Männerecke

Es ist ein Schütteln in der Welt

Ein Kopfschütteln, richtig. Und ich sitz mit Hundescheiße am Schuh beim Frisör. Auch nicht so toll.

Erst mach ich Ruths Frisierstübchen noch dafür verantwortlich, dass mir diese kleine fäkale Fahne in die Nase steigt: Ist das denn für 'ne Dixie-Bude hier?!

Doch oben auf der Wupperstrasse gibt es zwei Frisörsalons, und ich nehm immer Ruths Frisierstübchen anstatt der Hair Society, und bislang stand hier noch nie 'ne Fahne unterm Waschbecken.

Andererseits, es ändern sich die Dinge über Nacht.
Man kennt das aus dem Leben.

Und die neue Mitarbeiterin, die mir in den Kittel geholfen hat, eine korpulent kaugummikauende Frisörin vom Balkan, tja, wie gesagt, die kenn ich nicht. Die ist neu.
Ist die das?

Ihre Chefin Ruth ist schon dabei, den Laden besenrein zu übergeben, ans Wochenende.
Dass sie es nicht ist, die mich bedient, geht in Ordnung. Schließlich hat sie mir beim letzten Mal eine Frisur verpasst wie Blässe, in den Kopf geschnitten.

Dass ich sie trotzdem wieder aufsuche, liegt nur am schönen, altmodischen Namen. Ich mag kein Hair Society, kein Style Studio, ich mag diese ganze englische Kacke nicht. Nicht mal ein China-Lokal heißt noch China-Lokal mit China-Lokal-Kellnern, sondern Eastern Food and Drinks.

Näh, da park ich meinen Blonden Hans lieber bei Ruth, auch wenn da nasenscheinlich jemand unters Waschbecken häufelt.

Ich sitz da, schnüffelnd.
„Schnupfen?“ fragt die Chefin.
Ich schüttle den Kopf.

(Es ist ein Schütteln in der Welt. Ein Kopfschütteln.)

„Schon am Aufräumen?“ sag ich.
„Sieht so aus“, sagt die Chefin. „Aber egal. Geht noch.“
Wie, geht noch? Was redet die denn?
Sie murmelt ein, zwei Anweisungen in Richtung Balkan und macht sich dann aus dem Staub.

Auch die Neue hat ihren Kittel schon im Sozialraum aufgehängt. (Die beiden hatten nicht mehr mit Kundschaft gerechnet, um die Mittagszeit.)
Sie schleicht auf mich zu, von hinten, wie im Kosovo.
Ohne Kittel.
„Wie soll's sein?“
„Kurz.“
„Wie kurz?“
„Ja. kurz.“

Für präzisere Angaben muss ich erst überlegen, wie dieser Satz noch mal geht, den ich sonst immer sage, damit der Schnitt gelingt, doch er will mir partout nicht einfallen.
Bis er mir einfällt.
Gerade noch früh genug: „Stufenschnitt.“

„Gut.“
Sie kaut auf ihrem Kaugummi, ohne Unterlass und wenn sie den Mund doch mal aufmacht für ein paar dürre Worte, sitzt das Wrigleys Spearmint wie ein korpulentes weißes Komma vorn auf der Zunge.

„Wie kurz? Mehr als die Hälfte runter?“
„Ja. Sicher. Mehr als die Hälfte."
„Maschinenschnitt?“
Maschinenschnitt?
Ich bin baff. Die will mich im Hauruckverfahren abspeisen. Die will Wochenende.
Das stinkt zum Himmel hier.

Schon das Wort Maschinenschnitt erinnert mich daran, wie ich als Knirps mit meinem Vater zum Wölk gefahren bin, dem Herren-Salon am Stöckerberg.

Der alte Wölk war ein passionierter Zigarrenraucher, der auch während der Arbeit den Stummel im Mund hin und her schob. Er war dafür berühmt, mit havannagelben, steifen Fingern ein Maschinchen zu bedienen, mit dessen Hilfe er nordamerikanische Soldatenfrisuren hinterliess auf den Männerköpfen der Nachbarschaft.
Wir sahen alle aus wie frühe Schwarzeneggers.
(Mein Vater inhalierte immer erst einen Klaren, bevor er sich auf den Stuhl traute.)

Die Frisörin vom Balkan hat ein ganz anderes Gemüt. Sie verfällt während des Schneidens zunehmend in eine Art Scheren-Starre, sie wird immer langsamer, bis zum Stillstand beinah.
Ich höre nur noch das leise Knatschen ihres Kaugummis.
Gleich schläft sie ein, fürchte ich. Und fällt frontal in die Schere, eye, eye, eye.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es meine Schuhe sind, die den Gestank machen. Die die Fahne gehisst haben. Ich bin in Hundescheisse getreten. Frag mich bloß, wieso die Frisörin das nicht riecht.
Die ist doch wohl nicht zu höflich?

Was ist zu tun?
Wenn ich die Kacke am Fußbänkchen abstreife, ist nichts gewonnen. Damit mach ich alles nur noch schlimmer.
Am besten, ich halt die Füße still.
Das muss reichen.

Kaum gedacht, legt sie plötzlich einen Zahn zu. Ihr Näschen kräuselt sich, als hätte sie den Braten gerochen. Sie schnippelt wie der Teufel, und schnell kleben krause Teile meiner Haare an ihrem Mohair-Pullover fest, den sie cleverweise trägt, der Rest verteilt sich am Fußboden, als hätte sich im Restaurant der Kellner aufs Maul gelegt und Reibekuchen verloren.

Punkt ein Uhr.
Mit dem Handspiegel präsentiert sie ihr Werk. Ich beobachte ihren kaugummikauenden Mund.
„Gut so?“ fragt sie.
„Gut“, sag ich.
Raspelkurz. Kaum eine Locke übrig.
Sie rasiert den Nacken aus, fügt hier und da leichte Korrekturen an. Ihr Mohair-Pullover ist voll von meinem Unterhaar. Das saugt sich besonders gut an.
Als ich die Rechnung mit einem Euro überzahle, taucht das Komma kurz auf und schnappt nach Luft.

Draussen am Bordstein versuch ich, die Kacke loszuwerden. Als das nicht reicht, zieh ich den Schuh wie einen Schlitten über die Wiese, vor und zurück.
Hm.

Vor der Haustür steht die Gräfin mit einer Nachbarin und meint, als sie mich sieht: „Schön klar, die Frisur. Man möchte schwimmen gehen, wenn man dich sieht“, während ich im Gebüsch ein Stöckchen suche, ein Zweiglein fast noch, mit dem ich den letzten Rest Scheiße aus der Sohle herauskratze.

Es ist ein Kratzen in der Welt. Ein Kackekratzen.

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog „500Beine“ über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“.