Reizthema

Frauen ist der Chefsessel nicht wichtig?

Die kanadische Psychologin Susan Pinker sorgt mit ihren Thesen für Aufsehen: Frauen sind aufgrund ihrer genetischen Voraussetzungen weniger karriereorientiert als Männer, schreibt sie in ihrem Buch "The Sexual Paradox".

Im Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" am 10. Januar erklärt sie, warum Frauen in Führungspositionen niemals auf 50 % kommen werden. Wenn sie da die neuen Unternehmerinnen mal nicht unterschätzt ...

"Männer und Frauen haben unterschiedliche Präferenzen", sagt Susan Pinker im Gespräch mit der Journalistin Bettina Weiguny. "Frauen interessieren sich häufiger für Shakespeare als für Nanoteilchen, sie arbeiten lieber mit Menschen als mit Maschinen und Zahlen, werden lieber Lehrerin oder Ärztin als Computer-Fachfrau."

 

Männer setzen alles auf eine Karte

 

Warum das so ist, daran haben sich schon vor Jahrzehnten die Sozialisationsforschung, die Frauenforschung und auch die Entwicklungspsychologie die Zähne ausgebissen. Und trotz Simone de Beauvoirs legendärer These "Wir werden nicht als Frauen geboren, sondern zu Frauen gemacht" ist die Argumentation von Susan Pinker, dass die genetischen Unterschiede zwischen Mann und Frau auch ihr unterschiedliches Verhalten prägen, immer wieder zurückgekehrt.

 

Susan Pinker ist weit davon entfernt, Frauen aufgrund ihrer Beziehungsorientierung an Heim und Herd zu verdammen, darum geht es ihr nicht. Entsprechende Fragen und Unterstellungen findet sie eher typisch deutsch: "Ihr Deutschen seid da unglaublich verbohrt. Natürlich sollen Frauen Karriere machen, wenn sie Lust dazu haben. Aber wir müssen aufhören, den Mann als Standard zu sehen. Männer setzen alles auf eine Karte, auf der steht: Karriere, Geld, Macht. Bei Frauen steht daneben noch einiges, was ihnen ähnlich wichtig ist."

 

Hormone entscheiden über unsere Karriere?

 

Und da das aus ihrer Sicht mitnichten nur die Familie ist, sondern vielmehr eine gewisse Werteorientierung, die auch das Arbeitsleben berührt, wird ihre These auch für die Diskussion um die anderen Gründungen von Frauen oder Unternehmerinnenkultur interessant.

Susan Pinker sagt auf die Frage von Bettina Weiguny "Hormone entscheiden über unsere Karriere?" "Ich habe eine Frau kennengelernt, die war Professorin in Stanford, hatte also alles erreicht, wovon Wissenschaftler träumen. Und eines Tages entschließt sie sich, zu kündigen und wird Lehrerin. Sie erhält deutlich weniger Geld, genießt weniger Ansehen, dafür hat sie weniger Stress. Es gibt viele solcher Lebensläufe bei Frauen. Die steigen Stufe um Stufe in ihrem Beruf auf - und plötzlich machen sie etwas ganz anderes. Die Petrolingenieurin wird Fitnesstrainerin, die Uniprofessorin wechselt in die Grundschule. Und wissen Sie was? Sie sind meist zufriedener als zuvor. Endlich haben sie Zeit für Familie, Hobbys, Freunde."

 

Will ich noch 20 Jahre so weitermachen?

 

Ich will die These in eine andere Richtung weiterdenken: Denn ich kenne tatsächlich viele Geschichten von Freiberuflerinnen und Kleinunternehmerinnen, die zuvor Angestellte waren, sich in der Hierarchie wahrhaft hochgekämpft, in verantwortlichen Positionen Führungsaufgaben  hatten,und das mit dem entsprechenden finanziellen Erfolg. Spätestens mit Mitte 40 stellen sie sich die Sinnfrage, und die lautet u.a.: Will ich noch 20 Jahre so weitermachen? Mit welchem Ziel? Will ich weiter im Dienste des Konzerns arbeiten, meine Lebenszeit für diese Karriere einsetzen oder will ich - wenn ich schon gern und viel arbeite - von meinen guten Ideen anders und selbst profitieren.

 

Wenn wir uns die Biografien von Coaches, Unternehmens- oder Personalberaterinnen ansehen, dann finden wir eine große Zahl von Frauen, die sich als Alternative zum Angestelltendasein bewusst für die Freiberuflichkeit - mit zunächst auch finanziellen Einbußen und einem größeren wirtschaftlichen Risiko - entschieden hat. Das sind nicht alles Frauen, die, die drohende Arbeitslosigkeit vor Augen, aus der Not eine Tugend machten. Sondern viele treffen eine ganz bewusste Entscheidung für eine andere Art des Arbeitens, für andere Werte und damit auch für eine andere Wirtschaftsweise. Sie agieren kleinunternehmerisch.

 

Gründung als "weibliches Umsatteln"?

 

Insofern beschreibt die Schlussfolgerung in der Argumentation von Susan Pinker auch nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirtschaft, wenn sie sagt: "Nur zehn, fünfzehn Prozent der Frauen wollen sich bis an die Spitze durchbeißen - und sind bereit, dafür so viel zu opfern, wie Männer das tun. Den meisten Frauen ist der Chefsessel nicht wichtig." Das gilt vielleicht für die Chefsessel in Großunternehmen und Konzernen, in denen die angestellte Managerin häufig nicht den eigenen Maßstäben, sondern denen der anderen folgt. Das gilt aber sicher nicht für den eigenen Chefsessel. Denn die Entscheidung fürs eigene Unternehmen kann gerade eine sehr konsequente Folge des von Susan Pinker beschriebenen so typisch weiblichen "Umsattelns" sein.

 

"Aufhören, den Mann als Standard zu sehen", das könnte mit (!) den Thesen Susan Pinkers eine Neubewertung dessen sein, was so gern als das besondere Potenzial der Gründerinnen und Unternehmerinnen bezeichnet wird. Auch in Kleinunternehmen oder als Freiberuflerinnen arbeiten Frauen ja nicht weniger - aber offensichtlich zufriedener. Da ist sie wieder die Werteorientierung - als Leitmotiv der Frauen, die der Karriere und damit dem Beruf nicht den Rücken kehren, sondern sich einer größeren Selbstbestimmung zuwenden.

 

Das Interview mit Susan Pinker in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hier auf der FAZ-Website

 

Fotos:

1. bennicce (photocase.com)

2. satty4u (stock.xchng)

 

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Der Textbeitrag wurde uns freundlicherweise von "existenzielle" - dem Online-Portal für selbstständige Frauen - zur Verfügung gestellt. Erschienen ist er dort im Hausblog.

 

Andrea Blome ist seit 2000 die verantwortliche Redakteurin und seit 2006 auch Herausgeberin der "existenzielle".

 

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