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Erinnerungen wach halten

Widerständige Literatur, die mit Zivilcourage und Mut der Ideologie des DDR-Systems die Stirn bot, und deshalb nie gedruckt worden war - das ist die "Verschwiegene Bibliothek". Es ist eine Reihe von Arbeiten von 20 Autoren aus der DDR, deren Werke von Ines Geipel und Joachim Walther nun öffentlich gemacht wurden.

In der „Verschwiegenen Bibliothek“ sind Texte erschienen, die zum Teil schon weit vor 1989 in der DDR entstanden, aber nie gedruckt wurden, weil sie „systemschädigend“, ja „zerstörerisch“ wirkten, wie verantwortliche Lektoren meinten. Rund 40 000 Manuskriptseiten von 100 Autoren wurden von den Herausgebern dieser Reihe, Ines Geipel und Joachim Walther, gesichtet und in Auswahl öffentlich gemacht.
Gerade zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer sollte man diese widerständige Literatur – Erzählungen, Tagebücher, Briefe, Fragmente, Gedichte, Romane – auch wahrnehmen und mit ihnen in eine Vergangenheit eintauchen, in der es Zivilcourage, ja Mut brauchte, sich ideologischen Vorgaben eines Systems zu widersetzen und durch Sorge, Wahrhaftigkeit und Verantwortungsgefühl für andere Menschen ein Gegenbild dazu zu zeigen.

 

So schildert Sylvia Kabus in „Weißer als Schnee“ die Erfahrungen der 28jährigen Rica Bartosch, die ursprünglich in der Redaktion einer Kulturzeitschrift in Leipzig arbeitete, dort aus Enttäuschung und Abscheu kündigt und durch Zufall Altenpflegerin wird. Das geschieht im Oktober Ende der achtziger Jahre, und Rica – außerordentlich sensibel, fast introvertiert – registriert ständig Veränderungen bei Menschen und in ihrem Umfeld, die Assoziationen auslösen:
“Als sie nach Hause kam, versperrten zwei Laster den langen Bogen ihrer Straße. Oben am Kohlweg begannen die Arbeiter die Robinien zu fällen und sägten sich vor. Die Motorsägen waren die Stimmen der überfallenen Bäume. (…).Sie wollte Alarm schlagen wie bei Feuer. Sie dachte an den vorrückenden Braunkohleabbau, an die nördliche Heide, die zerstört werden soll.“


Diese gefällten Robinien tauchen immer wieder als ein Motiv von Verletzlichkeit und Willkür auf, die zu Erstarrung und zeitweiliger Depression führen. Rica versucht, durch Albträume, denen sie entflieht, und Aktivität, die unerwünscht ist, solche Gefühle wie Passivität und Gleichgültigkeit zu kompensieren. Auf diese Art lernt sie auch, mit „ihren Pflegefällen“ umzugehen:
Da ist der an Gicht leidende, durch einen Unfall verkrüppelte Fotograf Alfred Haussner, der nahezu unfähig ist, sich selbst zu versorgen, der allen Kontakt verloren hat, alles Licht scheut. Der alte Mann will nichts von sich preisgeben, aber auch um keinen Preis in ein Altenheim gestopft werden. Welchen Gefährdungen er ausgesetzt wird, verdeutlicht die Autorin am Gebrochensein dieses Menschen, wenn der Leser ihm ein halbes Jahr später begegnet.

 

Rica gelingt es – wenn auch nur zeitweilig – ihm ein wenig das Dasein zu erleichtern, wenn sie sich Zeit nimmt zu kochen, sich mit ihm zu unterhalten. Dabei braucht sie mehr Zeit, als ihr vorgeschrieben wird von den Ämtern, und sie gerät in Schwierigkeiten. Auch ihre Arbeitskolleginnen, Undine, Tonja, Chris und einige andere, können ihr aus diesem Dilemma nicht heraushelfen, sehr realistisch schätzen sie die Situation selbst ein:
„Es ist doch nur Krampf, wenn wir uns mit der Dienststelle fertigmachen. Du nimmst das zu ernst, zu prinzipiell. Ja, du bist zu prinzipiell. Die wissen nichts von uns, aber eigentlich spielen sie auch keine Rolle. Sie kommen nicht auf die Straße, wo sie sein müssten und sich informieren. Sie kommen nicht raus. Nicht mal aus sich selber. Wir rennen und denken immer an den nächsten Fall oder den liebsten, ob es zu schaffen ist oder jemand enttäuscht ist und wieder Tage warten muss, weil es außer uns niemanden gibt...“
Auch in anderem Zusammenhang hat Rica die Schmuddeligkeit, die Unaufrichtigkeit, die Formen der Fremdbestimmung und Manipulation gespürt, denen sie sich durch die Kündigung bei der Zeitschrift entziehen wollte. Denn diese Art von Gängelung wurde ihr mehr und mehr zuwider: „Keine Kritik zu den Arbeiterfestspielen, das war Gesetz. Für die Berichterstattung war 'nur positiv' angeordnet. Selbst Genossen mussten Fachbeiträge schönen. Sie empörten sich, schraubten ihre Einwände zurück auf stillen Missmut..."

