Reizthema

Eine Chance für alle – nichts als Lüge!?

Liegt unsere Zukunft in der Bildung, so werden Kinder aus sozial schwächeren Milieus in Deutschland um ihre Zukunft betrogen – und zwar systematisch. Zu diesem Ergebnis kommt Bruno Preisendörfer in seinem Buch „Das Bildungsprivileg“.

Das meiste ist eigentlich bekannt: Etwa dass Bildungschancen hierzulande noch immer viel zu sehr davon abhängen, welchen familiären Hintergrund ein Kind hat. Oder dass in der Regel zur Aufnahme eines Studiums noch immer das akademische Elternhaus gehört, aus dem man kommt. Nur 23 von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, finden später an die Universität. Im Vergleich dazu schaffen es diejenigen, die die Alma Mater vermeintlich schon mit der Muttermilch verabreicht bekamen, einfach leichter (von 100 Kindern immerhin 83). Das sind Zahlen, die das Deutsche Studentenwerk in seiner jüngsten Sozialerhebung präsentierte. Und sie müssen wohl nachdenklich stimmen: „40 Jahre Bildungsoffensive“ in Deutschland – und im Grunde alle Mühen umsonst?

Vielleicht nicht ganz, aber doch weitgehend – so ungefähr lautet die Antwort, die Bruno Preisendörfer mit seinem Buch „Das Bildungsprivileg“ gibt. Denn der Autor versucht zu zeigen, dass es den Politikern und anderen Eliten in diesem Land nie wirklich ernst war: Das Versprechen auf Chancengleichheit sei nichts als politische Sonntagsrede. Ein wirkliches Interesse, auch die „Bildungsfernen“ zu ihrem Recht kommen zu lassen, habe es bisher aber nicht gegeben. Der Grund, so Preisendörfer: Wenn auch die „Bifs“ (wie der Autor verkürzt die „Bildungsfernen“ nennt) es schaffen, einen Weg „nach oben“ zu finden, dann wird es für den Nachwuchs aus der „Oberschicht“ gefährlich eng. Dann nämlich bekämen die Kinder derjenigen, die heute in Politik und Gesellschaft den Ton angeben, eine Konkurrenz „von unten“ – im Ringen um Plätze an Gymnasien, an Hochschulen oder bei der Karriere. Und wer von denen „da oben“ könnte das wohl wollen?

Verschwörungstheorie? Oder Klassenkampf, reloaded? Die Einsichten, zu denen Preisendörfer in seinem Buch gelangt, sind, wie gesagt, nicht neu. Sie begegnen uns tagtäglich in den Medien, seit mit den PISA-Studien offensichtlich geworden ist, dass das deutsche Bildungssystem ein massives Problem hat. Und gerade hat die OECD in ihrem Wirtschaftsbericht 2008 diesem Problem erneut auch einen Namen gegeben: Es ist das dreigliedrige Schulsystem, das genau das schafft, was Preisendörfer als „Gerechtigkeitslüge“ bezeichnet. Viel zu früh würden Kinder hierzulande auf verschiedene Schulformen aufgeteilt. Nirgendwo sonst in Europa (außer in Österreich) ließe man zu, dass bereits nach vier Jahren Grundschule die Weichen gestellt würden – für Bildungswege, die für Hauptschüler leicht in die Sackgasse führen, für Gymnasiasten aber das Sprungbrett zum späteren Topjob bieten.

Ungerecht? Oder einfach nur Folge eben auch unterschiedlich verteilter Begabungen? „Die Bildungsaristokratie vererbt Begabungen wie früher der Adel blaues Blut“, merkt Preisendörfer hier bissig an und führt vor, dass es viele Faktoren sind, auf die es mindestens genauso ankommt. Denn Studien, die er zitiert, können belegen:

„Jugendliche aus der Oberschicht haben eine deutlich höhere Chance, ein Gymnasium anstelle einer Realschule zu besuchen, als Jugendliche aus Arbeiterfamilien – und zwar auch dann, wenn man nur Schüler mit gleicher Begabung und gleichen Fachleistungen vergleicht.“

Zum Zünglein an der Waage werden hier natürlich nicht nur Lehrer, die Schüler falsch einschätzen. Sondern auch Eltern, die alle Hebel in Bewegung setzen – oder auch nicht: Gerade unter Akademikern wird es für selbstverständlich gehalten, dass der Sohn oder die Tochter mit einer Gymnasialempfehlung bedacht wird. Und sobald es mit dieser klappert, ist die Bereitschaft groß, den Kindern mit allen Mitteln den Rücken zu stärken – aber nicht alle Eltern verfügen eben über diese Mittel: etwa die nötigen finanziellen, um ein Abitur, das auf der Kippe steht, mit Nachhilfeunterricht wieder ins Lot zu bringen.

Erst vor kurzem hat die Studie „Eltern unter Druck“, von der Konrad Adenauer-Stiftung in Auftrag gegeben, darauf aufmerksam gemacht, wie Eltern hier im Wettlauf um eine gute Startposition für das eigene Kind zunehmend in Stress geraten. Wer nur mit durchschnittlichem Einkommen und durchschnittlichem Bildungsabschluss mithalten müsse, sei schon im Nachteil. Und erst recht sind das wohl jene, die auf diesen Druck am schlechtesten vorbereitet sind und ihm am wenigsten standhalten können.

Wer aber an der Bildung betrogen wird, mahnt Preisendörfer, der wird am Leben betrogen. Dabei möchte der Autor aber nicht verschweigen, dass Bildung nicht nur ein kostbares Gut ist. Sie habe auch ihren Preis: Und ganz besonders für einen „Bif“, der sich vom eigenen Bildungsmilieu emanzipiere und sich dabei auch Schritt für Schritt von der eigenen Familie und Herkunft entfernen muss. Preisendörfer spricht hier vom „stillen Drama einer Bildungsmigration“.

„Um bildungsfernen Kindern eine Chance geben zu können, müssen sie ihren Eltern weggenommen werden: in geistiger, mentaler und in der Folge oft auch emotionaler Hinsicht: Das ist der bittere Kern des Versprechens auf Bildung: Diejenigen unter den Bildungsfernen, denen diese Chance gegeben wird, können sie nur wahrnehmen, indem sie ihre Herkunft der Zukunft opfern.“

In öffentlichen Diskussionen findet man diesen Aspekt, dieses Dilemma in der Tat kaum je thematisiert. Umso wichtiger, dass Bruno Preisendörfer dieses Motiv nicht außen vor lässt. In einigen Kapiteln seines Buches kommt er gezielt auch auf die eigenen Erfahrungen zu sprechen. Der Schriftsteller, der heute in Berlin lebt, wuchs als Kind selbst in einem bildungsfernen Elternhaus auf.