Reizthema

„Elke, das braucht kein Mensch!“

Porno für Frauen – ist das nur eine Männerphantasie? Keinesfalls, meinen Elke Kuhlen und Nicole Rüdiger, die das „Jungsheft“ herausgeben. Das Magazin möchte den „netten Typen von nebenan“ für junge Mädchen entblättern und so eine Marktlücke füllen. Wenn nicht sogar den Markt für Frauenmagazine revolutionieren: Schminktipps, Diätratgeber und Gucci-Handtaschen? Das sei noch lange nicht alles, was Frauen wirklich wollten. Aber was wollen Frauen wirklich? Gleichberechtigt sein – und endlich auch als Konsumentin im Pornogeschäft auftreten?

Das sei doch nur „weiblicher Sexismus“, unter dem Deckmantel der Emanzipation vorgetragen, wetterten bereits einige Männer gegen das Magazin. Elke Kuhlen und Nicole Rüdiger, die beiden 29-jährigen Macherinnen des Hefts, gehen mit solchen Vorwürfen eher gelassen um. Mit feministischen Positionen hätte das alles ohnehin nur wenig zu tun: „Wir kämpfen gar nicht in dem Sinne, wir machen einfach, was wir wollen“, erklärte Rüdiger in einem Interview, und entsprechend bekannte sich auch ihre Kollegin an anderer Stelle anderer Stelle: „Ich bin in keiner Weise Feministin.“

 

Auf die Idee zu einem Pornoheft für Mädchen seien die beiden vielmehr vor dem Hintergrund einer Magazinkultur für Frauen gekommen, die sie als „traurig und komplett nichts sagend“ bezeichnen. Über Themen berichten, die sonst anderswo nicht vorkämen – das sei ein entscheidendes Motiv. Und wo es um das Thema Sex ginge, würden Frauen üblicherweise nur abgespeist. Das gängige Angebot der Frauen-Zeitschriften würde da einfach kneifen: „Da steht drin, wie ich mir die Augen schminke, und die 15 besten Flirttipps. Sex ist da zwar auch ein Thema, wird aber eher weichspülermäßig abgehandelt“, meint Elke Kuhlen.

 

Mit Weichspülern hat das Blatt nun aber mindestens ebenso wenig am Hut wie mit Feminismus. Das gilt nicht nur für das Fotoshooting: Das Heft möchte „ganz normale Typen" nackt zeigen und verzichtet deshalb auf vieles, was einen Play-Girl-Chic bedienen würde – auf die perfekte Ausleuchtung, die gängige Modelästhetik und auch darauf, die Jungs „noch sechsmal durch den Photoshop“ zu jagen. Aber auch die Textbeiträge wollen möglichst ungeschminkt und unverblümt zur Sache kommen. „Tacheles reden“, wie Elke Kuhlen meint, etwa über „Das Phänomen Nachwichsen“, die Kunst, aus einem Rock einen Sweater zu machen oder in einer Rubrik, die da heißt „Jungs erklären: Stellungen“.

 

„Elke, das braucht kein Mensch“, hätten selbst gute Freundinnen schon kommentiert. Die beiden Herausgeberinnen sehen das anders. Seit dem Jahr 2005 versuchen sie ihr  „Jungsheft“ unbeirrt an die Frau zu bringen, anfangs noch unter dem Titel „Lecker“. Doch weil ein Kochmagazin aus dem Heinrich Bauer-Verlag sich bereits eben so nannte, musste das Heft umgetauft werden, es erschien nun eine Weile unter dem Titel „Glück“ – und hatte wieder mal Pech. Diesmal war es die Glückslotterie, die sich alle Rechte schon gesichert hatte. Und dann war da noch die Porno-Frage, mit der das Magazin von Anfang an zu kämpfen hatte. „Wir empfinden das, was wir machen, nicht als Pornographie“, so erklären die beiden Kölnerinnen, die ihr Heft im Selbstverlag herausgeben und damit gerade einmal soviel Gewinn machen, dass es zur Finanzierung der jeweils nächsten Ausgabe reicht.

