Starke Frauen

Eine starke Frau – Herlinde Koelbl

Sie porträtiert „starke Frauen“, aber eigentlich ist sie selbst eine solche „starke Frau“. Die Rede ist von Herlinde Koelbl, einer Fotografin mit dem besonderes Händchen – oder besser gesagt dem besonderen Auge – für Sichtweisen und Menschen. Sie widmet sich ungewöhnlichen Themen, die dann in Projekten realisiert werden, die mehrere Jahre dauern. Geduld, Hartnäckigkeit und Unkonventionalität sind ihre Stärken – Hut ab!

Von: Bärbel Kerber, Fotos: Herlinde Koelbl

vom 20.07.06

Herlinde Koelbl ist Fotografin und Fotojournalistin mit einem ganz sensiblen Gespür für die Menschen. Ob nun Schriftsteller, Politiker, Männer, Opfer oder neuerdings TV-Kommissarinnen – immer ist es eine unorthodoxe Weise, in der sie die Leute porträtiert. Ihre wohl bekannteste Arbeit ist das Projekt „Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“: Von 1991 bis 1998 nahm sie jedes Jahr einmal die immer gleichen Politiker (wie bspw. Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder) und Wirtschaftsbosse (so etwa Siemenschef Heinrich von Pierer und Allianzchef Henning Schulte-Noelle) vor ihre Kameralinse. Zusätzlich zu den Fotos führte sie ausführliche Interviews mit den Porträtierten, um so ein komplettes Bild von den Veränderungen zu zeichnen, die ein Politikerleben oder Managerleben auf die Erscheinung und die Persönlichkeit eines Menschen haben. Das Ergebnis (das es als Bildband gibt, als Dokumentarfilm und als Ausstellung zu sehen war) belegt eindrucksvoll, dass jeder Mensch unter dem Einfluss von Macht anders geformt wird, andere Rückschlüsse für sich zieht und andere Konsequenzen. Während der eine während des Zeitraums – z.B. Gerhard Schröder – immer maskenhafter und facettenärmer wird, zeigen sich andere – z.B. Renate Schmidt – am Ende ehrlicher und nachdenklicher. Interessanterweise haben bei den Unternehmensführern wie von Pierer und Co. innerlich wie äußerlich Zeit und Amt kaum Spuren hinterlassen. Vielleicht ja, weil gerade diese „von großer Disziplin gekennzeichnet sind und versuchen, Gefühlswallungen nicht nach außen dringen zu lassen“, mutmaßt Koelbl selbst.

 

Zu Koelbls neueren Arbeiten gehört ein viel beachteter Dokumentarfilm über den Drogenentzug des Schriftstellers Benjamin von Stuckrad-Barre. Ihr gelang es, ihn – den Pop-Literaten – zwischen Selbstfindung und Selbstverliebtheit zu packen. Ganz aktuell von ihr ist eine Porträtreihe von 15 bekannten Fernsehkommissarinnen. Etwas länger zurück liegt eine ihrer großartigsten Arbeiten: das Fotoessay „Starke Frauen“. Herlinde Koelbl, die 1939 in Lindau am Bodensee geboren ist, lichtete dafür nicht etwa Karrierefrauen, Leistungssportlerinnen oder berühmte Frauen mit besonderen Verdiensten ab. Nein, sie entschied sich für die unverblümte, nackte Darstellung von unbekannten Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, sondern mit ihren üppigen Formen selbstbewusst wuchern. Es sind gleichzeitig Frauen darunter, die ihre Haare verloren, die mit 80 Jahren nicht mehr ganz jung und faltenlos sind, oder die schlicht schwanger sind.  Was die Fotografin damit beweist, ist, dass auch stattliche und weniger perfekte Körper ausdrucksvoll, erotisch und stark wirken können, wenn sie von einer selbstbewussten Persönlichkeit ausgefüllt werden.

 

„Starke Frauen“ zeigt würdevolle weibliche Akte. Die abgelichteten Frauen sind schon allein deshalb „stark“, weil sie den Mut zu derart offenen Fotos hatten. Und Koelbl, die bewies mal wieder das richtige Feingefühl, ein delikates Thema wie „übergewichtige Frauen“ in die Aufmerksamkeit eines grösseren Publikums zu richten. Der Koelbl-Bildband ist eine gelungene und bemerkenswerte Weise, sich einmal wieder der stets aktuellen Frage zu widmen „Was ist eigentlich schön?“.

 

Und alleine für die Idee und das Engagement für das Thema verdient Herlinde Koelbl selbst das Prädikat „stark“.