Reizthema

Gegen das Gähnen

Wenn es um Sex geht, suggerieren uns die Medien: Möglich ist, was gefällt. Wie mutig klingen da Buchtitel wie „Sex ist eigentlich nicht so mein Ding“ oder „Nie mehr Sex“. Was ist bloß mit der Lust passiert?

Wir können es mittlerweile tun, wo wir wollen, mit wem wir wollen, wie wir es wollen, wann wir wollen. Der eine verspürt objektophil einen Drang zum Ding, das Paar aus Wanneeickel braucht ihr regelmäßiges Pimmel-Wechsel-dich-Spiel im Swingerclub, Vera versteigert sich auf gesext.de vor ihrer Hochzeit schnell noch mal für einen Quickie; die sexuell unausgelastete Ehefrau ordert sich übers Web einen geilen Seitensprung, der Bankmanager braucht ab und zu Haue von einer schlagkräftigen Domina.

Das schockiert und erstaunt uns alles nicht mehr, entlockt uns vielleicht gerade noch ein süffisantes Lächeln, ein unverständliches Kopfschütteln oder einen leichten Schauder. Sex, ob von hinten oder vorne, oben oder unten, mit Tier, Mensch oder Sache, gleich und gleich, zu zweit oder zu zehnt, wir sind so frei. Suggerieren uns doch die Medien: Möglich ist, was gefällt. 

Denn: Sex sells. Und ballert uns voll mit fleischlichen Reizen: Dralle Blondinen, die barbusig an den Fernsehzuschauer appellieren, jetzt doch endlich mal die Idiotenfrage mit einem Anruf über die 0190-Nummer zu beantworten. Oder die ”Pimp-your-dick“-E-mails, die tagtäglich den digitalen Posteingang verstopfen: Dank Viagra kann Eddie wieder wie ein Zwanzigjähriger. Denn: „Nothing makes you more self-confident than a bigger dick“ – Viagra ist das Doping für das beste Stück, der „Fickmacher, der trockenvögelt“.

Porno flutet uns mittlerweile auf allen Kanälen entgegen: per Mausklick, Fernbedienungsknopf oder Telefonhörer. Fleischeslust ist käuflich überall verfügbar, wird zur Konsum- und Erlebnisware. In unserer westlichen, hoch- entwickelten und marktwirtschaftlich orientierten Konsumgesellschaft gibt es alles im Überfluss. Hunger muss hier keiner mehr erleiden. Wir sind satt, mit Reizen überfüttert. Auf Werbeplakaten, in Filmen, durch Kleidung, in der Sprache, überall scheint Sex so präsent und enttabuisiert wie kaum je zuvor. Wir werden zwangsbeglückt.

Wie mutig, ja fast schon provokant klingt da der Buchtitel „Sex ist eigentlich nicht so mein Ding“. Wie bitte? Hat man da etwa richtig gelesen? Das ist doch mal etwas, das einen aufhorchen lässt. Eine der beiden Herausgeberinnen ist die Hamburger Literaturveranstalterin Tina Uebel, die mitten auf der Reeperbahn wohnt und erzählt: „Für frische Brötchen lauf ich ewig. Einen frischen Dildo krieg ich hier an jeder Ecke.“

Zusammen mit 31 Autoren hat sie Stellung zum „überschätztesten Thema der Welt“ bezogen. Der Klappentext bringt es auf den Punkt: „Sagen wir's doch, wie es ist: Sex ist eine unschöne, unwürdige und gemeinhin überbewertete Aktivität, über die viel zu viel geredet, geschrieben und gesendet wird. Auf allen Kanälen“. Und wer meine, sooo schlimm sei es jetzt auch wieder nicht, der sei wohl noch nicht Gast auf der Schweizer Erotikmesse Extasia 04 gewesen oder habe bislang noch keine authentische „Bockwurstparty“ besucht, die das Blut in Wallung beziehungsweise Leben in die Bude bringen soll.

„Sex ist eigentlich nicht so mein Ding“, eine desillusionierende, aber herzerfrischend direkte Anthologie für alle, die gelegentlich, oft oder immer öfter finden: „Ficken bringt Leben, ist es aber nicht.“ Wow, das sitzt! Das Hamburger Abendblatt meint: „Eine überfällige Gegenorgie angesichts unendlicher RTL2-Schwingerclubreportagen, denn schlimmer als eigener Sex ist eigentlich nur der Sex anderer Leute.“ Sex sei Alltag, kein Sex Avantgarde. Nicht, weil das Ausleben unserer geschlechtlichen Triebe gesellschaftlich ein Tabuthema wäre. Das Gegenteil sei der Fall.

