Reizthema

Gentests an Embryonen

PID, ja oder nein? Was wollen wir? Keine einfache Entscheidung.

Wollen wir die genetische Untersuchung und Selektion künstlich gezeugter Embryonen vor der Einsetzung in den Mutterleib zulassen? Seit dem CDU-Parteitag ist die Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID) wieder in vollem Gange. Und das knappe Ergebnis der parteiinternen Abstimmung, in der sich 51Prozent dagegen aussprachen, spiegelt die Zwiegespaltenheit der Öffentlichkeit wieder. Auf der einen Seite steht die Meinung, man müsse unnötiges Leid vermeiden und überflüssige Abtreibungen. Auf der anderen Seite stehen die Furcht vor künftigen Designerbabies mit blauen Augen und Wunschgeschlecht sowie die ethisch hochbrisante Frage „Dürfen wir, die Gesellschaft, entscheiden, was lebenswertes Leben ist?“

 

Frauen unter Leidensdruck


Die Beurteilung ist nicht einfach. Fakt aber ist, den Weg einer künstlichen Befruchtung geht nur eine Minderheit. Für die körperliche Prozedur entschließen sich nur Frauen unter größtem Leidensdruck. Und unter diesen Frauen sind es nach dem heutigen Stand lediglich 200 bis 300 Fälle pro Jahr, in denen sich aufgrund erblicher Vorbelastungen der Eltern die Frage nach einer PID stellen würde. Demnach ist sie „keine Maßnahme für die Massen“.

 

Indikationsliste oder Einzelfallentscheidung ?

 

Dennoch ist die Befürchtung, durch eine PID Tür und Tor für eine Selektion menschlichen Lebens zu öffnen, ernst zu nehmen. Besondere Bedeutung hat dabei das Kriterium, das bestimmt, in welchen Fällen eine Genanalyse in der Petrischale vorgenommen werden dürfte. Man könnte über eine Indikationsliste festlegen, welche Erbkrankheiten eine PID rechtfertigen. Davor wird aber gewarnt, da wir damit nichts anderes tun, als bestimmen, welche Krankheiten und Behinderungen wir als nicht zumutbar und lebenswert erachten. Stattdessen wird von Experten eine Analogie zum Gewissenskonflikt im Abtreibungsrecht bevorzugt. Hiernach wäre eine Genanalyse nur dann zulässig, wenn es das Leid und der Gewissenskonflikt der Mutter ausnahmsweise rechtfertigt. Von ihr hängt es schließlich auch ab, ob sie sich in der Lage sieht, ein schwerkrankes Kind zu bekommen. Damit wäre die Entscheidung auch keine gesellschaftliche, die festlegt „was ist wertes, was unwertes Leben“, sondern eine von Fall zu Fall individuelle Entscheidung, was die einzelne Mutter an Leid zu tragen bereit und in der Lage ist. Die Grenzen, wie weit eine PDI gehen kann, könnten unbenommen davon sehr eng gesteckt werden.


Doch die Sorge davor, mit der PDI „eine Tür aufzumachen, und nicht zu wissen, was kommt,“ ist mehr als verständlich. Dahinter stecken Ängste vor einer Selektion, einer Auswahl, die uns zutiefst widerstrebt. Und es ist grundsätzlich ein gutes Zeichen für eine Gesellschaft, dass diese nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Es gilt zu verhindern, dass künftig neue Begehrlichkeiten die Aufweichung der Beschränkung auf schwere Erbkrankheiten bewirken. Man muss also jetzt schon Antworten auf Fragen haben, die erst in Zukunft entstehen werden. Am wichtigsten erscheint eine umfassende Information über die Fakten sowie eine behutsame Debatte.

 

Das Problem ist schon längst da


Trotzdem sollten wir uns nichts vormachen. Das Problem, entscheiden zu müssen, was wir als lebenswert oder nicht betrachten, haben wir schon heute mannigfaltig - durch die mittlerweile weit verbreitete Pränatale Diagnostik. In welche Gewissensnöte Frauen durch diese Untersuchungen häufig gebracht werden, ist den Medizinern, die den Schwangeren diese oft "sehr ausdrücklich" nahelegen, selten klar. Und mit der Frage, „Was mache ich nun als Schwangere mit der Prognose, möglicherweise ein behindertes Kind zu bekommen? Möchte ich denn dann wirklich abtreiben?“ werden die Schwangeren meist alleine gelassen. Wir haben offensichtlich auch da schon technische Möglichkeiten geschaffen, wissen aber nicht damit umzugehen. Spätestens jetzt müssen wir es lernen. Als Gesellschaft ebenso wie als Individuum.