Fürs Auge

Schnell weg vor dem Alltagsmonster!

Ihre Klebearbeiten sind Entertainment in bester Collagen-Tradition: Ein Interview mit Fehmi Baumbach, die gerade ihren wundervollen Bildband "My head is a bubble with interesting trouble" veröffentlicht hat.

„Kind frisst Hirn“ oder „do not turn back, please“ ruft es von Fehmi Baumbachs Collagen. Oder, die Zumutungen des modernen Lebens beklagend, „muß ich denn für jeden erguß der aufmerksamkeit ständig selbstdarstellung betreiben?!“. Und, etwas aufgebrachter in Großbuchstaben: „HOW CAN I STOP THIS FUCKING PAPIERKRAM DER MIR IMMER HINTERHER KOMMT?“

 

Zuweilen auch mit noch mehr Text: Baumbachs Bilder sind sehr kommunikativ, Spex-Autor Christoph Braun erfand für sie den Begriff „aphoristisches Entertainment“. Entertainment ist es aber nicht allein, das Fehmi Baumbach liefert: Ihre Arbeiten denken vor sich hin, stellen Fragen, bieten Trost und sind manchmal wie geschaffen dafür, über den Schreibtisch gehängt zu werden („HUUH SCHNELL WEG BEVOR DAS ALLTAGSMONSTER MICH WIEDER EINFÄNGT“).

 

Einige Bilder wiederum sind wie Anfänge skurriler Geschichten, zum Beispiel jenes, auf dem ein Fisch-Mensch-Mischwesen zigaretterauchend sinniert, „lebte ich weiter als nicht fliegender fliegender fisch an der küste zu finnland um dem ganzen kram aus dem wege zu gehen.“ Überhaupt gibt es viele Tiermenschen beziehungsweise Menschentiere in den aus Landkarten, Tapeten, Borten, Buch- und Zeitungsausschnitten gefügten Collagen.

 

So bekommt jedes Bild ein Zentrum, eine Identifikationsfigur, und sei diese auch noch so bizarr: man fühlt sich angesprochen, persönlich gemeint. Fehmi Baumbachs geschnittene und geklebte Kunst ist wie eine Freundin, die manchmal etwas versponnen wirkt, aber den Nagel immer genau auf den Kopf trifft. Der Mainzer Ventil-Verlag veröffentlichte gerade Fehmi Baumbachs Werkschau „my head is a bubble with interesting trouble“, ein „Bilderbuch“, wie sie es selbst nennt.

 

Ihre Vita in aller Kürze: Nach dem Studium der Freien Kunst in Braunschweig zog Baumbach Mitte der 1990er Jahre nach Berlin, hatte dort ihre ersten Ausstellungen und gründete die Besetzergruppe The Bewegungselite, die leer stehende Gebäude zu Party- und Ausstellungsorten umdefinierte. Berlin is not enough für The Bewegungselite, die ihre Besetzertätigkeit bald auf Paris, Stuttgart, Prag und New York ausweitete – mit großem Erfolg. Im Jahr 2000 löste sich die Gruppe auf, Fehmi und Jim Avignon wurden noch berühmter mit ihrer Kunstpartyreihe Friendly Capitalism Lounge. Musik ist für Fehmi Baumbach so wichtig wie die (Bildende) Kunst: sie trat Almut Klotz' Popchor Berlin bei und häufig als Djane auf. Neben vielen Einzelausstellungen mehrten Illustrationen für Zeitschriften ihren Ruhm, außerdem schreibt sie Rezensionen und Geschichten, die im Verbrecher Verlag erscheinen.

 

 

Du bist aus Berlin aufs Land gezogen – warum? Wirken sich Stadt- und Landleben unterschiedlich auf deine Arbeit aus?


Fehmi: Ich bin damals aufs Land gezogen, weil ich mein Kind nicht in dem Moloch lassen wollte. Ich selber hatte aber auch Sehnsucht nach mehr Weite, nach Veränderung. Ich habe in Berlin sehr viel gemacht und mir schienen meine Möglichkeiten und damals impulsiven Kurzschlussideen ausgeschöpft, das heißt aber nicht, dass ich in Berlin nichts mehr mache...ich wohne nicht allzu weit entfernt und es treibt mich immer noch in diese Stadt...und natürlich wirkt sich die Umgebung auf die Arbeit aus. Der philosophische Aspekt ist zwar ähnlich, aber die Entfernung zur brodelnden Popkulturszene lässt mich dann doch in einer anderen Geschwindigkeit arbeiten. Wenn ich tagsüber durch Wiesen und Felder gehe, ist es was anderes als durch überfüllte Straßen zu laufen. Die Auseinandersetzung findet mehr mit mir selbst statt als mit den anderen.


Künstlerin und Collagen, da denken viele gleich an Hannah Höch: ein schwieriger oder schöner, nerviger oder wertvoller Vergleich?

