Weibchenschema

Frauen, die Männern den Kopf verdrehen

Schön, schlau, schnatterhaft: „Sex and the City“ hat die Tussi als Frauentyp interessant gemacht.

Carrie, Samantha, Charlotte, Miranda – früher nannte man solche Frauen wahrscheinlich Schnepfen oder auch Zicken, aber das würde es heute nur sehr unzutreffend benennen, besser ist tatsächlich: Alles Tussis. Diese Zuschreibung bedeutet zwar – wie bei der Zicke – „du gehst mir furchtbar auf die Nerven“, aber zugleich vermittelt sie so etwas wie Respekt und Sexiness, eine erotische Aura jedenfalls, die zugleich antörnt und nervt. Und mehr als das.

Seit nun also Teil 2 des Films „Sex and the City“ in die deutschen Kinos gekommen ist, seit das fröhliche Tussen-Quartett um Carrie Bradshaw wieder vereint durch New York (beziehungsweise diesmal ausnahmsweise durch die Wüste) zieht, ist erneut Weiber-Zeit, da feiert das neuzeitliche Prinzip Tussi seine Blüte, ein Prinzip, das mit der gleichnamigen Fernsehserie „Sex and the City“ schon vor gut zehn Jahren einen neuen Typus Frau aufs Tapet hievte.

 

Kann ich Sex haben wie ein Mann?

 
Die Tussi würde vermutlich von sich behaupten: Klar bin ich eine, und das ist auch gut so. Über sie könnte man sagen, dass sie ihr eigener Herr ist, ihr eigenes Geld verdient, Spaß hat, nicht blöd ist, für die Wohnung eine Putze hat und von den Männern vor allem eines will, nämlich Sex. Und wenn die Typen das nicht kapieren, dann sagt die Tussi denen das auch ins Gesicht, die Tussi macht sich nämlich nicht mehr ins Hemd.

So fing das damals jedenfalls an, schon in den ersten Folgen von „Sex and the City“ hieß die Herausforderung für das Damen-Quartett: Kann ich Sex haben wie ein Mann? Heißt: Muss ich mich nicht gleich „verlieben“;, unterwerfen und auf immer und ewig „binden“? Und es funktionierte, zunächst zumindest. 


Diese Tussi jedenfalls ist – wenn man so will – aus der Art geschlagen in der langen Reihe emanzipatorischer Bemühungen und gendertechnischer Auswüchse, ganz anders noch, als es sich die Feministinnen der 60er, 70er und 80er gedacht haben mögen: Einerseits ist sie selbstständig, beruflich wie privat, endlich nicht mehr in einem Abhängigkeitsverhältnis von einem Ernährer gefangen, andererseits aber hysterisch überdreht, marketinggesteuert und, zumindest gedanklich, etwas übersexualisiert.

 

Design bestimmt ihr Bewusstsein


Ein typisches Produkt der 90er eben, der – wie es so schön hieß – Spaßgesellschaft. Oder vielleicht gar kein Produkt, sondern der eigentliche Impuls: Plötzlich kam „Spaß“ in die Sache durch diese Art Frauen, „Spaß“ wurde die Kategorie, um die sich das Leben drehte, „Spaß“ war das pure Glück – nicht das ewige und zumeist in theoretischen und ideologischen Exzessen ausartende Getue um Wohlstand, Gerechtigkeit oder gleich den Weltfrieden, was noch ein paar Jahre zuvor das Nonplusultra gewesen war. (Abgesehen davon, dass Carrie und die anderen Tussis tatsächlich in ziemlichem Wohlstand und jeder Menge Frieden leben.)


Frauen, deren Lebensinhalt nicht mehr aus Kindern, Kirche, Kochtopf besteht, schrieben sich hier nun das Motto „Fun, Fashion, Friendship“ – wie der „Sex and the City2-Verleih das heute noch nennt – auf die Stirn. Design bestimmte fortan das Bewusstsein, diese Tussis waren entpolitisiert - oder anders: Sie waren gewissermaßen postpolitisch. Die „Gesellschaft“ in Form von politischen Codes und Rahmenbedingungen kam hier nicht mehr vor, wozu auch? Gesellschaft – das war die Party am Freitagabend mit reichlich Cosmopolitan und vielen schönen Menschen.

