Weibchenschema

"Es ist alles nur ein Spiel"

Frauen müssen die Spielregeln im Business lernen, sagt die Personalberaterin Margrit Springhorn. Dann klappt es auch mit der Karriere – und erst dann können sie weibliche Strukturen in die Arbeitswelt bringen.

„Frauen sehen alles viel zu ernst. Männer betrachten die Dinge mehr als Spiel. Darum kommen sie im Job besser mit Niederlagen klar“, sagt Margrit Springhorn. Sie ist Ingenieurin, Personalberaterin und Coachin aus Bremen, gehört einer Generation an, in der Ingenieurinnen noch eine Ausnahme waren – und hat sich in ihrem gesamten Berufsleben in Männerdomänen behauptet. Heute gibt sie ihre Erfahrungen nicht nur an junge Frauen und Unternehmen weiter, sie fordert ihre Geschlechtsgenossinnen auch zu mehr Gelassenheit auf.

Niederlagen hätten sie selten entmutigt, erzählt Margrit Springhorn. Vielleicht hängt das mit ihrer Kindheit in Hamburg zusammen. Aufgewachsen am Hafen, habe sie sich immer von der Weitläufigkeit des Meeres und dem weiten Horizont der See inspirieren lassen. Auch dann, wenn es eng wurde. „Ich wuchs in einem Land auf, in dem Männer dem Arbeitsvertrag ihrer Frauen zustimmen mussten. Als Frauen die gesetzliche Gleichstellung erhielten, war ich acht Jahre alt“, erinnert sich die Coachin. Sie machte 1965 als eine von sehr wenigen jungen Frauen eine Lehre zur Elektroinstallateurin, studierte schließlich Elektroingenieurs- wesen und arbeitete in der Schifffahrtselektronik. Später studierte Margrit Springhorn auch noch Sozialwissenschaften.

Die Mutter von zwei Söhnen sagt, sie habe nie davor zurückgeschreckt, sich in einer Männerwelt zu bewegen. Männerwelten seien von Macht und Herrschaft dominiert. Da müssten Frauen sich natürlich durchsetzen – und könnten schnell auch bei einer Kampfmetaphorik landen. Gerade dieses Bild vom Kampf aber sei es oft, das Frauen abhielte, sich in Männerdomänen hineinzubegeben. Margrit Springhorn vertritt als Personalberaterin die These, dass Frauen Job und Karriere als Spiel begreifen sollten. Es ginge „darum, den Moment zu erreichen, in dem jede Frau sagen kann: Ich habe es geschafft!“

Oder anders ausgedrückt: Virtuos in der Männerwelt zu bestehen – ihr sei es gelungen, weil sie gelernt habe zu spielen. „Männer spielen auch in der Realität mit Macht und Einfluss. Bei Frauen ist dies nicht der Fall. Diejenigen, die in der männlich dominierten und strukturierten Arbeitswelt erfolgreich sein möchten, müssen meist selbstbewusst entscheiden, dass sie mitspielen möchten“, behauptet Springhorn. Dieses unterschiedliche Verhalten zwischen den Geschlechtern führt die Ingenieurin nicht auf biologische, sondern soziologische Ursachen zurück. Mädchen würden noch immer so erzogen, dass ihnen Integrität, Fürsorge und Kreativität zugeschrieben werden – und diese Fähigkeiten bei ihnen auch gefördert würden.

„Diese Fähigkeiten haben aber heutzutage einen wirtschaftlichen Nutzen. Diese Eigenschaften sind bei Unternehmen gefragt, die sollten die jungen Frauen in die Arbeitswelt einbringen und nutzen.“ Doch warum sollten Frauen überhaupt die männlichen Spielregeln im Job mitspielen wollen? „Zu sagen: Das ist nicht mein Ding – das stellt die Frauen außen vor“, meint Margrit Springhorn. Es ginge ja nicht darum, sich zu verbiegen. Aber es sei eine Frage, was „frau“ wolle. Um gesellschaftliche Strukturen zu verändern, um Teilhabe zu erfahren – und zwar auch an oberster Stelle in Politik und Wirtschaft – müssten Frauen ihre Angst vor der Macht verlieren, sagt die Personalberaterin. „Und das geschieht am einfachsten, indem Frauen Karriere als Spiel begreifen.“ Mentoren und Mentorinnen helfen dabei, sich die Spielregeln anzueignen, etwa auch ,wenn es darum geht, eine Sach- und eine Beziehungsebene zu trennen.

