Starke Frauen

Frauen ankleiden, nicht Pralinen kreieren

Jil Sander schuf eine Mode, die so minimalistisch war, wie befreiend wirkte. Reduziert, aber edel – so waren die Schnitte, mit denen die Designerin sich zur „Queen of Less“ machte und in der Fashion-Welt auf die etwas andere Note setzte. Gerade feierte die Modeschöpferin ihren 65. Geburtstag.

Als sie ihre Karriere begann, war von Bauhaus keine Spur, dagegen mehr Barock, als eine wie Jil Sander hätte ertragen können: „Ich bemitleide Frauen, die wie Pralinen aussehen“, sagte sie einmal. Vor Augen hatte die Designerin dabei vermutlich auch eben jene Zeit, in der noch vieles so am Massengeschmack hing und in den Klischees einer Weiblichkeit schwelgte, die Jil Sander als aufgesetzt, wenn nicht sogar „aufgebrezelt“ und vulgär empfand.

 

Mit einem neuen eigenen Stil wollte sie dagegenhalten: Frauen kleiden – nicht verkleiden, so lautete das Programm der Norddeutschen, die sich 1968 selbständig machte und eine erste eigene Boutique in dem etwas schickeren Hamburger Stadtteil Pöseldorf eröffnete.

 

Pöseldorf zum Trotz oder zuliebe – Jil Sander verkaufte in diesem Laden nicht nur selbst entworfene Kreationen, sondern daneben und zunächst auch Pariser Mode, um Publikum anzulocken. Je begehrter aber die Adresse wurde, umso klarer trat auch das eigene Konzept hervor, mit dem die junge Geschäftsfrau später dann weltweit auf Markenkurs ging: „Jil Sander“ stand für einen „New Look“, einen „Chic des Wesentlichen“, der sich körpernah gab, mit praktischen Schnitten überzeugte und auf hohe Qualität setzte, was Stoffe anging.

 

„Ein Kleid ist perfekt, wenn man nichts mehr weglassen kann – wie eine Rede“, gab Jil Sander einmal zum Besten. Für diese Kunst des Weglassens, die sie propagierte, wurde sie zur „Queen of Less“ im Fashion-Geschäft gekrönt. Natürlich fand sie damit aber nicht nur Bewunderer: Auf den Laufstegen der Zeit hätten ihre strengen Entwürfe auch manchmal wie eine Gouvernante gewirkt, die nicht mitmachen wollte, weder beim heiteren Maskenball der Branche noch jeden Blödsinn. So meinen Stimmen heute rückblickend.

 

Jil Sander wurde 1943 als Heidemarie Jiline Sander in Dithmarschen geboren und wuchs in Hamburg bei ihrer Mutter auf. Sie ließ sich zunächst zur Textilingenieurin ausbilden, verbrachte zwei Jahre studierend in den USA und begann dann, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, sich als Journalistin und Redakteurin mit Mode zu befassen. Sie wollte aber nicht nur über das Thema schreiben, für Frauenzeitschriften wie „Petra“ oder „Constanze“, sondern auch selber einen Trend setzen.

 

Dabei hatte Jil Sander einen neuen Typ vor Augen, den sie ansprach: die selbstbewusste und berufstätige Frau, die sich als ehrgeizig und gradlinig verstand, die nicht Rüschen und anderen Schnickschnack wollte, sondern lieber auch mal die Hosen anhaben (oder zumindest einen Hosenanzug) – wenn nicht sogar ganz hoch hinauf in die Führungsetage. Jil Sander erfand hierfür nicht nur ein passendes Outfit, sie verkörperte dieses Bild der neuen Karrierefrau auch nahezu perfekt selbst. Allemal, nachdem 1979 das Parfum „Woman Pure“ auf den Markt gebracht wurde, das nicht nur die Marke bekannter machte, sondern auch Jil Sanders Gesicht: In großangelegter Imagekampagne wurde nämlich mit diesem für das neue Kosmetikprodukt  geworben.

 

Die Devise, dass weniger mehr ist, galt allerdings auch für das Geschäftsimperium der Modeschöpferin nur im Ideellen – und nicht in der Kasse. Ein Blick auf zu erwartende Zukunftsbilanzen brachte das Unternehmen 1999 nämlich dazu, sich einen kapitalstarken Partner ins Boot zu holen, und mit diesem auch Patrizio Bertelli, den Chef der italienischen Prada-Gruppe, die sich mit Aktienmehrheit in den Konzern eingekauft hatte. Schwere Konflikte und Machtkämpfe hatte Jil Sander mit dem neuen Partner im Folgenden nun auszustehen, bis sie sich dafür entschied, das Handtuch zu werfen: Im Jahr 2000 gab sie ihren Posten als Kreativdirektorin auf.

 

„Jil Sander“ ohne Jil Sander – nur die halbe Miete? Es sah zunächst ganz so aus. Deshalb wagte die Schöpferin des Markennamens 2003 noch einmal ein Comeback, als kurzes Zwischenspiel aber nur, das schon im folgenden Jahr wieder ein Ende fand. Vielleicht waren die Kontroversen zu Bertelli, der die Marke „Jil Sander“ schlanker machen wollte (was Produktionskosten anging) und gleichzeitig auszuweiten gedachte (was Passgrößen anging) doch zu groß und Jil Sander das Machtgerangel einfach zu sehr leid. Vielleicht aber sind es auch andere Gründe, die für den vermutlich endgültigen Abschied vom Business sprachen. In einem Interview sagte Jil Sander einmal, dass sie die Zeit ihres Pausierens bis zum Jahr 2003 sehr genossen habe:

 

„Diese Zeit war für mich wie ein Geschenk, das mich verändert hat. Vorher war ich in meiner Welt so versponnen, dass mir keine Zeit mehr blieb, sie mir richtig anzusehen. Ich habe aus meiner Auszeit aber nicht nur Gelassenheit mitgebracht, ich habe auch eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit gewonnen. Und ich bin wacher geworden, was mein Umfeld angeht.“

 

Mag also sein, dass die Marke Jil Sander die Welt bereichert hat. Ob künftig Jil Sander den Verlockungen eines neuerlichen Comebacks widerstehen kann – über das auch zum 65. Geburtstag der Designerin wieder viel spekuliert wurde – bleibt vorerst offen.