Auch Alt-Feministin Alice Schwarzer ging hier wieder auf die feministischen Barrikaden und ließ erneut ihre PorNo!-Kampagne aufleben, die 1987 das erste Mal gegen pornografische Darstellungen als Form medialer Gewalt und Verletzung der Würde der Frau ankämpfte. Da fragt man sich: Regt sich da vielleicht so etwas wie Prüderie, Mimosenhaftigkeit oder Moralismus? Ist das auch wieder so eine Art Neokonservatismus, der sich da seit längerem breitmacht hierzulande?

Die 68er quietschen hier wahrscheinlich laut auf. Hatten sie sich doch sexuelle Freizügigkeit hart erkämpft. Und hatten sie doch versucht, sich von der bigotten Prüderie und Doppelmoral der 1950er Jahre zu befreien und durch Ausleben ihrer Triebe autoritäre Strukturen zu zerschlagen, wie sie im Naziregime herrschten: Ungezügelter Sex als Kampfansage an die Gesellschaft und Ausdruck einer politischen Gesinnung. Denn in der Unterdrückung der Triebe sah die liberale Nachkriegsgeneration den Menschen in seiner Persönlichkeit deformiert und eine Ursache darin, anderen Menschen so Entsetzliches anzutun, und hatte mit ihrer Ansicht einen berühmten Mitstreiter: den Psychoanalytiker Sigmund Freud, der ebenfalls die folgenschwere Unterdrückung der Sexualität als überaus mächtigen Trieb thematisiert hatte.

Ja, seine Triebe im Einvernehmen der Beteiligten auszuleben, das ist gut so. Welch eine Befreiung auch, dass Schwule mittlerweile ganz öffentlich zu ihren Neigungen stehen können, dass Zusammenleben vor der Ehe nicht mehr als Kuppelei verfolgt wird, dass die Pille uns Frauen sexuelle Selbstbestimmtheit ermöglicht hat. Doch was ist von all der Enthemmung geblieben? Eigentlich müssten wir doch alle ekstatisch verzückt wie auf Droge durch die Welt taumeln. Wild kopulierend übereinander herfallen. Zügellos, atemberaubend unser Sexleben auskosten – so wie es die Medien vorspielen. Doch die Wirklichkeit ist weniger prickelnd.

Auf netdoktor.de stellt Autorin Ingrid Müller die rhetorische Frage: „Ist Sex nur noch ein feuchter Traum?“ Und antwortet resigniert: „Vielleicht. In den Daily Soaps sind sämtliche Tabus, Barrieren und Hüllen gefallen. In Wirklichkeit hat sich die Lust davongemacht. Noch nie wurden Menschen so mit Sex bombardiert wie heute, überschüttet mit verführerischen Bildern von makelloser Schönheit. Männliche und weibliche Supermodels faszinieren, wecken Phantasien und Träume “ und frustrieren: Kein Mensch sieht so ideal aus, der eigene Partner oft schon gar nicht. Scharfe Kontraste tun sich auf, zwischen Hochglanz-Erotik und der vermeintlichen eigenen Einöde. Wir stellen hohe Standards und hohe Erwartungen, zum Beispiel daran, was 'richtiger Sex' ist: Männer müssen stundenlang können, Frauen einen Orgasmus zelebrieren, dass ihnen die Sinne schwinden. Kein Mensch kann die Erwartungen erfüllen, die öffentlichen Mythen zerstören die Sexualität.“

Statt hemmungslose Leichtigkeit zu entfesseln, wird öffentlich Druck gemacht. Sex ist nicht mehr Teil privater Intimität. Öffentlich zur Schau gestellt, wird er zum Instrument, das Leistung bringen und deshalb funktionieren muss. Potent zu sein, signalisiert körperliche Fitness und damit Erfolg. Doch Renate Wichers fragt in ihrem Buch „Nie mehr Sex“: „Ist Sexualität in unserer Zeit nicht gänzlich überbewertet?“

Sie hat Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Lebenssituationen zu dem Thema befragt, warum sie keinen Sex haben, wie lange schon nicht mehr oder warum sie vielleicht sogar noch nie welchen hatten, und festgestellt: „Heute ist kaum etwas so peinlich wie zuzugeben, dass man keinen Sex hat. Wer Erfolg hat, hat auch Sex. Sexuell attraktiv zu sein, gefragt zu sein, hat oft etwas mit dem Stellenwert zu tun, den man innerhalb einer Gesellschaft einnimmt. Doch kann es sein, dass in einer Gesellschaft, in der so viel über Sex geschrieben und geredet wird, die Realität ganz anders aussieht?“

