Männerecke

Es ist auch für einen gutwilligen Halbägypter nicht einfach, ein guter Deutscher zu sein

„Bist du Ägypter?“ fragt mich der freundliche Einzelhändler.

Wobei der Begriff Einzelhändler unzutreffend ist, denn der Pakistani handelt in seinem „Peschenk Market – arabische und orientalische Lebensmittel“ mit ungefähr allem. Es gibt Dosensuppen und Tiefkühlfisch, Staubsauger und Porzellan, Brot, Badelatschen und Waschpulver, außerdem eine Lottoannahmestelle und einen Otto- und Quelle-Shop. 

Der Inhaber zeichnet sich also durch einen kulturell indifferenten Begriff vom Orient aus,weswegen seine so präzise eingegrenzte Vermutung, ich sei Ägypter, doch überrascht. Freilich mag nicht nur mein tendenziell südländisches Äußeres zu seiner Einschätzung beigetragen haben, sondern die Tatsache, dass ich 20 Kilo Reis kaufe. Der ist nicht für mich, sondern für meinen Vater – und der ist Ägypter. Mit deutschem Pass natürlich, aber auch stets mit Unmengen Reis im Keller, was den Pass offenbar wieder aufwiegt. Ägypter mögen auf Demokratie verzichten, sagt mein Vater gern, aber nicht auf Reis. Ich fantasiere eine Szene, wie Beamte der Ausländerbehörde das Haus meines Vaters stürmen; er zeigt Pass und Einbürgerungsurkunde, aber dann stoßen die Beamten auf zwei Zentner Reis und sagen: „Wir müssen Sie leider ausweisen.“

„Nein, ich bin Deutscher“, sage ich zu Herrn Peschenk Market, weil ich keine Lust auf genealogische Haarspaltereien habe. Jetzt müsste er eigentlich listig auf die 20 Kilo Reis deuten und sagen: „Erzähl mir nichts. Zumindest kaufst du für einen Ägypter ein.“ Das tut er nicht, hingegen beginnt er, mit mir Arabisch zu sprechen. Das ist nun auch keine meiner Kernkompetenzen, so zahle ich, murmle „Schukran, danke schön“ und gehe.

Es fällt ja schon vielen Deutschen nicht leicht, gute Deutsche zu sein, was soll da erst ein halber Ägypter sagen? Und was bedeutet eigentlich „Hintergrund“ in dem Wort Migrationshintergrund? Ich habe eher vordergründige Erfahrungen gemacht. Ich bin es gewohnt, willkürlich, aber nachdrücklich in die unterschiedlichsten ethnischen Schubladen gesteckt zu werden. Der Feinkost-Italiener schwallt mich auf Italienisch voll, der Grieche glaubt mir nicht, dass ich kein Grieche bin, der Türke glaubt mir nicht, dass ich kein Grieche bin, der Katalane ist froh, dass ich kein Spanier bin, und alle wollen Drogen von mir. Und die deutschen Türsteher wollen, dass ich verschwinde.

Einst besuchte ich, als freier Mitarbeiter einer Tageszeitung, einen kleinen schwäbischen SPD-Ortsverein. Der Vorsitzende begrüßte mich mit einigen türkischen Brocken. „Ich komme nicht von Hürriyet“, sagte ich, aber das half nicht. Später am Abend bekam ich noch das Kompliment „Sie sprechen aber gut Deutsch“ aufs Brot geschmiert. Ja, das macht einen in Deutschland geborenen, in Deutschland aufgewachsenen Muttersprachler, der zudem Germanistik studiert hat, richtig stolz.

„Woher kommst du?“ fragte mich einst ein Kommilitone und fügte gleich an: „Nichts sagen!“ Er beäugte meine Physiognomie mit einer impertinenten Kennermiene, die noch einem Nazi-Rassenkundler gut zu Gesicht gestanden hätte. Dann tat er seine Forschungsergebnisse kund: „Dein Vater ist ein Spanier, Deine Mutter eine Perserin.“ Ich sagte natürlich: „Stimmt. Toll. Wie machst du das?“

Natürlich tut sich etwas in unseren Landen und Gauen. Die deutschen Tugenden in der Nationalmannschaft werden längst von Podolski und Odonkor, von Neuville und Tasci vertreten, und deutsche Meister im Ringen heißen Shyyka und Bichinshvili. Wobei ich glaube, dass das deutsche Ringer-Nationalteam auch an keinem Türsteher vorbeikäme. Dafür wird jeder kanadische Eishockeyspieler, der mal ein deutsches Bier getrunken hat, hierzulande sofort eingebürgert und ins Nationalteam gesteckt.

