Wissenswertes

Eine Frau spricht nicht unbedingt weiblich

Spricht Angela Merkel wie eine Frau? Und Gerhard Schröder die Sprache der Öffentlichkeit – also konfrontativ, sachlich und unpersönlich? Daniela Diehl hat Nachrichteninterviews untersucht und kommt zu etwas anderen Ergebnissen als die feministische Linguistik bisher.

Daniela Diehl ist Fernsehjournalistin beim SWR und hat gerade das Buch "Frauensprache Männersprache" veröffentlicht. Darin analysiert sie männliche und weibliche Sprechstile und wie zwei Spitzenpolitiker in Fernsehinterviews deren Muster bedienen – oder auch nicht. Ist die Öffentlichkeit festgelegt: hier zählt nur Männersprache? 

Sie haben Nachrichteninterviews verglichen, die mit Gerhard Schröder und Angela Merkel geführt wurden. Was wollten Sie dabei herausfinden? 

Ich wollte wissen, ob es so etwas wie „Frauensprache“ und „Männersprache“ wirklich gibt. Und ob tatsächlich die eine Sprache der anderen überlegen ist. Laut Forschung zu diesem Thema ist es nämlich so, dass Frauensprache persönlich und kooperativ und eher der Privatwelt zugeordnet ist, Männersprache dagegen kompetitiv, objektiv und die Sprache der Berufswelt ist.

…wäre das so, dann wäre Angela Merkel gut beraten, in öffentlicher Rede besser den Gerhard Schröder zu mimen als nach dem Weibchenschema zu ticken, oder? 

Ja, aber in meinem Buch komme ich zu dem Ergebnis, dass es „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ gar nicht gibt. Eine Frau spricht nicht unbedingt weiblich und ein Mann nicht unbedingt männlich. Beide Geschlechter verwenden beide Sprachen. Und je nach Situation ist mal die eine, mal die andere überlegen.

 

Was wären denn Beispiele für „weibliche“ oder „männliche“ Sprechweisen?

Weibliche und männliche Sprechstile unterscheiden sich im Satzbau, durch Wörter, auch durch Betonungen und deren Absicht. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Es gilt als typisch „weiblich“, so genannte Hörersignale zu verwenden. Wenn Ihr Gegenüber etwas erzählt und Sie nicken mit dem Kopf oder sagen ja oder hm, dann zeigen Sie dadurch, dass Sie zuhören , und das gilt als kooperativ. 

Wenn ich Ihnen jetzt aufzählen würde, was die Ergebnisse meines Buches sind und ich benutzte dabei eine Gliederung, wie etwa „erstens, zweitens drittens“, dann würde ich an dieser Stelle männliche Register sprechen – Strukturierungen sind für diese ganz typisch. So typisch, wie etwa sogenannte „Männersprache“ auch als bemüht gilt, Dinge als allgemeingültig darzustellen – und nicht nur als die eigene Meinung.…  

… da denkt man dann aber doch eher an Gerhard Schröder als an Angela Merkel? 

Gerhard Schröder gliedert tatsächlich stärker als Angela Merkel. Doch er hat einen sehr persönlichen Redestil, sagt also häufig „ich glaube“, „ich meine“, was dem weiblichen Register zuzuordnen ist. Angela Merkel tut dies auch, jedoch weniger ausgeprägt als Schröder, er spricht hier stärker weibliches Register als sie.
 
Beide Politiker unterlaufen damit aber auch geschlechtstypische Erwartungen, die ein Zuhörer vielleicht haben könnte – fällt das nicht als störend auf? Oder anders gefragt: Wird der Verlauf eines Interviews nicht irritiert, wenn hier sprechend aus der Rolle gefallen wird? 

Nein, eher im Gegenteil. Denn wie gesagt, je nach Situation ist die eine oder die andere Sprechweise angebrachter. Zum Beispiel männliches Register, wenn es um die Länge oder die Strukturierung der Redebeiträge geht. In der Situation vom Nachrichteninterview steht den Interviewten eine längere Redezeit zu, und die Gliederungen der Redebeiträge sind hilfreich, weil es oft um komplexe und vielschichtige Sachverhalte geht. 