Wenn Männer kritisieren, geht es schlicht um sachliche Kritik – Männer nehmen sie sportlich, beziehen sie nicht auf ihre Person. Frauen hingegen scheinen Kritik viel persönlicher aufzufassen. Wenn sie kritisieren, geht es häufig auch nicht um eine Sache. „Frauen morden sich langsam in endlosen Gesprächen. Bei Männern knallt es einmal kurz und heftig“, hat Margrit Springhorn in ihrem Berufsleben beobachtet. Wie also überleben? Indem man zu trennen versucht und Kritik, die auf das Persönliche abzielt, nicht als solche an sich heranlässt. Gerade in Verhandlungen und Businessgesprächen könnten Frauen gewinnen, wenn sie sich in verschiedenen Strategien ausprobierten, Spaß daran fänden – und alles spielerisch sehen würden, meint die Personalberaterin. Auf Gelassenheit käme es an.

Warum aber sind die Regeln und Strukturen in der Arbeitswelt so „männlich“ und was zeichnet sie aus? Ein ruppiger Umgang untereinander, Konkurrenz, das Spiel um Macht und Einfluss, sagt die Ingenieurin. Die Strukturen seien weitgehend unter Ausschluss von Frauen entstanden. Ihnen war im christlichen Abendland der Privatbereich zugeschrieben. Erwerbsarbeit war etwas, was den Männern vorbehalten blieb. Bis heute dominieren nun diese männlich geprägten Strukturen die moderne Arbeitswelt. Gerade dort, wo es nicht nur um Strukturen geht, sondern um den Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen, geraten Frauen immer noch all zu leicht ins Hintertreffen. „Ein Problem ist, dass die wenigen Frauen, die es bislang in die obersten Etagen geschafft haben, eine andere Wahrnehmung erfahren. Sie sind Vorzeigefrauen“, meint Springhorn.

Vorzeigefrauen sind akzeptiert – in ihrer Andersartigkeit. Margrit Springhorn war wohl selbst eine solche Vorzeigefrau, „aber ich habe mich nicht assimilieren lassen“, sagt sie. Als Ingenieurin habe sie gelernt, Dinge erst einmal zu beobachten, ohne sie zu bewerten.

Um schließlich weiblich zuzuschlagen: „Frauen haben durch ihre Sozialisation oft eine bessere Intuition. Auf die sollte man auch im Business vertrauen: Den Moment wahrnehmen, in dem man das gute Wort wählen  und sich in einer Sitzung äußern kann. In Konfrontationen ruhig auch mal weiblich sein – aber diese Weiblichkeit muss authentisch sein“, rät Margrit Springhorn. Dieses weibliche Auftreten kann ein Lächeln sein, Variationen in der Stimmlage, klar eine Grenze setzen – und natürlich auch ein attraktives Äußeres. Erfolgreich können diese weiblichen Strategien aber nur sein, wenn die Frau nicht das Gefühl hat, dass sie manipuliert. „Es geht nicht um Manipulation, es geht darum, spielerisch seine Interessen durchzusetzen. Der Machtbegriff ist nicht negativ besetzt“, sagt die Ingenieurin. Frauen seien besonders gut darin, ein Konzept von Leichtigkeit und Souveränität zu haben. Und wenn es doch mal nicht klappt, „muss man akzeptieren, dass Schrammen dazu gehören. Alles ist nur ein Spiel.“