Außerhalb des Spitzensports geht es etwas zögerlicher zu. Immerhin gibt's Spitzenjournalisten wie, nein, nicht Aboul-Kheir, sondern Giovanni di Lorenzo, und Fastspitzenpolitiker wie Cem Özdemir. Byambasuren Davaa und Fatih Akin drehen deutsche Filmerfolge, und Mehmet Kurtulus ist Tatort-Kommissar. Der würde immerhin auch meinen Vater nicht ausweisen, trotz der verdächtigen Reislager im Keller.

Und die besten Germanisten der Welt? Sind die Japaner. Tatsächlich, in Japan werden abertausende germanistische Arbeiten verfasst. Im germanistischen Oberseminar, das ich seinerzeit an der Münchner Universität besuchte, saß ein ungemein gravitätischer, ungemein freundlicher Japaner namens Herr Sasaki. Diese Koryphäe promovierte über einen gewissen „Gotte“. Damit war nicht Gott gemeint, sondern Goethe, was für Herrn Sasaki allerdings aufs Gleiche hinauslief. Herr Sasaki trug stets Anzug und Lächeln, seinen Sohn nannte er Wolfgang, und er forschte jahrelang über „Gottes autobiografische Schriften“. So viele Jahre lang, bis ihn seine wohlhabende Familie wieder – ohne Promotion – nach Japan zurückbeorderte, wo er heute wohl japanischen Deutschschülern das Wesen der teutonischen Seele und Gottes Wortkunst vermittelt.

Aber von Japan wieder nach Ägypten. Wenn ich dorthin reise, wohlgemerkt als Tourist mit deutschem Pass, werden die Grenzbeamten stets impertinent: Ich sei doch nie und nimmer Deutscher! Wenn ich dann erzähle, dass ich einen ägyptischen Vater habe, geht in ihren Gesichtern die Sonne auf: Ich sollte das mit dem Vater doch gleich sagen, dann müsste ich als Bruder aller ägyptischer Einreisebeamten keine Visumgebühr zahlen, mit dem vielen Reis im Gepäck gebe es dann auch keine Probleme mehr, und überhaupt, warum ich denn keinen ägyptischen Pass hätte.

Ich erkläre dann, dass Deutschland diese doppelte Staatsbürgerschaft nicht duldet. Doch um die Wahrheit zu sagen: Vor allem fürchte ich das ägyptische Militär. Ich habe keine Lust, zwei Jahre lang bei 45 Grad durch die libysche Wüste zu robben. Ich war nämlich schon bei der Bundeswehr und bin bei minus 15 Grad über oberbayerische Kuhwiesen gerobbt. Das muss genügen. Schukran, danke schön.

Ja, der Halbägypter als Gebirgsjäger in Kniebundhosen: Das war sehr identitätsstiftend. „Du, Türk, komm da her“, rief mich damals im Manöver ein bajuwarischer Stabsunteroffizier. Statt ihn durch Dialektik der anspruchsvollen Sorte „Wär ich ein Türke, wär ich nicht bei der Bundeswehr“ zu provozieren, sagte ich einfach und wahrheitsgemäß: „Ich bin kein Türke.“

 

„Natürlich bist a Türk“, stellte der Stabsunteroffizier erneut fest, „schau di doch o.“ Ich blickte an mir herunter, sah die Kniebundhosen und seufzte: „Na gut, bin i halt a Türk.“

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Magdi Aboul-Kheir ist deutscher, als es klingt. Er lebt in Ulm und arbeitet dort als Kulturredakteur einer Tageszeitung. Der vorliegende Text ist in dem Webblog kolumnen.de erschienen und wurde uns freundlicherweise für eine Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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