Cool Tour

„Eine Traumrolle kann schnell zum Albtraum werden“

Es gibt eine Frage, die man Winfried Glatzeder lieber nicht stellen sollte...

Von: Beatrix Altmann, Foto: icestorm.de

vom 31.01.07

...das ist die nach seiner Traumrolle. Wenn es dennoch passiert, antwortet der Mime freundlich, aber sehr bestimmt: „Ich verbinde damit eine Rolle, die mich bis in meine Träume verfolgt, weil ich von den Facetten der Figur, die ich spiele, so erfüllt bin, dass sie in mir weiterlebt. Es ist aber illusorisch zu glauben, Schauspieler träumten ihr Leben lang von einer bestimmten Beset­zung.“ Viel wichtiger seien die äußeren Bedingungen: „Wenn ich mir immer gewünscht habe, den König Lear auf der Bühne zu verkörpern, und ich erwische einen Regisseur und Kollegen, mit denen die Zusammenarbeit nicht funktioniert, dann kann die Traumrolle schnell zu einem Albtraum werden“.

 

Ein spitzbü­bisches Lächeln huscht über das markante Gesicht des 61-Jährigen: „Natürlich gelang es mir in meiner 40-jährigen Berufslaufbahn, auch Rollen zu ergattern, die ich heute als traumhaft be­zeich­nen würde: Beispielsweise Christian Smolny in dem DEFA-Streifen ‚Zeit der Stör­che’, die Figur des Till Eulenspiegel und den Eugen in der Theaterproduktion ‚Pension Schöller’“.

 

In positiver Erinnerung sind dem Berliner auch die Dreharbeiten für den ARD-Zwei­tei­ler „Die Flucht“ geblieben. Hier spielt er den Diener eines Groß­grund­­besitzers in Ostpreußen, der im Kriegswinter 1945 trotz der herannahenden Russen seinen Hof nicht aufgeben möchte. Ein kleiner, aber sehr schöner Part, der auf einem Schloss in der Nähe von Boltenhagen gedreht wurde: „Der Film handelt auch von der Geschich­te meiner Generation, den Kindern der Vertriebenen“, sagt Glatzeder, der im April 1945 im polnischen Zoppot geboren wurde und gerade seine eigene Biografie aufar­beitet, die im Frühjahr 2008 im Aufbau-Verlag veröffentlicht wird. Denn auch seine Familie musste vier Monate nach Kriegsende die Heimat verlassen.

 

„Ich bin bei meinen Großeltern und im Heim aufgewachsen. Mein Vater starb in Kriegsge­fangen­schaft und meine Mutter, die an Tuberkulose erkrankt war, verbrachte viele Jahre in Sanatorien. Mit vier Jahren stand ich einer 1,82 großen Frau gegenüber und das war meine Mama“, erin­nert sich der baum­lange Darsteller, der die beeindruckenden Längenmaße wiederum an seine beiden Söhne Robert (Schauspieler, 35) und Philip (studiert Produktdesign in Berlin, 32) weitergeben konnte. Ohne Zärtlichkeit und Nähe aufgewachsen und durch die Erzäh­lungen seiner Groß­eltern von großer Verlustangst geprägt, entwickelte sich der junge Glatzeder zu einem eher introvertierten und schüchternen Menschen, der sein Heil in der Schauspielkunst fand. Denn auf der Bühne und vor der Kamera fiel es ihm nicht schwer, seine Gefühle auszudrücken. Ein permanentes Sicherheitsbedürfnis und Pessimismus („Ich rechne immer mit dem Schlimmsten.“) gehören noch zu seinen Eigenschaften, ergänzt der Schau­spieler. Jedoch gepaart Humor, wie ein Blick in seine lachenden Augen verrät.

 

Und dieser Humor und Geduld sind  auch das Patent­rezept für seine 36 Jahre andauernde Ehe mit Frau Marion, die als Lehrerin arbeitete und seinen Sinn für eine gerechte Welt teilt: „Gerade durch die Dreharbeiten wurde mir wieder bewusst, wie viel Leid und Verfolgung es immer noch gibt. Und wie schwer es ist, Menschen für das Unglück anderer zu sensibili­sie­ren.“

 

Umso wichtiger war es den Eltern, ihren Söhnen gute Vorbilder zu sein: „Wir haben keine Werte vermittelt, sondern immer versucht, vorzu­leben, um sie so zu höflichen und liebevollen Menschen zu erziehen“, sagt der Künstler, der sich im Norden von Berlin Haus und Grund­stück mit der Familie, einem Hund, mehreren Hühnern und Stockenten teilt. Handwerk­liches Geschick sei ebenfalls ein Garant für eine gut funktio­nie­rende Ehe, setzt er verschmitzt hinzu. Seine dunklen Locken und die feine Mimik erinnern auch 30 Jahre später an Paul, den er in „Die Legende von Paul & Paula“ 1973 pielte  und er ist nicht böse, wenn man ihn zum wiederholten Male darauf anspricht: „Es ist eine schöne Bestätigung, in einem Film mitge­spielt zu haben, der das Lebensgefühl der dama­ligen Zeit bis heute glaubhaft transportieren kann.“

 

So gesehen war das schon eine Traumrolle …