Wissenswertes

Frau, extrem rechts und modern - geht das?

Die rechtsextreme Szene hat sich verändert. Sie lässt nun ein moderneres Frauenbild zu mit dem Ziel, für möglichst viele Frauen attraktiv zu werden.

Von: Tina Groll

vom 13.02.08

Der Heimat nur am Herd zu dienen, das war einmal. Für das große Ziel lassen Rechtsradikale auch Frauen mitmachen. Rechtsextreme Frauenorganisationen versprechen eine politische Karriere. Und immer mehr junge Mädchen drängen in die Szene.

So wie die 18-jährige Lara (Name geändert), die ein Jahr lang in einer rechten Clique war. Dabei rutschte das Mädchen, mit rot gefärbten Haaren und Piercing, auf den ersten Blick eher links-alternativ wirkend, noch auf dem üblichen Weg „hinein“.

Viele Frauen kommen über einen bereits rechts orientierten Partner in die Szene, bei Lara war es ganz ähnlich. Sie wuchs in einem Dorf in Niedersachsen auf, wo rechtsextreme Ansichten unter Jugendlichen verbreitet waren. Auf einer Party lernte sie junge Leute aus der Szene kennen – und sie verliebte sich in einen Jungen, der Neonazi war. Dennoch: Der übliche Weg über den Mann sei auch ein Klischee – und zwar zunehmend, meint Renate Feldmann, Pädagogin und Rechtsextremismus-
Expertin.Noch viel öfter als durch den Freund kämen Mädchen heute nämlich durch ihre Freundinnen und Geschwister mit der Szene in Kontakt.

Lara jedenfalls begann, Rechtsrockkonzerte zu besuchen, und wurde selbst politisch aktiv. Sie ging zu Neonaziaufmärschen und verteilte sogar Flugblätter. Denn: Frauen dürfen in der rechten Szene nun „richtig“ mitmachen – eine Vielzahl von Organisationen nur für Frauen sorgt dafür, dass sie hier nicht mehr nur als bloße Anhängsel von tumben Schlägern oder karrieresüchtigen Kadermännern auftreten.

Zentrales Thema für Mädchen und Frauen am rechten Rand ist – nach wie vor - die Rolle als Mutter. Oder besser gesagt: die Mutterrolle als Gegenentwurf zur modernen Karrierefrau. „An dem Thema Mütterlichkeit kommen die rechten Frauenorganisationen nicht vorbei“, meinen Expertinnen wie Renate Feldmann oder auch die Politikwissenschaftlerin Renate Bitzan. Doch die rechte Szene sei aufgebrochen. Bitzan: „Die entwickelt sich weiter – und das schlägt sich in vielen Angeboten nieder.“ Frei nach dem Motto: Für jede soll etwas dabei sein. Und für manche sogar die Möglichkeit, auf politischer Ebene ein wenig Karriereluft zu schnuppern – ein Angebot, das die Szene anziehend und offen macht für mehr junge Frauen.

Dabei können ganz junge Mädchen zunächst bei Mädchenringen und der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) mitmachen. Da geht es völkisch zu: Trachtenlook und blonde, lange Haare, die zu Zöpfen gebunden werden, sind die Outfits. Wer älter wird, ist bei der „Gemeinschaft deutscher Frauen“ (GDF) richtig. „Die geht in eine ähnliche Richtung, aber die Stereotypen treten hier nicht so stark auf“, sagt Renate Bitzan. Hier sei man etwas unauffälliger und bürgerlicher.

Die „Gemeinschaft deutscher Frauen“ ist die mitgliederstärkste unter den rechtsextremen Frauenorganisationen. Sie gilt auch als die aktivste. Im Jahr 2001 wurde sie zur Nachfolgeorganisation des Skingirlfreundekreises Deutschland (SFD), und heute versammelt sie vor allem jene rechten Frauen, die politisches Engagement mit der traditionellen Mutterrolle verknüpfen möchten. Wo die Grenzen hier verlaufen? Nach Meinung der „national gesinnten“ Frau in der GDF genau da, wo der Feminismus anfängt: „Es ist Zeit, dass die Frau sich gegen die Emanzen absetzt und ihre natürlichen und geistigen Bedürfnisse in Einklang bringt“, heißt es blumig auf der Homepage der Organisation.

