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"Enthüllungen"

Eine Frau als Mann. Beim Bowling, im Kloster, im Sexclub. Ein Buch, so faszinierend wie entlarvend.

Norah Vincent ist freie Journalistin, und nachdem ihre "Enthüllungen" in den USA unter dem Titel "Self-Made Men - One –Woman´s Journey into Manhood" zum "Book of the Year 2006" gewählt wurden, braucht sie sich um einen Mangel an Aufträgen keine Gedanken mehr zu machen. Ihr Buch, das im Deutschen den Übertitel "Mein Jahr als Mann" trägt, ist eine sehr sauber und geduldig recherchierte, wirklich gut geschriebene Geschichte über das spannendste Thema der Welt – die Vorurteile der Frauen gegenüber den Männern. Und umgekehrt.

Norah Vincent verkleidet sich als Mann, lässt sich von einem Theatervisagisten zeigen, wie man sich einen glaubwürdigen und auch bei Hitze haltbaren Dreitagebart anklebt, von männlichen Freunden, wie sie sich als Mann zu bewegen hat, wie Männer im Gegensatz zu Frauen sprechen. Dann wird sie Mitglied in einem Bowling-Club, erkundet mit ihren neuen Freunden miese Sexschuppen, meldet sich in einem Männerkloster als potentieller Novize, arbeitet als Haustürvertreter, geht mit einer männlichen Selbstfindungsgruppe auf Erfahrungstripp in die Wildnis. Und stellt immer wieder fest:

Männer sind arme Schweine. Sie sind geprägt von zu harten oder uninteressierten Vätern, lieblosen oder zu liebevollen Müttern, von der gesellchaftlichen Erwartung an ihre Dominanz und von einem kaum zu unterdrückenden Sexdrang. Gemixt mit der Sehnsucht nach einer liebevollen Ehefrau.

Vincent macht sich nie lustig über die Männer, mit denen sie kegelt, Stripbars erkundet oder an deren Selbstentblößung in Encounter-Groups sie teilnimmt. Im Gegenteil. Sie versucht, zum Mann zu werden, wirklich zu verstehen. Dafür taucht sie so tief in die Männerwelt ein, dass sie nach einem Jahr einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil sie nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist: lesbisch gepolte Feministin oder ein Mann auf der Suche nach einem sicheren Halt zwischen all den widerstreitenden Anforderungen, die die Gesellschaft an ihn stellt.

Dieses mutige Eintauchen, die rücksichtslose Ehrlichkeit, mit der Norah Vincent sich als "Ned" beschreibt, heben dieses Buch weit über die Masse von Venus/Mars-Beschreibungen oder anthropologisch-soziologischen Untersuchungen hinaus. Hier wird weder banalisiert noch theoretisiert. Hier versucht eine Frau wirklich, zum Mann zu werden, die Welt aus seiner Sicht zu sehen. Dabei kommt sie nur selten zu anderen Erkenntnissen als nüchterne Wissenschaftler, die sich mit den Verständigungsproblemen zwischen Mann und Frau beschäftigt haben. Sie sieht aber mehr Nuancen, macht die glaubwürdiger und nutzbarer.

"Ich lebte bereits seit Jahren in diesem Viertel und kam ständig durch Straßen, wo den ganzen Tag lang irgendwelche Männer vor Kneipen, auf Treppen und in den Eingängen herumlungerten. Als Frau kam man dort nie durch, ohne aufzufallen. Selbst wenn man nicht hübsch war, wurde man zum Objekt der Begierde oder zumindest eines angedeuteten erotischen Interesses. (...) In jener Nacht aber gingen wir in Männerkleidern an denselben Treppen, Eingängen und Kneipen vorbei. Wir begegneten denselben Gruppen von Männern, doch diesmal starrten sie uns nicht an. Im Gegenteil – wenn ich ihnen in die Augen sah, schauten sie sofort weg und erwiderten meinen Blick nicht ein einziges Mal. Es war verblüffend, wie sie mir ihren Respekt einfach dadurch erwiesen, dass sie mich nicht anschauten, dass sie absichtlich nicht zu mir herüberstarrten."

Als Norah Vincent ihren Ausflug in die Männerwelt startete, war sie Feministin. Seit sie ihn beendet hat, hofft sie auf eine neue Männerbewegung, die unseren männlichen Gegenparts zeigt, dass sie sich öffnen können, ohne als Schwächlinge verspottet zu werden. Allerdings sagt sie auch: "Ich bleibe mittlerweile das, was ich bin: zufrieden, stolz, frei in jeder Hinsicht froh, eine Frau zu sein."

Dieser Schlusssatz ist das Einzige, was mir an diesem Buch nicht gefällt: Hätte die Autorin sich nach all ihren Abenteuern in der Welt der Männer, ihren klugen Reflektionen darüber, dem Schreiben dieses wirklich lesenswerten Buches nicht auch zum "Menschen" entwickeln können? Frei von all den alten, störenden Geschlechter-Stereotypen? Hätte sie, aber ihr Buch macht es allen Leserinnen leichter, dieses Ziel selbst anzustreben.

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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