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Geliebte Jane

Einer neuen Biographie zufolge soll Englands Schriftstellerikone Jane Austen ihren eigenwilligen Romanheldinnen gar nicht allzu unähnlich gewesen sein. "Geliebte Jane" zeigt Austens junge Jahre und ihre erste Liebschaft, die sie in ihrem Werdegang als Autorin angeblich sehr geformt haben soll.

Das Period Drama erfreut sich besonders seit den achtziger Jahren immenser Popularität, und dies nicht nur in England, auf dessen Vergangenheit Filme wie "Zimmer mit Aussicht" (A Room with a View, 1985) und Wiedersehen in "Howards End" (Howards End, 1992) mit größtmöglicher historischer Authentizität oftmals nostalgisch zurückblicken. Mit ihrer prachtvollen Ausstattung und ihren malerischen Bilderbuchwelten fanden die Kostümfilme von Merchant Ivory und Co. ihre eigene Nische, die sich irgendwo zwischen dem Blockbuster und dem Kunstfilm zu verorten sucht, wobei seit jeher kanonische literarische Werke von E. M. Forster, Shakespeare oder Jane Austen als Vorlage dienen. In jüngster Zeit gehörte Joe Wrights "Stolz und Vorurteil" (Pride & Prejudice, 2005) zu den prominenteren Vertretern dieser Gattung. War der Film noch eine Adaption von Austens Jahrhundertroman, spekuliert Julian Jarrold in "Geliebte Jane" (Becoming Jane) über das Leben der Autorin und verwebt es mit neueren Erkenntnissen des Biographen Jon Spence.

Austens Werk wurde durch ihre scharfsinnigen Beobachtungen der englischen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts berühmt. Nicht selten instrumentalisierte sie ihr außerordentliches Sprachtalent für eine Kritik an den sozialen Konventionen, die jungen Frauen zu der Zeit auferlegt wurden. Nimmt man dies zur Kenntnis, verwundert es nicht, dass die Jane im Film (Anne Hathaway) mit einer spitzen Zunge ausgestattet ist und sich obendrein nicht scheut, ihrem Widerwillen über die Aussicht auf eine Versorgungsehe Ausdruck zu verleihen. Denn heiraten möchte Jane nur aus Liebe, wenngleich das gehobene ländliche Bürgertum der Austens sie mit nur wenig Wohlstand versehen hat. Bald schon lernt sie den weltgewandten Tom Lefroy (James McAvoy) kennen und lieben, und es stellt sich die Frage, ob das Paar ohne jeden Familien- und Geldsegen sein Glück finden kann.

Viele Szenen in "Geliebte Jane" drehen sich um den Affront gegen den gesellschaftlichen status quo, den Janes Ansichten und Auftreten darstellen. Hier versucht der Film recht schnell, sie als kopfstarke, emanzipierte Heldin zu beschreiben, die der ihr zugewiesenen Rollenverteilung trotzt. Auf der Ebene ihrer Handlungen wird das zunächst auch ganz gut nachvollziehbar gemacht: Jane spielt mit den Männern Kricket, schreibt eifrig, anstatt zu sticken, und mit hämmernden Pianoklängen rüttelt sie gleich zu Beginn ganz symbolträchtig ihre ganze Familie aus dem sonntagmorgendlichen Schlaf im lethargischen, wertkonformen Hampshire des Jahres 1795. Auf sprachlicher Basis aber, und das ist symptomatisch für den ganzen Film, weist das Drehbuch einige Mängel auf. Ab und an scheinen die Dialoge zwar direkt aus einem Austen-Roman zu stammen, und ein paar besonders hübsch beißende Zeilen wurden Maggie Smith als Lady Gresham zugedacht, jener britischen Schauspielveteranin, die seit jeher zum Inventar des Period Dramas gehört. Dann wieder vermisst man in Hathaways mit Rehaugen vorgetragener, subtiler Rebellion den ironischen Wortwitz, der das Werk der Autorin so auszeichnet.

Es hilft auch nicht, dass "Geliebte Jane" zeitweise doch sehr an Stolz und Vorurteil (Pride and Prejudice, 1813) erinnert, ein Buch, in dem man wohl starke autobiographische Züge vermutet. Die Prämisse des Films wird zudem nur halb erfüllt. So erfrischend es sein mag, Hathaways charmantem Porträt einer jugendlichen, gar nicht verstaubten Jane Austen zuzusehen, erfährt man doch denkbar wenig über die Einflüsse, die sie zu der Schriftstellerin machten, die sie war. "Geliebte Jane" bietet vornehmlich die kurzlebige Romanze mit Lefroy als Erklärung an, wobei Austens Auflehnen gegen gesellschaftliche Restriktionen  einfach als gegeben angesehen wird. Begann der Film als halbwegs gelungene Sozialsatire, so verliert er in der zweiten Hälfte auch einiges an Tempo, wenn Jarrold ihn vollends ins Melodram überlaufen lässt. Und  hierbei bleibt die Leidenschaft von Jane und Tom füreinander höchstens wohltemperiert, wirkt sogar zeitweise forciert. In einem Film, der diese Erfahrung so sehr als Inspirationsquelle von Austens Schaffen lesbar machen möchte, ist das zu wenig.

Vielleicht hält man sich doch lieber an Austens Kunst als an ihr Leben. Denn obwohl "Geliebte Jane" über ein gutes Schauspielerensemble verfügt und seine elegante Bilderwelt hübsch anmutet, ist der kinobegeisterte Fan der Schriftstellerin besser mit den Roman-Adaptionen beraten. Ang Lees "Sinn und Sinnlichkeit" (Sense and Sensibility, 1995) und Douglas McGraths "Emma" (1996) rufen sich hier besonders ins Gedächtnis. Die meisterten nämlich nicht nur den Austen-Touch im Drehbuch außerordentlich gut, sie krankten auch nicht an Blutarmut.

Geliebte Jane (Becoming Jane); Großbritannien 2007; 120 Minuten; Regie: Julian Jarrold; Drehbuch: Kevin Hood; Produzent(en): Graham Broadbent, Robert Bernstein, Douglas Rae; Mit Anne Hathaway, James McAvoy, Julie Walters, James Cromwell, Maggie Smith
Im Kino seit dem 03.10.2007

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Fotonachweise:

Filmplakat und Szenenbilder, via Concorde Filmverleih GmbH