Um die Mutterfunktion geht es auch im Ring Nationaler Frauen (RNF). Der Verband wurde 2006 als Frauenorganisation der NPD gegründet und möchte ein „parteiübergreifender Dachverband für nationale Frauen“ sein. Hier geht es politischer zu als bei der GDF. Stella Palau, Mitglied des NPD-Bundesvorstandes und Pressesprecherin des Verbandes ,schreibt im Februar 2006 in dem Nazi-Blatt „Deutsche Stimme“, dass die „altbewährten Werte“ des deutschen Volkes dem Verband wichtig seien. Ein ganz wichtiger davon sei die „Steigerung der Geburtenrate“. Immerhin ist das Ziel der rechten Bewegung, mehr Nachwuchs zu bekommen. Ob durch Rekrutierung neuer Mitglieder – oder eben eigene Kinder.

130 bis 150 Mitglieder gebe es, so erklärt die RNF-Vorsitzende Gitta Schüssler, NPD-Landtagsabgeordnete in Sachsen. „So genau lässt sich das nicht beziffern, denn wir haben keine Mitgliedsbeiträge. Wir wollen die Hemmschwelle bewusst niedrig halten, um so viele national eingestellte Frauen wie möglich anzusprechen, die bisher noch davor zurückschrecken, in die Partei einzutreten“, sagt Gitta Schüssler. Ihre Stimme ist freundlich, sie versucht, ihren starken sächsischen Dialekt zu unterdrücken. Sie möchte verstanden werden.

Die Frauen im RNF seien „durchschnittliche Frauen mit durchschnittlichen Biographien. Die sind berufstätig, die meisten von ihnen haben Kinder – aber wir haben auch Kinderlose.“ Auf die Gebärfunktion der Frau möchte man dann also doch nicht reduziert werden. Aber der RNF möchte, dass Mutterschaft eine gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Darum setzt man sich für ein Müttergehalt oder einen Ehekredit ein und versucht, frauen- und familienpolitisch mitzumischen. Mit Feminismus habe das aber nichts zu tun, so betont Gitta Schüssler: „Nein, davon grenzen wir uns ab. Das ist nicht unsere Schiene“.

Dennoch wäre es zu einfach, die rechtsextreme Frau per se als rückschrittlich abzustempeln. „Es gibt zwar diesen Trend in Richtung Mutterrolle, dennoch wird immer wieder betont, dass jede willkommen ist“, erklärt Renate Feldmann. Daher greifen auch bestimmte Klischees nicht mehr. Natürlich gibt es sie noch, die Skingirls mit kahl rasiertem Schädel und Stirnfransen. Auch die völkischen Frauen, die sich gerne im BDM-Stil mit langen blauen Röcken und weißen Blusen kleiden, sind noch vertreten. Feldmann: „Aber viele rechte Frauen sind einfach nicht mehr als solche zu erkennen.“ Dass sich die rechte Szene verändert habe, bestätigt die NPD-Politikerin. „Das ist eine Generationenfrage. Die NPD ist von den Mitgliedern her die jüngste Partei.“ Und schon folgt der Satz: „Bei uns dürfen alle mitmachen.“

Und wie sind diese rechten Frauenorganisationen nun einzuschätzen?
„Es ist wichtig, davon wegzukommen, Rechtsextremismus als typisch männliches Problem zu sehen“, sagt Renate Feldmann. Die Frauen werden nicht mehr nur darauf reduziert, Anhängsel zu sein. Häufig klaffen Geschlechterideologie und das gelebte Frauenbild auseinander: „Diese Frauen auf der Funktionärsebene leben etwas anderes als sie propagieren.“, meint Bitzan. Gleichzeitig seien die neuen Kaderfrauen aber auch Vorbilder. Sie trauen sich, öffentlich Position zu beziehen und brechen Tabus. „Und es ist etwas anderes, wenn eine jüngere, sympathisch und gebildet wirkende Frau so was sagt oder ein alter Mann das vertritt“, merkt die Expertin an.