Interviewte, die ihr Gegenüber unterbrechen, was ebenfalls eher als „typisch männlich“ gelten würde, gefährden hingegen das komplette Interview und schaden damit natürlich nicht nur diesem, sondern auch sich selbst. 

Ein „weiblicher“ Stil hilft dagegen, sich als Interviewter besser zu präsentieren. Zum Beispiel wirkt man durch den Einsatz von Selbstreferenzen oder durch formal korrekte Sequenzanschlüsse kooperativ, was der Interviewsituation zugute kommt. Unangebracht dagegen wäre es, Hörersignale während eines Fernsehinterviews zu verwenden, das würde störend wirken.

Warum haben Sie ausgerechnet Nachrichteninterviews analysiert? 

Wenn man herausfinden möchte, ob unsere Gesellschaft unterschiedliche Sprechweisen von Frauen und Männern erwartet, muss man sich mit öffentlicher Kommunikation beschäftigen. In der Öffentlichkeit wird, im Gegensatz zum Gespräch unter Freunden, am ehesten so gesprochen, wie es gesellschaftlich erwartet wird. Und Nachrichteninterviews sind eines der besten Beispiele für öffentliche Kommunikation, da sie ein immens großes Publikum haben. 

Sie haben auch die andere Seite ins Visier genommen und untersucht, wie Anne Will und Klaus Kleber in einem Interview vorgehen, um den Politikern auf den Zahn fühlen. Verhalten sich die Interviewer typisch weiblich und typisch männlich? 

Nein, auch nicht. Anne Will und Marietta Slomka unterbrechen ihre Interviewpartner beispielsweise häufiger, was zum männlichen Register zählt. Klaus Kleber und Ulrich Wickert unterbrechen kein einziges Mal. Insgesamt weicht Klaus Kleber am stärksten von der Norm ab. Er hat einen sehr persönlichen Interviewstil, verwendet eher weibliche Sprechweisen. Er wirkt dadurch aber nicht unterlegen, sondern erreicht, dass das Künstliche der Interviewsituation in den Hintergrund rückt. Der Zuschauer hat das Gefühl, bei einem echten, offenen Gespräch dabei zu sein.

Wenn man sehr viele Faktoren berücksichtigen muss, um zu verstehen, wie Kommunikation entweder gelingen oder auch scheitern kann – welchen Sinn macht es dann überhaupt noch, nach männlichen und weiblichen Anteilen und Mustern zu forschen? Landet man nicht am Ende doch nur bei dem jeweils sehr persönlichen Stil und ureigenen Mix aus beidem?  

Wenn man die Sprechweise einer Person untersucht, landet man tatsächlich bei einem ureigenen Mix. Aber genau das war auch eines der Ziele meiner Arbeit: mit diesem Vorurteil aufzuräumen, dass Frauen persönlich und kooperativ sprechen und Männer objektiv und konfrontativ. Und dass der eine Stil in der Privatwelt und in einigen Sozialberufen gepflegt wird, der andere Stil aber der Berufswelt und der Öffentlichkeit zugeordnet wird.


Dennoch macht es Sinn, nach weiblichen und männlichen Anteilen zu suchen. Allerdings muss man „weiblich“ und „männlich“ als Bezeichnung sehen, um überhaupt unterscheiden zu können. Diese Bezeichnung geht auf die feministische Linguistik und ihre Unterteilung zurück. Wenn man diese beibehält, sich aber von der automatischen Zuordnung  („Frauen sprechen Frauensprache“, usw.) befreit, dann ist es sehr hilfreich, nach den beiden unterschiedlichen Stilen zu suchen. 

Welchen praktischen Nutzen – für Interviewer oder Medienberater - könnte ihr Buch haben? Es versteht sich ja nicht nur als Beitrag zum Forschungsdiskurs, sondern sensibilisiert auch für anderes, etwa Hürden und Strategien, die uns in einem Interview oft zu bewältigen sind?  

Das Buch liefert praktische journalistische Tipps für Interviewende, beispielsweise wie sie heikle Gesprächssituationen meistern können ohne das Interview zu gefährden. Medienberater erfahren zum Beispiel wie Interviewte kooperativ wirken können, ohne gleich alles preiszugeben.