 

Sehr differenziert spürt die Schriftstellerin Atmosphärischem in einem sterilen, kranken Land nach, in dem Menschen wie Rica und ihre Mitstreiterinnen im wahrsten Sinne des Wortes nach Alternativen, nach einer Sinnerfüllung suchen.
Für Rica bedeutet die Begegnung mit Jasmin, einer 19jährigen Abiturientin, die wegen „ideologischer Schwachstellen“ für ein Studium abgelehnt wird, eine Möglichkeit, sich auszutauschen, Vertrauen zu fassen.
„Sie steht dort. In einem Brandfleck Sonne. Sie ist das Monatsbild Oktober. Ihre Haut ist voller kleiner Sonnen- und Schattenflecke. Sie bringt soviel Farbe in den Himmel herauf, dass alle sich umdrehen...“
Jasmin, selbst für sich verantwortlich, will in einem Praktikum durch ihre Hilfe für Arme und Kranke Kraft und Hoffnung schöpfen, was nach einer weiteren erfolglosen Bewerbung in einer Verzweiflungstat, ihrem Freitod, endet.

 

Dann ist da noch der Freundeskreis - Maler, Musiker, Dozenten, Studenten, Rundfunksprecher, zeitweilig Studierende aus Bulgarien und Zypern - mit beklemmenden und hitzigen Debatten, Vorsicht und Offenheit, Misstrauen und harsche Kritik in seltsamer Symbiose, wobei auch Themen wie Ausreise, Berufsverbot, Freiheit, Totalitarismus nicht ausgespart werden und dabei Ohnmacht und Verzweiflung widerspiegeln.
„’Manchmal ist verlieren der Hauptgewinn’, sagt Rica. ’Hinschmeißen und ganz schnell weg.’
‚Dann werden wir das mal ganz genau überprüfen, Frau Bartosch, was Sie da gesagt haben,’ erwidert Ela unbewegt.
Dabei lachen sie. (…)
Es ist kein gespielter Satz. Es hält ihn nur niemand für möglich.
Das Lachen trägt alle darüber hinweg, ehe ein Gedanke entsteht.“

 

Dazu muss Rica noch viel Kraft aufbringen, um ihre Beziehung zu Max zu retten. Max, der begabte, unbequeme Künstler, der unter dem Berufsverbot genauso vegetiert, wie er herausgefordert wird und der mit Rica doch nicht aufgibt: „Die Anziehung ist noch da."

 

Und so haben wir „...die Geschichte eines reinigenden Schweigens, entstanden aus einem Lebensmaterial, das in Todesnähe brachte...“ erlebt, wie die Autorin Sylvia Kabus selbst bekennt, die diesen Text dem Aufbauverlag 1988 vorlegte und damals an der Zensur und einer parteiisch selbstbewussten Zensorin scheiterte.
Offenbar hat die Schriftstellerin eine Reihe eigener Erfahrungen künstlerisch verarbeitet und nach 1989 in der Leipziger Bürgerbewegung ebenso wie im 1991 gegründeten Literaturbüro einige ihrer Vorstellungen verwirklichen können.

 

Wer sich auf diese Autorin einlässt, wird erkennen, dass jede Erinnerung wertvoll, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unumgänglich ist und wird bei der Lektüre eines eigenwilligen, eindringlichen Textes auch durch die Prägnanz, die Symbolik und den emotionalen, verknappten Stil gefordert.