Das hätten die Männer in der rechten Szene erkannt. „Die wollen das Potenzial der Frauen nutzen“, meint Feldmann. Darum wird toleriert, dass die Frauen sich einbringen können, aber echte Freiheit haben sie nicht. Lara berichtet, dass sie immer das gemacht habe, was die Männer in der Szene gesagt haben. Ihre „Kameraden“ hätten sie und ihre weiblichen Kolleginnen gerne vorgeschickt, wenn es darum ging, Flugblätter zu verteilen. „Die haben gesagt, zieht euch einen Minirock an und tragt ein tiefes Dekollete, das kommt besser an.“

Laras Erfahrung verrät viel über das wahre Frauenbild rechter Männer, vor allem in der Szene der neonazistischen „Kameradschaften“. Rückblickend sagt Lara, seien sie und ihre Freundinnen schon als Sexobjekte angesehen worden. Kein Wunder: Die rechte Rockmusik ist durch und durch sexistisch.

Nicht selten hat Lara auch erfahren, dass die rechten Jungs ihr befohlen haben, abzuwaschen oder für sie zu kochen. Gut fand sie das nicht. Auch nicht, als sie bei einer Demonstration von einem Journalisten befragt wurde und ihre männlichen Kameraden ihr brutal zu verstehen gaben, dass sie als Mädchen mit niemandem zu sprechen habe. Gewalt gegen Frauen ist in der Szene weit verbreitet. Aber den meisten Mädchen und Frauen fällt der Ausstieg schwer. Lara hat ein für allemal genug von der Szene. Vor einem Jahr hat sie den Kontakt abgebrochen – aber es sei nicht leicht gewesen. Zumal viele ihrer Freundinnen noch immer rechts sind.

Die Frauen verändern die Szene – sie stabilisieren sie. Waren sie früher für manchen Mann ein Grund zum Ausstieg, bringen sie nun ein Potenzial mit, von dem die rechte Szene profitiert. Bislang macht der Frauenanteil unter den rechtsextremen Straf- und Gewalttaten nur etwa fünf bis zehn Prozent aus – aber wo das Frauenbild im Rechtsextremismus vielfältiger wird, gewinnt dieser selbst auch für Frauen an Anziehungskraft. „Es gibt eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Frauen in der Gesellschaft, die eine rechtsextreme Weltanschauung haben“, erklärt Renate Bitzan.

Über den exakten Frauenanteil in der NPD kursieren unterschiedliche Zahlen. NPD-Landtagsabgeordnete Gitta Schüssler gibt einen Anteil von etwa 20 Prozent an. In den höheren Positionen seien die Frauen aber rar. „Ich habe mich auch gefragt, warum das so ist“, erzählt die Abgeordnete und liefert die Erklärung gleich mit. Die NPD sei gegen Quotierung, „bei uns entscheidet die Leistung. Offenbar gibt es mehr qualifizierte Männer als Frauen“, lautet die lapidare Antwort. Und darum will sie auch von Machtkämpfen zwischen den Geschlechtern innerhalb der Partei nichts wissen.

Und was finden Frauen an der rechten Szene attraktiv? Denkbar ist, dass Frauen zumindest in den Frauenorganisationen schnell und leicht politische Karriere machen können - dazu kommen Machtwünsche und die Sehnsucht nach einem Gruppenzusammenhalt. Und in der Gruppe bleibt die Rollenverteilung weiterhin klassisch. Denn auch das ist nach wie vor gültig: Die rechte Szene ist eine Männerdomäne – aber eine, in der Frauen in ihren Frauennischen jetzt „nach oben“ streben. Denn Heimatkampf am Herd, das war einmal.

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Tina Grolls Text ist bereits in anderer Fassung in der Broschüre „Rechtsabbieger“ erschienen. Das Heft ist aus einer Zusammenarbeit des NDR mit der Zeitung „Weser Kurier“ entstanden und möchte Jugendliche über den Rechtsextremismus und die NPD in Niedersachsen aufklären.

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Fotonachweise:

1. Neonazis der „Freien Aktivisten Erfurt” bei einer Kundgebung am 1. April 2006 in Arnstadt. In der Mitte mit Baseball-Cap und Sonnenbrille: Isabell Pohl, führende Vertreterin der neonazistischen „Freien Kameradschaften” in Thüringen und Begründerin der Neonazi-Frauen-Organisation „Aktive Frauen Fraktion” (AFF). (Foto via wikipedia).
2. shnipestar (via photocase.com).
3. Buchcover, Unrast Verlag.
4. Rockkonzert in der rechten Szene, Rocker 2007 (via wikipedia).