Reizthema

Frauen als „Gegengift“

Die Männer haben es vermasselt, sagt Halla Tomasdottir. Für die Isländerin hat die Finanzkrise ein Geschlecht – und das ist männlich. Risikobereitschaft, Leichtgläubigkeit und zu viel Testosteron wären schuld daran, dass Island heute so schlecht dastünde und dem Staatsbankrott schon ins Auge sah. Nun hat das nördliche Land gerade eine neue Regierung gewählt – und auf Frauen wie Halla Tomasdottir setzt man hier große Hoffnungen.

Sie ist keine Politikerin, aber dennoch gehört sie zu den Frauen, auf die man in Island in diesen Tagen sehr genau blickt: Halla Tomasdottir hatte früh gewarnt, dass es so nicht weitergehen könne. „Die Männer haben Geld verliehen, auch wenn überhaupt nicht klar war, ob der Schuldner alles würde zurückzahlen können“, erklärt die 40jährige heute in Interviews. Noch bevor die Börsenkurse so richtig zur Talfahrt ansetzten, hatte sich die Bankerin sogar mit einem Appell direkt an Ministerpräsident Geir Haarde gewandt und die Politik zum Eingreifen aufgefordert: Islands Finanzsystem drohe der Kollaps, man dürfe nicht länger tatenlos zusehen, wie durch eine kleine Elite, die „Jungs an der Börse“, die Zukunft des Landes verspielt würde. Für Halla Tomasdottir stand schon damals fest: Unsere Krise ist von Männern gemacht. 

Halla Tomasdottir hat heute eine eigene Investmentfirma, Audur Capital, mit Sitz in Reykjavik. Zuvor war sie Generaldirektorin der isländischen Handelskammer und sah sich oft in der Situation, mit Geld und Geschäftsideen nicht so umgehen zu können, wie sie es für richtig hält. Auf eine „weibliche Art“, wie die Ökonomin sagen würde. Rentables und risikobewusstes Wirtschaften nämlich seien Prinzipien, zu denen Frauen viel eher neigten als Männer. Eine starke These. Doch nicht nur die Krise scheint ihr Recht zu geben. Auch die Gewinne, die Audur Capital derzeit macht, sprechen für sie.

Denn während in Island gerade Existenzängste massiv um sich greifen, glänzt Audur Capital mit guten und stabilen Bilanzen. Offensichtlich zahlt es sich aus, dass das 2007 gegründete Unternehmen konsequent nur in Projekte investiert, die auf Nachhaltigkeit – ökologische wie gesellschaftliche – setzen. „Frauen gehen anders vor, sie investieren nicht in Instrumente, die sie nicht verstehen. Sie hinterfragen und achten auf Werte“, erklärt Tomasdottir. Und mit ihrer Beobachtung steht sie keinesfalls allein.

 

Nachhhaltiges Wirtschaften – ein Prinzip, das Männer überfordert?

 
Einschlägige Untersuchungen legen immer wieder nahe, dass Mann und Frau in ihrer Rolle als Homo Oeconomicus unterschiedlich ticken: Männer suchen das Risiko, sie setzen schneller auch mal alles auf eine Karte und neigen häufiger dazu, Warnsignale zu übergehen. Frauen dagegen sind vorsichtiger und haben die Folgen ihrer Entscheidungen besser im Blick – lediglich auf Gruppendruck reagieren sie weniger umsichtig. Hier nämlich sollen männliche Sensoren viel stärker auf Empfang geschaltet sein. 

Man wird diesem Bild, das empirische Studien zeichnen, auch ruhig misstrauen dürfen – und muss sich dennoch fragen: Hätten Frauen es besser gekonnt? Eine Frage, über die in letzter Zeit viel debattiert wird. Nun ja, zumindest in einem Punkt scheint man sich dabei einig: Die „männlichen Monokulturen“, die ganz oben in unserer Wirtschaft noch immer blühen, haben uns alles andere als gut getan. Denn wie auch Hermann Droske im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ meint, befördern „frauenfreie Zonen“, wie man sie sonst heute nur noch in „Wartezimmern von Urologen“ findet, ganz eigene Probleme: „Monokulturen begünstigen Gruppendruck, fördern Kritiklosigkeit, haben selten einen Plan B, wenn Plan A nicht funktioniert. Niemand sagt mal: So kann das nicht mehr lang gut gehen. Und niemand ist da, der solchen Warnungen zuhören würde. Bloß business as usual unter businessmen as usual“, beschreibt Droske hier die Gefahren. 

 

Mit Frauen raus aus der Krise 


Nun, wo Plan A völlig schief lief, scheint Plan B weltweit so gefragt wie nie zuvor. Und zumindest in Island befördert die Suche nach einem neuen Kurs schon mal Frauen reihenweise nach oben und in neue Führungspositionen: Bereits zu Beginn des Jahres hat Geir Haarde seinen Posten als Ministerpräsident für Johanna Sigurdardottir räumen müssen. Die Sozialdemokratin ging nun am Wochenende mit ihrer rot-grünen Kooalition aus der Parlamentswahl siegreich hervor und stellt fortan die erste nichtkonservative Regierung im kleinen Inselstaat. Doch damit noch nicht genug: 43 Prozent der Sitze im Parlament gingen nach der Wahl an Frauen – mehr als jemals zuvor. Und auch an anderer Stelle hat der große Wandel, auf den man in Island hofft, ein weibliches Gesicht: In den beiden größten (Pleite)Banken, der Glitnir- und Landsbanki, wurden kürzlich die Ruder in Frauenhände gelegt. Ob diese aber aus der Misere helfen können, in der Island so tief steckt, wie kein anderes Land in Europa zurzeit – das bleibt offen. 

Denn die Probleme sind gewaltig: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich verzehnfacht, die Bankenpleite hinterließ den rund 320.000 Isländern eine Schuldenlast, die das jährliche Bruttonationalprodukt um das Zehnfache übertrifft. Und ein drohender Staatsbankrott konnte bislang nur abgewendet werden durch Milliardenkredite aus dem Ausland – in das sich übrigens längst schon 30 Topmanager der mittlerweile verstaatlichten Großbanken abgesetzt haben. 

Ob Frauen hier nun als ein „Gegengift“ zu dem Testosteron wirken können, mit dem offensichtlich bisher viel zu aggressiv an den Börsen unserer Welt um „schnelle Profite“ gepokert wurde, ist vielleicht dabei gar nicht entscheidend. Denn was zählt, ist nicht nur eine große Bilanz unterm Strich. Was zählt, ist überhaupt, dass auch Frauen in den Spitzenpositionen von Politik und Wirtschaft künftig mehr Präsenz zeigen. Wenn sie das dann auch noch mit so gescheiten Motiven tun wie Halla Tomasdottir und ihre Geschäftspartnerin Kristin Peturdottir – umso besser. 

Sie hätten entdeckt, dass es vielen Frauen so ginge wie ihnen, sagen die beiden. In der Lebensmitte angekommen und auf erfolgreiche Businessjahre zurückblickend, hätten sie plötzlich dieses Gefühl gehabt, „dass etwas fehlt“. Und die beiden Isländerinnen haben  dieses persönliche Motiv ernst genommen: „Wir hatten einfach das starke Bedürfnis, dass es in den nächsten 20 Jahren um anderes gehen würde als nur ökonomischen Profit.“ 

 

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