Reizthema

Frauenporno, Frauenpower?

Charlotte Roche hat ein Buch geschrieben, in dem es um weibliche Körperbehaarung, Hygieneprobleme und Selbstbefriedigung geht – um Dinge also, über die man nicht spricht. Ist "Feuchtgebiete" nun ein Frauenporno – oder doch eher eine Hommage an den weiblichen Körper? Auch im Team von Miss Tilly gingen die Meinugen sehr auseinander ...

Von: Fotos: Du Mont Verlag u. Markus März

vom 19.03.08

... und am Ende sahen sich alle aufgefordert, etwas zu schreiben. Eine fünfseitige 
Leseprobe, die sie hier finden, war Mindest-Pflichtlektüre – und was durch diese an Gedanken und Kommentaren, Begeisterung und Abscheu angestoßen wurde, können Sie hier im Folgenden nun lesen (und als Forsetzung demnächst auch weiter auf unserer Seite): 
 

„Es hätte ein Kultbuch für alle wissbegierigen Mädchen und Frauen werden können. Es hätte ein Buch werden können, in dem Männer, die die Frau nicht als engelsgleiches Wesen betrachten, viel erfahren und auch noch eigene erotische Phantasien nähren können. Es hätte wahrscheinlich generationsübergreifend ein Standardbuch zur Aufklärung werden können. Aber hätte Charlotte Roche das überhaupt gewollt? Sicher nicht.

Gemeinsam ist sie mit Helen Memel rasant losgerannt und hat nirgends abgebremst. In Zeiten von Germany´s Next Topmodel gibt es zwar nichts Provokanteres als klar zu machen, dass selbst perfekt gestylte Mädchen riechen, Sekrete und andere Flüssigkeiten absondern und vor allem Wünsche und Sehnsüchte haben, die über einen Werbeauftrag für Slipeinlagen hinausgehen.

Aber muss man sich dafür eines Fäkaljargons bedienen, der nur von Medizinern und anderen humanbiologisch Interessierten Lesern ohne Missverständnisse verstanden wird? Muss man immer noch eins drauf setzen, wenn das Anliegen eigentlich schon klar ist? Muss man zum Rundumschlag gegen alle Hygieneartikelhersteller ausholen? Ja, wahrscheinlich muss man das, wenn man heute noch wirklich Aufmerksamkeit bekommen möchte.

Aber ernsthaft empfehlen kann ich das Buch nur angehenden Krankenschwesternschülerinnen und Medizinstudenten. Wenn sie es durch die "Feuchtgebiete" geschafft haben, ohne angewiedert zu sein, sind sie bereit für das wahre Leben in deutschen Heilanstalten. So gesehen ist es ein wichtiges Buch, nur die Zielgruppe ist sicher nicht so groß wie die „Spiegel“-Bestsellerliste vermuten lässt.

Sollte es doch anders sein und die breite Masse der Buchkäufer doch auch zahlreich an Buchzuendelesern, würde ich Charlotte Roche gratulieren, denn verdient hätte es das Buch. Aber das sage ich als Ärztin, die noch viel mehr erlebt hat, als die offenen und verborgenen Wunden einer 18- Jährigen. Und die sich nicht abschrecken läßt von den Abfällen des menschlichen Körpers, wenn darunter etwas über die Seele zu finden ist. Denn da bietet Helen Memel mehr als erwartet, wenn man die Feuchtgebiete etwas trockenlegt.“

(Carola Thurow)

„Pornographie in der Literatur ist so alt wie die Literatur selbst. Nichts neues, die Kirche hat es zwischendurch für ein paar Jahrhunderte mit einem Index zu unterbinden versucht, aber der Mensch liest durchaus vergnügt und mit Gewinn, was sich so Feuchtes machen lässt. Der Marquis de Sade, Henry Miller oder Henry Bukowski fehlen in keinem gut sortierten Buchladen. Neu an den "Feuchtgebieten" ist allenfalls, dass man von der immer schon frechen und Grenzen austestenden Charlotte Roche keinen ganzen Roman erwartet hatte. Weniger der Inhalt als die Form kann einen bei der Autorin überraschen. Also mein Fazit: viel Lärm um nichts oder auch viel Lärm um des Menschen liebsten Zeitvertreib.“

(Winston von Eckstein)

„Erwartet hatte ich, dass es mich nur anwidert. Und dann war ich überrascht. Für mich hatte die Lektüre stellenweise sogar Tragikkomisches. Ich musste an einigen Stellen unwillkürlich lachen. Weil ich mich manchmal stark an die Tage und Wochen nach den Geburten meiner Kinder erinnert fühlte: Das Produkt überwältigend – die Nebenwirkungen eher unschön und besorgniserregend. Man bemerkt plötzlich, dass der eigene Körper Schwachstellen hat, über die man nicht redet. Und das finde ich an dem Buch durchaus bemerkenswert – dass hier eine Frau, von der man viel weniger als einem Mann eine derartige Offenheit akzeptiert, Dinge beim Namen nennt, die tabuisiert und doch grundsätzlich etwas Natürliches sind. Denn von einem authentischen Körpergefühl sind wir heute doch sehr weit weg. In eine Gesellschaft, die jedes überflüssige Körperhaar in die Verbannung schickt, über jegliche Körpergerüche erhaben sein will und Schönheit nur in dem sehen kann, das glatt, wohlgeformt und perfekt ist, passt ein solches Buch nicht.

Das war es wohl, worauf es dir ankam, liebe Charlotte. Du siehst die „Feuchtgebiete“ als ein „überdrehtes Spielen mit der Paranoia vor Bakterien.“ Und das ist Dir gelungen - wenn auch weder in einer literarischen Qualität, die man sich von einem Roman erhofft, noch mit Feingefühl. Und immer hart an der Ekelgrenze. Schade, denn Du hast durch das verbale Ausschlachten unapettitlicher Details die Chance vertan, zu zeigen, wie man gerade als Frau seinen eigenen Körper mögen kann. Denn ja, ich hätte eigentlich gerne darüber gelesen, wie ein unbefangenes Körpergefühl mit echter Erotik einhergeht und warum beides in einer sterilen und antiseptischen Plastikwelt nicht stattfinden kann. Das konnte ich nicht finden. Auch wenn derbe Sprache durchaus erotisierend wirken kann – davon sind die leider zu platt und banal getexteten „Feuchtgebiete“ zu weit entfernt.

Trotzdem und immerhin: Der Umfang, in dem Dein Buch überall besprochen wird, zeigt, dass nun eine ganze Menge an Leuten unseren Hygienewahn, Slipeinlagen und tägliches Duschen diskutieren. Insofern hast Du durchaus etwas bewegt.“

(Bärbel Kerber)

„Wie üblich in der „Kunst“ bedarf es eines Überschreitens von bestehenden Grenzen, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Das Prinzip funktioniert auch diesmal – übrigens auch bei mir, habe ich doch noch nirgendwo außerhalb der medizinischen Fachliteratur beispielsweise über die Befindlichkeiten eines Hämorrhoiden-Patienten beim Analverkehr gelesen. Die Selbsterkundungen der Frau Roche wären sicher ganz interessant, sofern durchgehend autobiographisch und nicht Fiktion….
Mein Fazit: Zu viel "tiefgründige" Information – die aber umso höheren Umsatz generieren wird. Zeit zum Umsatteln....“

(Hans-Martin Beyer)

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... und damit ist natürlich noch lange nicht alles gesagt. Weitere Stimmen und Meinungen aus dem Miss Tilly-Team und zu Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ finden Sie demnächst ... in dieser Rubrik und auf
dieser Website.