen zu entwickeln. 32 Verbände, Vereine und Organisationen unterzeichneten (Liste der Unterzeichner) im Anschluss an den Diskussionsabend die Erklärung “Gegen Diskriminierung im Fußball”...
Darin wird unter anderem offiziell anerkannt, dass es neben Rassismus auch andere Formen der Diskriminierung im Fußball gibt - wie etwa gegen Menschen mit Behinderung oder in Form von Islamophobie, Antisemitismus, Homophobie und Sexismus - und es wird gefordert, Antirassismus-Paragrafen in den Stadionordnungen in Antidiskriminierungs-Paragrafen umzuwandeln. In den Stadion- und Vereinsordnungen müsse darüber hinaus festgehalten werden, “dass keine/r aufgrund ihrer/seiner sexuellen Orientierung oder Hautfarbe bzw. ihres/seines Geschlechts oder Glaubens diskriminiert werden darf.

Paragrafen reichen nicht, auch Aufklärungsarbeit notwendig


Es genüge aber nicht, diese Paragrafen lediglich einzuführen, sie müssten auch durch kontinuierliche Aufklärungsarbeit begleitet werden, damit sich ein Bewusstsein für die Vielfalt im Fußball entwickeln und alltäglich werden kann. Auch über “Frauenfußball, die Beteiligung von Schwulen und Lesben, Frauen, ethnischen Minderheiten usw.” solle regelmäßig berichtet werden. Schließlich verpflichten sich die Unterzeichner, Diskriminierungen zu dokumentieren und zu melden. Die Ernennung eines Diskriminierungsbeauftragten wird empfohlen.

Nun liegt es an der eigenen Erwartungshaltung, ob man es als Erfolg verbuchen möchte, wenn bundesweit 32 Verbände, Vereine und Organisationen sowie Fan-Initiativen eine Erklärung per Unterschrift bejahen, die für einen einigermaßen modern denkenden Menschen nur Selbstverständlichkeiten betont. Wem bewusst ist, dass über Themen wie Homophobie noch vor wenigen Jahren der Mantel des Schweigens gedeckt wurde, bis auch auf diesem Spielfeld erst mit DFB-Präsident Theo Zwanziger frischer Wind zu wehen begann, der weiß aber diese Erklärung realistisch und als einen Erfolg zu verbuchen.

Nur Turbine Potsdam unterzeichnet

Auch Tanja Walther, ehemalige Bundesligaspielerin von Turbine Potsdam und als Vertreterin der “European Gay and Lesbian Sports Federation” federführend an der Organisation der Veranstaltung beteiligt, äußert  nur verhaltene Kritik. “Es hätten mehr sein können”, sagt sie mit Blick auf die schwache Resonanz der Frauenfußball-Bundesligisten. Wegen der parallel in Frankfurt veranstalteten Bundesliga-Tagung hätten Vertreter sehr vieler Vereine nicht anwesend sein können, alle aber seien natürlich angeschrieben worden.

Der SC Freiburg teilte immerhin mit, über die eigene Resonanz noch nachzudenken. Bei den anderen Bundesligisten herrschte Funkstille. Die einzige Unterschrift unter die Erklärung setzte mit Bernd Kühn der Geschäftsführer von Turbine Potsdam - vorab, so wie es den anderen Vereinen auch möglich gewesen wäre. “Ein Schweigen lässt sich ja immer in alle Richtungen interpretieren”, meint Walther diplomatisch. Die Tür will auf dieser Veranstaltung den abwesend Gebliebenen jedenfalls keiner zuschlagen. Schließlich sollen auf den ersten Schritt noch weitere folgen.



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Katja Öhlschläger schreibt seit 2003 über Frauenfußball und war zeitweilig Chefredakteurin der Fanzeitschrift "Soccer“ und später des Nachfolgemagazins "Die Elf". Im Jahr 2005 gründete sie mit Freunden das Online-Magazin „FanSoccer“, daneben gehört sie zu den regelmäßigen AutorInnen des Fußball-Blogs „womensoccer.de“, in dem dieser Beitrag zuerst erschienen ist. Wir danken der Autorin für die Erlaubnis zu einer Zweitveröffentlichung an dieser Stelle.

 

 


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