Anderswo

Empathie und Sinnlichkeit

Unsere Körperlichkeit zeigt sich als Spiegel unserer Lebenserfahrung und wie wir gelernt haben, damit umzugehen.

Die Venus von Milo. Seit ihrer Entdeckung auf der Kykladeninsel Melos im Jahr 1820 und ihrer Überführung in den Louvre gilt die Statue der Aphrodite zu den bekanntesten antiken Skulpturen: die griechische Göttin der Schönheit, der Erotik und der weiblichen Fruchtbarkeit. Vor allem auf die Menschen des 19. Jahrhunderts übte sie mit ihrer Verbindung aus Idealität und sinnlicher Attraktivität eine geradezu magische Wirkung aus.


Die Venus von Milo ist kein ästhetisch-sinnlicher Ausdruck unserer gegenwärtigen idealisierten Vorstellungswelt. In Anbetracht der Tatsache, dass meine physische Erscheinung eher dem Venus von Milo-Typus entspricht als gegenwärtigen Schönheiten der Medienwelt spiegelt mir meine Umgebung wider, dass meine Körperlichkeit nicht angemessen ist.

 

Welche Sprache spricht mein Körper?

 

Gerade Frauen neigen nicht nur zu einer kritischen Selbstbetrachtung, sondern wenden ihre Maßstäbe auch bei anderen Frauen an. Was sie nicht wissen, ist: Die Sprache, die mein Körper durch seine heutige Form spricht, ist Folge meines Eindrucks von der Welt. Ich erlebte diese lange Zeit als eine Welt, in der ich mich kräftigen muss, um ihren Anforderungen standzuhalten und um in ihr bestehen zu können - ein Gefühl, das dazu geführt hat, dass ich heute ausgeprägte Rundungen habe. Meine Weiblichkeit entspricht eher dem Ideal anderer Epochen als dem, was uns als erwünschte weibliche Körperform in der gegenwärtigen westlichen Welt als ein Muss vorgehalten wird.

 

In dieser unserer Welt von Norm und Perfektion wird die Sprache des Körpers gemäß einer Struktur interpretiert, die Menschen nach vorgefertigten Maßstäben beurteilt und so manches Mal auch verurteilt: Die Tyrannei einer Ästhetik, die sich an den Schöpfungen medialer Werbewelten einiger Weniger orientiert, aber eine Tiefenwirkung auf unser aller Imaginäres ausübt.

 

Empathischer Selbstausdruck: Wie stehen wir zu uns selbst


Sinnlichkeit ist ein Ausdruck unseres Selbst. Es gibt gar keinen Maßstab, der uns sagt, was perfekt ist und was nicht. Unsere Körperlichkeit zeigt sich als Spiegel unserer Lebenserfahrung und wie wir gelernt haben, damit umzugehen. Sie ist wandelbar wie alles in unserem Leben. Es kann sein, dass sie im Laufe unserer Biographie ein doch einmal mehr, einmal weniger empathischer Selbstausdruck ist – je nachdem, wie wir gerade zu uns selbst und unserer Umgebung stehen. Wir tun am besten daran, sie anzunehmen, wie sie ist. Dann können wir immer noch wählen, welchen Selbstausdruck wir uns wünschen und wie wir uns diesem annähern können.

 

Die eigene Sinnlichkeit mit negativen Gedanken zu belegen, hat fatale Folgen. Wir versperren uns den Weg zur Veränderung. Veränderung geschieht aus dem Seelischen, also aus einem inneren Wandel heraus, nicht durch aufoktroyierte Diäten oder exzessive körperliche Anstrengungen. Ist ein über alle Maßen gequälter Körper, wie ihn uns die Experten des Bodybuildings präsentieren, vielleicht schön? Schönheit ist ein Ausdruck eines authentischen sinnlichen Seins. Deshalb ist ein Mager-Model in seiner Verhärmtheit und Körperqual nicht schön, und ein alter Körper in all seiner Würde kann sehr schön sein.

 

Wir zeigen, wer wir sind

 

Sinnlichkeit bringt unsere Gefühle für uns selbst und zur Welt in Anschauung. Sie ist der sichtbare Kristallisationspunkt unseres Seins. Deshalb ist auch der Gesichtsausdruck ein Abbild unserer Gefühlswelt. Wir zeigen mit unserer Sinnlichkeit, einschließlich unserem Gesicht, aller Welt, wer wir sind. Sinnlichkeit und Spiritualität sind keine Gegensätze. Sie spielen ineinander. Gemeinsam bringen sie eine Schönheit hervor, die als ganzheitlich betrachtet werden kann.

 

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Der vorangegangene Text ist ein Auszug aus einem Buch von Evelyn Thriene, das 2011 mit dem Titel "Empathie - Wie wir die Welt verändern" erscheinen wird.