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"Eine von 8"

Ein bemerkenswertes Porträt zweier Frauen, die sich von der Diagnose Brustkrebs nicht aus der Bahn werfen lassen wollen.

„Man kann den Kampf gewinnen, und man kann ihn verlieren. Die Frage ist, was man in der Zeit, in der man lebt, daraus macht“, sagt Sabine Derflinger. Sie hat gerade ihren Dokumentarfilm „Eine von 8“ ins österreichische Kino gebracht, in dem es um zwei Frauen geht, die an Brustkrebs erkrankt sind. Was zählt – wenn eine so schwere Krankheit plötzlich droht, einen ins Bodenlose zu reißen? Sabine Derflinger hat die betroffenen Frauen mit der Kamera begleitet und beobachtet, wie diese zwischen Diagnosen, Operationen und Chemotherapien darum kämpfen, sich Handlungsspielräume in ihrem Alltag zu erhalten, auch als kranker Mensch. 

Der Film erzählt hier nüchtern und mit viel Vorsicht, um sich von den aufwühlenden Momenten, die das Thema natürlich auch hat, nicht einfach mitreißen zu lassen. Es sei wichtig, die Krankheit nicht zu dämonisieren, so findet Sabine Derflinger. „Es geht auch viel um Wissen, und da muss nicht jede einzelne bei Null anfangen. Man kann auch aus den Erfahrungen anderer schöpfen, um dann weniger überrascht von den Ereignissen zu sein“. 

In Österreich erkrankt heute eine von acht Frauen irgendwann im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Frederike von Stechow war eine von diesen und als Schauspielerin an verschiedenen Grazer Bühnen zu erleben, bis sie mit einer Diagnose konfrontiert wurde. Freunde rieten ihr, die eigenen Ängste und Hoffnungen, die es nun zu bewältigen galt, zu Papier zu bringen. Doch so richtig wollte das nicht gelingen. Schließlich kam von Stechow die Idee zu einem Film – und sie sprach Sabine Derflinger an, die anfänglich zögerte, dann aber doch in das Projekt einstieg. Eine Entscheidung, die vor allem auf der sich schnell  entwickelnden Sympathie zwischen den beiden Frauen gründete. „Ich habe mich mit dem Thema vorher nicht beschäftigt, bin mit dem gleichem Nichtwissen hineingegangen wie wahrscheinlich viele Frauen“, sagt Derflinger in Interviews.

Einiges von dem, was die Arbeit am Film hervorbrachte, hat die Regisseurin so auch etwas überrascht: „Brustkrebs ist ja immer auch ein Angriff auf die Weiblichkeit“, resümiert Derflinger etwa. „Es ist bedrohlicher, wenn eine Frau ohne Haare als ‚oben ohne‘ herumrennt.“ Ein Tabu, dass ihr heute bewusster ist als zuvor. Und dann sei da noch eine andere Frage, die zu ihrer Verwunderung eine große Rolle im Umgang mit der Krankheit spiele: die nach der persönlicher Verantwortung und ihrem Sinn. Was habe ich falsch gemacht? Habe ich mich zu falsch ernährt? Oder zu viel heruntergeschluckt im Leben? So hört man die Protagonistinnen auf der Leinwand grübeln. Für Sabine Derflinger sind das gefährliche Fragen, die aber typisch für unsere Zeit seien – und unseren unerschütterlichen Glauben an die Stärke des eigenen Ichs: „Wenn ich alles in meinem Leben beeinflussen kann, bin ich natürlich auch für alles verantwortlich. Das erzeugt wahnsinnigen Druck.“

Neben Frederike von Stechow ist es die Straßenbahnfahrerin Marijana Gavric, die als zweite vor der Kamera über ihre Krankheit und das Leben mit ihr spricht. Die beiden Frauen hatten sich während der Chemotherapie kennen gelernt und teilten anscheinend die Hoffnung, vieles von dem, was ihnen zusetzte, auf eine Leinwand bannen und weg projektieren zu können: „Ich mache aus meinem Leben ein Stück Film, das ich hinter mir lasse“, so hört man Frederike von Stechow etwa sagen. „Wenn der Film fertig ist, bin ich gesund und wieder glücklich“. 

„Eine von 8“ feierte im März auf dem Filmfestival „Diagonale“ seine Premiere. Damals sah alles noch so gut aus, wenig später erfuhr Frederike von Stechow dann von Metastasen, die sich in ihrer Lunge bildeten. Im Juli erlag die Schauspielerin schließlich ihrem Krebsleiden. Nicht zufällig ist nun der Film, von dem diese sich auch heilende Wirkung versprach, im Oktober im Kino angelaufen – just im internationalen Brustkrebsmonat („Pink Ribbon“). Auf den Hofer Filmtagen, die in dieser Woche stattfinden, wird „Eine von 8“ erstmals aber auch in Deutschland gezeigt. 

 

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Fotos:

1. Frederike von Stechow, © Peter Manninger

2. Sabine Derflinger, © Peter Manninger

3. Filmplakat zu „Eine von 8“, © Polyfilm