„Sex wird immer problematischer“, sagt Männerarzt Georg Pfau. Nicht nur, weil die Neudefinition der Geschlechterrollen oft zur Verunsicherung von Männern und Frauen führt, vor allem der Männer, die nicht mehr den Spagat zwischen Hausmann und feurigem Liebhaber schaffen würden. Auch Flirten sei gefährlich geworden, denn allzu schnell könne man einer sexuellen Belästigung beschuldigt werden, der Orgasmus beim Mann sei zudem überbewertet. Den Rest erledige die Kurzlebigkeit unserer Zeit. „Der Wunsch, alles schnell und gleich erleben zu wollen, lässt einer Vertrauensbildung zwischen den Partnern keine Chance. Und ohne das notwendige Vertrauen gibt es keinen guten Sex.“ In seiner Praxis gebe es deshalb immer häufiger Patienten, die unter Versagensangst leiden. „Das typische Problem ist auch, dass Männer dazu neigen, ihre Ängste nicht zu verbalisieren, sondern sie durch Vermeidungsverhalten gar nicht erst aufkommen zu lassen.“ Das bedeutet, dass sie lieber ganz auf Sex verzichten, als sich ihren Ängsten zu stellen.

Es herrscht Verkehrsberuhigung und Triebstau in so manchen Betten hierzulande. Psychoanalytiker Micha Hilgers erklärt: „Das wissen Eheberater, Psychotherapeuten und Ärzte längst: Während die wachsende öffentliche Lust immer bizarrere Formen annimmt, schrumpft die private Lust zu zweit.“ Sexualforscher Gunter Schmidt schiebt noch ernüchternde Zahlen nach: „Der Anteil sexuell lustloser Frauen, die zu uns kommen, kletterte von rund acht Prozent in den 70er-Jahren auf heute 58 Prozent. Der Lustverlust traf auch die Männer. Schoben einst rund vier Prozent aller Herren Frust, sind es heute mehr als 16 Prozent.“

Hat das vielleicht damit zu tun, dass wir uns immer schwerer tun mit Erotik und Sinnlichkeit? Sinnliches Verhalten, Verführen – es scheint immer komplizierter zu werden. Der Zauber ist ziemlich hinüber, Sexualität, Erotik werden trivialisiert, banalisiert, entwertet. „Wir leben in einer übersexualisierten, aber untererotisierten Welt“, ätzt Männerarzt Georg Pfau. Begehren und Erotik, diese sinnlich-geistige Zuneigung, die man dem anderen entgegenbringt, die aber nur noch spärlich aufblitzt heutzutage: phantasievoll erregt zu werden, durch Mimik, Gestik, Sprachmelodie, Körperhaltung, Verhalten oder bestimmte Kleidung, die erotisch anziehend macht.

Biologische Planvorgaben zu erfüllen, das mutet nach Steinzeit an – eine Kultur, die mit Wünschen und Hoffnungen umgehen kann, verlangt etwas anderes. Ariadne von Schirach, Autorin von „Der Tanz um die Lust“ spricht hier auch von „Objektivierungsstrategien“, gegen die sie das Prinzip der Subjektivierung verteidigt. Damit meint sie eine Form der Sexualität, die sie Erotik nennt: „das, wo wir anfangen“. Persönlich, einzigartig, selbstbestimmt und frei von dem Zwang, Normen zu entsprechen.

Ist Verhuschtes, Verborgenes, Geheimnisvolles oftmals nicht aufregender als plumpe Reizstimulation? „Lass mir mein Geheimnis!“ fordert die Psychologin und Paartherapeutin Ursula Nuber in ihrem gleichnamigen Buch, und sie ist der Meinung, dass es gut tue, nicht alles preiszugeben. Recht hat sie! Lust, die nicht lediglich der konsumistischen Triebabfuhr dient, sie hätte dann wieder eine echte Chance. Ließe vielleicht wieder ein Kribbeln verspüren wie auf ein verheißungsvolles Geschenk, dessen Inhalt man sich ersehnt. Und so manchem käme dann vielleicht auch nicht mehr das große Gähnen in einer Zeit, in der Sex immer mehr wie alltägliches Zähneputzen daherkommt.

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Marietta Miehlichs Gedankennotizblock ist virtuell. Auf ihrer Website „Netschatz“ hält sie fest, was ihr auffällt, was Frauen heute beschäftigt und was ihr in der Welt und im Netz sonst noch so begegnet.

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Bildnachweise:

1. Maira Kouvara (via stock.xchng)
2. meretsoleil 2 (via flickr.com)
3. Buchcover, Eichborn Verlag
4. Brian (via flickr.com)
5. Johannes Henseler (via flickr.com)
6. Procsilas Moscas (via flickr.com)
7. Buchcover, Goldmann Verlag.