Women only

Franziska in meiner Küche

Meine Freundin Franziska ist „prosozial dominant“. Ich dachte zuerst, das sei etwas Schlimmes. Ein Ordnungsfimmel oder so. Dann aber verstand ich: Mit diesem typisch weiblichen Verhaltensmuster bringen Frauen sich in eine Spitzenposition – und für andere ist gleich mitgesorgt. Wie das geht? Holen Sie sich doch einfach einmal eine Franziska ins Haus.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: stock.xchng

vom 30.04.07

Wenn Franziska uns besucht, ist alles aus. Einen gemeinsamen Kaffee auf die Schnelle trinken? Fehlanzeige. Ein Gespräch über Kinder, Männer oder anderes Weltgeschehen? Fehlanzeige. Sofaruhe? Fehlanzeige. Denn wenn Franziska uns besucht, dann geht es los.

 

Kaum hat meine Freundin den Fuß in der Tür, wird die Küche gestürmt. Seit Tagen kein Licht über den Kochplatten? Ich gestehe: Seit Wochen! Franziska verdreht die Augen und dann den ganzen Körper, um unter die Dunstabzugshaube zu kommen. Sie verlangt nach Schraubenziehern, die ich ihr reiche, und öffnet Klappen, von denen ich noch gar nichts wusste. Und am Ende von allem strahlt nicht nur Franziska, sondern auch eine Glühbirne über dem Herd.

 

In unserem Haushalt hat sie jedenfalls alles im Griff, auch wenn sie den alten feuchten Wischlappen nur mit spitzen Fingern hoch nimmt. Immer schön auswringen und trocken hängen! Das rät mir Franziska, obwohl ich um Rat nur selten bitte. Aber auch dieses Verhalten ist typisch – für das Muster „prosozialer Dominanz“.

 

Als Franziska mir neulich diesen Begriff an den Kopf warf, dachte ich zuerst: die spinnt! Ich dachte, meine Freundin hat einen Küchentick oder so und jetzt möchte sie alles vertuschen. Mit Hilfe eines Begriffes, den die Psychologin Doris Bischof-Köhler in ihrem Buch „Von Natur aus anders“ gebraucht. Um es kurz zu machen: Franziska schwört auf dieses Buch. Und sie glaubt wirklich, was dieses Buch behauptet: dass Männer und Frauen sich in den Mustern ihres Verhaltens so gravierend unterscheiden, weil sie „von Natur aus“ anders einfach nicht können.

 

Machen wir es noch einmal kurz: Für gewöhnlich nehme ich solche Bücher nicht in die Hand. Oder nur so, wie Franziska meinen alten Wischlappen, also mit spitzen Fingern und extrem unlocker. Für meine Freundin Franziska bin ich aber zu vielem bereit, und deshalb habe ich es getan: Ich habe in dem Buch gelesen und vieles erfahren. Und in der Tat: Wollte man auf den Punkt bringen, welches Erscheinungsbild das Phänomen „prosozialer Dominanz“ haben kann – ein Foto von Franziska wäre hier denkbar.

 

Prosoziale Dominanz ist jedenfalls kein profaner Küchentick, wie ich zunächst glaubte, sondern schon eher so etwas wie ein wirklich guter Mädeltrick. Denn auch Frauen wollen selbstverständlich hin und wieder das, was Männer immerzu wollen: ihr soziales Umfeld dominieren und andere unterbuttern, um selbst zu einer Glanzrolle oder in Spitzenposition zu kommen. Allerdings wollen Frauen scheinbar eines ganz und gar nicht: mitten im Gerangel genauso dumm dastehen wie etwa die Kerle.

 

Und deshalb gehen Frauen anders vor, wenn sie sich in einer sozialen Rangordnung einen guten Platz sichern wollen. Meint zumindest Doris Bischof-Köhler, die in ihrem Buch auf entsprechende Forschungsergebnisse verweist. Eine Studie habe zum Beispiel beobachtet, wie Jungen und Mädchen in einem Kindergartenalltag sich verhielten, um zu Anerkennung und einer eigenen Rolle in der Gruppe zu finden. Offenbar neigten die Knaben viel stärker zu aggressiven Rangkämpfen, in denen es vor allem darum ging, eigene Interessen gegenüber den anderen durchzusetzen. Die Mädchen fielen dagegen als „sozial engagierter“ auf und suchten den Austausch insbesondere auch mit jüngeren Kindern, denen sie „bemutternd“ und mit Rat und Tat zur Seite treten konnten. Typisch weiblicher Fürsorgereflex?