 

Der Gesetzgeber war in dieser Frage anderer Meinung: Wo „Erektionen von über 45 Grad“ gezeigt werden, sieht das deutsche Strafgesetzbuch Pornographie im Spiel und verlangt, Dargebotenes entsprechend zu deklarieren. Aber auch in anderer Weise stellt das, was das „Jungsheft“ abbildet, einen Streitfall dar: Unter Frauen ist man über das Genre des Pornos nämlich generell sehr gespaltener Meinung. Während auf der einen Seite Haltungen zu finden sind, die dem Genre nur mehr Gewalt gegen und Erniedrigung von Frauen vorwerfen, macht auf der anderen Seite sich auch eine Bewegung stark, die Pornos befürwortet.

 

So vertreten etwa so genannte „Pro-Porno-Feministinnen“ die Ansicht, dass der Umgang mit Pornografie auch Frauen eine Möglichkeit biete, sich als sexuelle Wesen zu erfahren und von repressiver Moral zu befreien. Damit widersprechen sie etwa einer Wahrnehmung, wie sie zum Beispiel in den PorNo-Kampagnen von Alice Schwarzer gepflegt werden: Mit ihrem Magazin EMMA bemühte diese sich stets darum, auf ungute Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Die Werke der Pornoindustrie hätten großen Einfluss auf soziale und psychische Realitäten, wo Männer und Frauen sich dort auf die immergleiche festgefahrene Weise nur begegneten – mit dem Mann als Aggressor und weiblicher Unterwerfung als das klassische Schema. „Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“ – so eine der Kampfparolen, mit denen EMMA dazu aufrief, sich gegen dieses Schema zur Wehr zu setzen.

 

Das sei schon toll gewesen, wie man bei der EMMA gekämpft habe, erklärte Elke Kuhlen unlängst in einem Interview mit der Tageszeitung "taz": „Aber ohne denen ans Bein pinkeln zu wollen, ich glaube: das ist überholt.“ Und das „Jungsheft“ dagegen ein Magazin auf der Überholspur? Vieles spricht dagegen. Auch wenn viele sich „über diesen Teil der Gleichberechtigung sehr freuen“ – die eigenen Marktchancen seien eher schlecht, wie die Herausgeberinnen eingestehen. Und das hat vermutlich nicht nur damit zu tun, dass viele Frauen schon aus Überzeugung sich dem Pornokonsum verweigern. Wie Studien immer mal wieder nahe legen, scheinen Frauen mit Pornographie auch einfach anders umzugehen – und weibliche Lust scheint durch solche auch schwerer zu stimulieren. Was wiederum bestimmt auch nicht zufällig ist, ist doch im Pornogeschäft nahezu alles auf die männliche Sexualität fokussiert. Ob mehr Frauen hinter den Kameras und ein paar „nackte Jungs“ davor aber gleich schon Grund genug sind, von neuer Gleichstellung zu phantasieren – das darf man wohl doch sehr bezweifeln.

 

Schließlich bewegt sich Pornografie in einem Spannungsfeld, das mit Ausgewogenheit ohnehin nicht viel zu tun hat. Und auch Pornos von Frauen und für Frauen werden diesem Spannungsfeld, in dem es um Befreiungen und Repressionen zugleich geht, vermutlich nur schwer entrinnen. Oder gibt es ihn doch – den viel beschworenen weiblichen Blick, der hier ganz Anderes zu Tage befördern könnte? Vielleicht auch in Form der „Natürlichkeit“ und komplett anderen Ästhetik, die das „Jungsheft“ zu bieten behauptet? Nun ja, diese Ästhetik sei selbstverständlich auch aus einer finanziellen Not heraus entstanden, so bekommt man in ernüchternden Nebensätzen bei Elke Kuhlen und Nicole Rüdiger zu hören. Und was die Abläufe beim Fotoshooting angehe: Auch da setze man auf Tagesprogramm und ganz auf das Motto „ausziehen, nackt, Latte.“ Nur einmal sei eine der Fotografinnen mit der Situation nicht zurecht gekommen, plaudert Elke Kuhlen aus dem Nähkästchen. Und da habe diese sich einfach auch ausgezogen, um die Lage zu entschärfen. „Sie wollte einfach nicht, dass sich der andere schämen muss“, merkt Elke Kuhlen an. Vielleicht doch gut für kleine Subversionen – ein weiblicher Blick auf das klassische „Männerding“? Selbst beim Porno.