Fehmi: Trotz meines Kunststudiums habe ich mich nie richtig mit Hannah Höch auseinandergesetzt, was schwer zu glauben ist. Aber vorletztes Jahr, als ich auf der Suche nach einem Verlag für mein Buch war, telefonierte ich einige Male mit Anja Lutz vom Verlag the green box. Bei ihr wollte ich ursprünglich mein Buch herausbringen, was ich gerne bilderbuch nennen wollte. Anja war aber gerade dabei, Hannah Höchs bilderbuch neu zu verlegen. Sie wies mich darauf hin und meinte, ich sollte mir Höchs Sachen mal angucken...ich hätte gerne mit Hannah Höch das eine oder andere Bierchen getrunken und mich mit ihr über Gartenpflege unterhalten. Leider haben wir uns verpasst. Es erfüllt mich mit Ehre, mit ihr verglichen zu werden.


Hast du das Gefühl, mit den Collagen deine Ausdrucksform gefunden zu haben – oder kann sich das auch wieder ändern?

Fehmi: Die Collagen sind meine momentane Ausdrucksform. Es wird sich irgendwann ändern, hoffe ich. Denn immer mit der gleichen Form zu arbeiten langweilt mich. Es muss eine Veränderung geben, sonst fühle ich Stagnation.


Im Netz habe ich auch gemalte Bilder von dir gefunden. Was macht dir am meisten Spaß?

Fehmi: Das ist kein Spaß, das ist eine Möglichkeit. Ich sitze abends oft im Bett und zeichne Menschen. Ich kann aber so schlecht zeichnen, dass ich so was nur für mich mache (oder für meine Tochter). Das ist komischer Spaß.


In deinen Arbeiten gibt es viel Text – könntest du dir vorstellen, Gedichte zu schreiben. Oder bevorzugst du die mehrdimensionale Arbeit bzw. Kunst?

Fehmi: ...wenn es einen irren Verlag gibt, der meine Texte verlegen will, bitte.....tatsächlich werde ich oft danach gefragt, wann ein Gedichtband von mir erscheint.


Mir gefällt das Ventil-Buch mit deinen Arbeiten sehr. Wie groß sind die abgebildeten Collagen in Wirklichkeit? Die müssen eigentlich als Plakat an die Wand, oder?

Fehmi: Vielen Dank. Die Arbeiten im Buch sind alle nicht größer als Din A 4. Das hat praktische Gründe. Das andere Format meiner Bilder ist ca. 2 Meter x 50 cm. Die ließen sich aber schlecht einscannen und werden lausig per Foto archiviert....


Was oder wer beeinflusst dich?


Fehmi: alles.


Schreibst du Tagebuch? 


Fehmi: Schreiben Künstler Tagebücher? Ich dachte, die schreiben Skizzenbücher! Wenn ich Tagebuch führen würde, wäre ich viel zu sehr mit diesem Buch beschäftigt und würde meinen Beruf vernachlässigen.


Welche Platten sind in deiner DJ-Kiste? Welches Lied muss laufen und was geht gar nicht?


Fehmi: Ich habe schon lange nicht mehr aufgelegt. Aber in meiner Kiste waren immer Sachen, zu denen ich selber getanzt habe. Am liebsten habe ich mit anderen zusammen aufgelegt, pingpong. So haben wir uns immer in Sekundenschnelle gegenseitig inspiriert und da ging alles, außer doof.


Wozu tanzt du selbst am liebsten?

Fehmi: Je älter ich werde, desto weiter gefächert werden die Musikgenres. Aber ich bin ein großer Fan von spröder lauter melodiöser Popmusik mit dem Hang zum Kraut und hippie'eskem Geplinkel, gewürzt mit brachialem Punk.


Du machst viel mit Jim Avignon zusammen: Wie wichtig sind Netzwerke und Freundschaften im "Kunstbetrieb"?


Fehmi: sehr wichtig!

Jims neue Platte heißt "Say Hi To Your Neighborhood", in deinen Bildern kommen ebenfalls Aufforderungen vor wie "Sag hallo..." vor – was hat es mit diesen Formulierungen auf sich?


Fehmi: Die haben damit zu tun, dass Jim und ich Berlin verließen und einen riesigen Haufen Freunde dort gelassen haben. Das say hello... ist also durch Neuvernetzungen und Aufrechterhaltungen ganz wichtig und ständig in Gebrauch.


Apropos Kunstbetrieb: In letzter Zeit ist Kunst irgendwie in Mode gekommen, alle wollen mitreden, mitmachen oder zumindest die Zeitschrift „Monopol“ abonnieren. Wie siehst du das?

Fehmi: Da wächst diese neue Generation ran und die Globalisierung der Kunst. Die Welt ist offen und jetzt stellen wir fest, dass auf der ganzen Welt Kunst produziert wird. Die Wirtschaft kauft Kunst, Russland deckt sich ein....war was anderes zu erwarten? Kunst ist leider nur wertvoll, wenn man sich emotional damit auseinandersetzt. Der wirtschaftliche Wert ist banal. Aber das ist ja auch die Botschaft unseres Manifests der alljährlich stattfindenden friendly capitalism lounge (capitalism is never friendly): Kunst für alle, Kunst ist keine Auszeichnung für Macht und Reichtum, sondern für die Geselligkeit des Kopfes.


Auf deiner Website präsentierst du deine Tassensammlung... darf man dir welche schicken? 


Fehmi: Meine Tassensammlung ist gerade in Benutzung...ich warte auf die Neuinstallation an einem schönen Ort. Also immer her damit, am besten mit absurder Geschichte. 

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::: 


Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend ist sie Musikredakteurin des Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst auf der Seite satt.org, wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung! 

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::