 

Eben nicht – oder nicht nur, wie Doris Bischof-Köhler betont, die an dieser Stelle von einem weiblichen Muster „prosozialer Dominanz“ spricht: „In der prosozialen Dominanz bekundet sich einerseits die Kompetenz dessen, der besser Bescheid weiß und helfen kann, er lässt somit den Rezipienten etwas zugute kommen. Zugleich verlangt sie vom anderen aber mehr oder weniger deutlich, dass er sich unterordnet, und speist somit auch das Gefühl der eigenen Überlegenheit. Hilfehandlungen können also doppelt motiviert sein – durch Verantwortlichkeit und Anteilnahme am Wohlbefinden des anderen oder aber durch den Wunsch, die eigene Überlegenheit zu spüren und sozial zu etablieren. Echte Besorgtheit und handfeste Bevormundung können hier gleitend ineinander übergehen.“

 
Alle möglichen Gedanken gingen in meinem Kopf  „gleitend ineinander über“, als ich diese Zeilen las. Ich dachte an Franziska und wurde wütend. Ich dachte an Ursula von der Leyen und wurde nachdenklich. Und ich malte mir aus, wie die Welt wohl aussähe, wenn sie nicht mehr „männlich egoistisch“ sondern von Frauen „prosozial“ dominiert würde, und konnte bei Doris Bischof-Köhler über die Vorteile einer mit weiblicher Kompetenz in Ordnung gebrachten Welt weiter lesen:

 

„Natürlich geht es auch hier auf subtile Weise um Macht. Aber wenn dabei immerhin das Wohlergehen anderer gefördert wird, ist das immer noch besser als das geistlose Geprotze ästeschwingender Machos, von dem außer dem Ausübenden niemand etwas hat.“

 

Ehrlich gesagt: Genau an dieser Stelle kamen mir plötzlich Zweifel. Oder besser gesagt: Ich bekam einen Verdacht und eine Idee gleich hinterher.

Und deshalb entschloss ich mich, alles noch einmal ganz anders zu sehen, und plante ein Experiment – mit Franziska in der Rolle des Versuchskaninchens.

 

Ich traf auf meine Probandin, als meine Freundin und ich uns neulich auf einem Gartenschulfest der Kinder begegneten. Wo denn der Mann an meiner Seite sei, fragte mich Franziska, weil der Mann an meiner Seite gerade auf Reisen war und deshalb nicht dort, wo er hingehört. Ich teilte ihr mit, dass Jonas buchstäblich im Landeanflug sei, und Franziska war entsetzt: Holst du ihn denn nicht vom Flugplatz ab? Ich verneinte und verwies auf die halbe Stunde, in der ich den Weg zum Flugplatz unmöglich noch schaffen könnte. Franziska widersprach: Ich müsste schon alle Tempo 30-Zonen dieser Stadt durchkreuzen, um länger zu brauchen. Ich verwies auf meinen Führerschein, der jung und unerfahren ist und nicht so fahrtüchtig wie andere. Franziska verdrehte die Augen. Ich verwies auf die Größe des Flugplatzes und auf meine Ängste, dort verloren zu gehen. Franziska begann zu strahlen. Und ich behauptete: Mein Mann legt keinen Wert auf Abholdienste. Da griff Franziska prompt in ihre Handtasche, angelte einen Autoschlüssel heraus und war auf und davon.

 

Und ich? Nun ja, ich war zufrieden, angelte mir einen Liegestuhl und ein kühles Bier, legte die Füße hoch, genoss spielende Kinder und die laue Abendluft. Und mittendrin verlor ich einen zärtlichen Gedanken an Franziska, die vermutlich gerade ziemlich gestresst durch den Feierabendverkehr hetzte.

 

Und die Moral von der Geschichte? Ich werde meiner Freundin ihr Buch „Von Natur aus anders“ zurückgeben. Selbstverständlich werde ich für Franziska ein Eselsohr auf jene Seite zaubern, die sie überlesen haben muss. Denn da steht geschrieben, wie man mit einem schönen Mädeltrick auch ganz hübsch auf der Nase landen kann – oder in der üblichen Weiblichkeitsfalle. Dort steht nämlich geschrieben:

 

 „Unter der Perspektive der prosozialen Dominanz verliert der Begriff  ‚Fürsorglichkeit’ einen Beigeschmack, der für viele Frauen heute der Grund dafür sein mag, sich gegen die Zuschreibung dieses typisch weiblichen Attributs zur Wehr zu setzen. Ich meine die Konnotation des Dienens, des Sichaufopferns, des von anderen Ausgenütztwerdens, der Subalternität, also von Eigenschaften, die Niederrangigkeit bekunden.“ 

 

Übrigens: Unsere Küche ist auch ohne Franziska nicht völlig aufgeschmissen. Der Mann an meiner Seite ist nämlich mitunter „prosozial dominant“ am Ball. Und das ist gut so.