Fürs Auge

Eine andere sein

Dita Pepe hat viele Gesichter – zumindest vor der Kamera. Die tschechische Fotografin verwandelt sich dort immer wieder zu einer Doppelgängerin anderer Frauen. Damit möchte sie erkunden, was uns zu dem macht, was wir vielleicht gar nicht sind: ein Spiel mit Kleidern, Rollen und Umgebungen.

Sie könnten Zwillinge sein, doch wer genauer hinsieht, spürt gleich: Das Aussehen der beiden Frauen hat etwas merkwürdig Geklontes, es scheint nicht so, als handelte es sich hier um ein von Geburt an gleiches Paar. Und so ist es auch nicht: In ihren Selbstporträts inszeniert Dita Pepe sich nämlich nur als das Double einer anderen, einer Freundin oder entfernten Bekannten, in deren Persönlichkeit und Leben sie zu schlüpfen versucht. Dabei werden Ausdruck und Haltung dieser Frau so genau wie nur möglich kopiert – was mitunter zu verblüffenden Spannungen führt. Wo in der Realität fände man wohl zwei, die sich bereitwillig in dieser Weise präsentieren wollten: als nahezu austauschbar?

Dita Pepe, die 1973 in Ostrava geboren wurde, gehört zu einer jüngeren Generation tschechischer Künstler, die längst auch international viele Bewunderer finden. Ihre Serie „Selfportraits“ (1999-2004) wurde bereits 2004 in Deutschland gezeigt, war daneben aber auch in Portugal und Moskau schon zu Gast und im vergangenen Jahr daheim zur Prager Biennale eingeladen. Dabei geht Dita Pepe in den meisten ihrer Arbeiten von einer Idee aus, die sie facettenreich durchspielt: „Es ist Zufall, in welches Leben wir hineingeboren werden“, sagt die Fotografin. Sind wir also zwingend auch die, für die uns andere halten? Oder könnten wir auch jemand anderes sein, wenn das Kostüm, diese Rolle oder jene Umgebung nicht wäre?  

Die Fotografin geht dieser Frage nach und zeigt uns ebenso Charaktere wie soziale und kulturelle Details, die ihre ganz eigene Sprache entfalten. Dabei wird stets an das reale Leben derjenigen angeknüpft, die für Dita Pepe posieren und den Blick auf das eigene Wohn- oder Schlafzimmer, in offene Kleiderschränke oder den Schminkkasten freigeben. Was wiederum die Künstlerin dazu inspiriert, sich anlehnend neu zu erfinden, sei es als Schwester oder Tochter oder auch als werdende Mutter. Ein Spiel mit Identitäten, das durchaus an Cindy Sherman und deren Fotokunst erinnert. 

Nur dass Dita Pepe in ihren Bilderserien stets darauf aus ist, die Gegenwart einer anderen Person als exklusive zu dramatisieren: Sie ist es nämlich- diese andere Person, die darüber entscheidet, welches Rollenspektrum sich der Künstlerin jeweils eröffnet. Um Anpassung und Aneignung geht es so auch immer, zwei Motive, die eine zentrale Rolle auch in einer Reihe von Selbstporträts spielen, auf denen Dita Pepe an der Seite von Männern zu sehen ist, deren Partnerin oder Ehefrau sie zu verkörpern versucht, oft sogar mit deren Kindern im Bild. Dass unsere Persönlichkeit auch von den Beziehungen, die wir eingehen, mitgeprägt wird, ist kein Geheimnis. Dennoch lohnt es sich, hin und wieder auch über Dinge nachzudenken, die uns selbstverständlich scheinen. „Ich empfinde alles im Leben als relativ, wenn ich auf mein Leben zurückblicke – wären die Dinge nur etwas anders gekommen, hätte ich zu jemand ganz anderen werden können, als ich es bin,“ sagt Dita Pepe. Nichts als ein Gedankenspiel?