 
Es geht bei diesen Tussis viel um den äußeren Schein. Nichts ist geblieben von den 80ern, als noch die anstrengende Sehnsucht nach „inneren Werten“ vorherrschte und (vor allem von Frauen) gern die Berücksichtigung der Kategorie „Charakter“ im Paarungsverhalten eingefordert wurde. Frauen wollten in der grauen Vorzeit ja nicht mehr – jedenfalls schien das so – in Kategorien wie „blond, hübsch und dicke Dinger“ wahrgenommen werden; hier nun ist ihnen das völlig egal. Oder im Gegenteil, in „Sex and the City“ war die Wahrnehmung als „Objekt“, ja sogar als Objekt der Begierde, gewollt. Sie wurde Teil des eigenen Selbstverständnisses, das eigene Selbstbewusstsein zog daraus Kraft.

 

Anders als zuvor. Und anders als gedacht.


Das ist es wahrscheinlich auch, was Feministinnen wie Alice Schwarzer am meisten an diesen Tussis irritierte und irritiert: Dass die Sex, Verlangen, Begierde, Körper eben nicht verstecken, weder verbal noch unterm Schlabberpulli, sondern im Gegenteil das alles in die Waagschale werfen. Und das tun sie ja auch immer noch, auch in der Realität.

Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von dem Fall, der sich gemeinhin „dumme Tussi“ nennt, sondern von dem Typ Frau, der sich seiner erotischen Strahlkraft bewusst ist, sie unverhohlen einsetzt, aber auch gegebenenfalls drübersteht, sodass die sexuelle Aura nicht als plattes, penetrantes, dümmliches Ding daherkommt, sondern als Spiel. Oder was tun moderne Tussis wie Charlotte Roche, Barbara Schöneberger, Sarah Wagenknecht, Silvana Koch-Mehrin oder Anne Will anderes?

Andererseits und zurück zu „Sex and the City“ ist der Drang, „attraktiv“ und en vogue bleiben zu wollen, natürlich auch anstrengend. Wenn die Damen in jeder neuen Szene ein neues hübsches Kleidchen anhaben, der wichtigste Raum in ihren Wohnungen der begehbare Kleiderschrank ist, 400 Dollar für ein paar Sandalen auszugeben irgendwie normal ist, fragt man sich schon, ob man nicht im falschen Film ist. Machen die wechselnden Schuhe, Klamotten, Taschen mit den allzeit sichtbaren Designerlogos aus „Sex and the City“ nicht einen Home-Shopping-Kanal für die etwas auf sich haltende Frau von heute?

 

Ist wirklich alles so simpel? Und der Mann im Tussi-Kosmos schlecht dran?


Als Mann sitzt man dann verwundert davor und denkt sich: Stimmt es also doch, dass Frauen durchdrehen, wenn sie die „richtigen“ Schuhe sehen, es ist wirklich alles so simpel, wie wir es schon immer geahnt haben: Solche Tussis toben sich stundenlang im Schuhladen aus und wenn unsereins geduldig dabei bleibt und am Ende mit der Kreditkarte wedelt, ist die Welt in Ordnung.

Der Mann im Übrigen hat es ohnehin nicht leicht in diesem Tussi-Kosmos, obwohl das Anspruchsprofil nicht besonders groß ist: Breite Schultern muss er haben, und eine dicke Brieftasche ist auf jeden Fall von Vorteil. Mr. Big, der von Carrie Umschwirrte, heißt nicht umsonst so und ist nicht zufällig irgendeine große Immobiliennummer. Es kommt gut, wenn er bei der gemeinsamen Wohnungssuche das überteuerte, von Carrie mit juchzenden Ahhhs und Ohhhs begleitete neue Penthouse mal eben so aus der Portokasse bezahlt. Geld ist sexy, da geht nun mal nichts drüber.

 

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Andreas Lehmann arbeitet als Redakteur beim „Magazin“, wo der vorliegende Text zuerst erschien. Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. 

 

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