Reizthema

Von der Jagd nach dem perfekten Aussehen

Schluss mit dem Barbie-Look

Die wenigsten Betrachter von Werbeplakaten und Leser von Hochglanzmagazinen - so sagen Experten - vergegenwärtigen sich, wie stark die gezeigten Körper und Gesichter digital manipuliert wurden. Die Folge ist, dass wir einem Schönheitsideal nacheifern, das unerreichbar ist. Dabei ist uns völlig das Gefühl dafür abhanden gekommen, was eigentlich "schön" ist. Wie weit entfernt sind wir von einer gesunden Körperwahrnehmung?

 

Barbie ist unser Vorbild

 

"Wir sind immer noch bei Barbie", erzählt die Ärztin und Diplom-Psychologin Isabella Heuser von der Berliner Charité dem Magazin "Stern" (Heft Nr.2/ 2012) in einem Interview zum Thema Schönheitsoperationen. Soll heißen: Barbies Bild prägt heute noch unsere Vorstellungen von einem perfekten Körper.

Natürlich ist nicht der Spielzeughersteller Mattel schuld. Vielmehr liegt es in der Verantwortung der Medien, der Mode- und der Kosmetikindustrie, dass ein irrwitziger Wahn um einen "dünnen, straffen, makellosen" Körper entstanden ist, dem bislang wenig entgegengesetzt wurde. Nun, bislang.

 

Zum unerreichbaren Ideal "gephotoshoppt"

 

Schluss damit, fordern mehr und mehr Leute. Wieso nicht Aufdrucke auf Modemagazine, die - ähnlich wie auf Zigarettenschachteln - vor den Konsequenzen warnen und auf die künstlich geschönte Wiedergabe der Personen aufmerksam machen? Das würde vielen wohl sicher zu weit gehen. Unbestritten ist vermutlich dennoch, dass unsere Wahrnehmung dafür geschärft werden muss, was echt und was unecht ist.


Und tatsächlich passiert etwas. Langsam und schrittweise setzt tatsächlich eine Gegenbewegung ein. Es ist ein Aufbegehren derjenigen, die nicht länger der “Barbiefizierung” zuschauen wollen. Die mittlerweile allgegenwärtigen manipulierten Fotos zeigen Menschen, die zu glatt, zu symmetrisch, porenlos und 100%  faltenfrei sind – für Anzeigen und Hochglanzmagazine zum unerreichbaren Ideal gephotoshoppt. Nicht nur, dass uns hier vorgegaukelt wird, mit dem Kauf der Produkte etwas zu werden oder zu verkörpern, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Nein, der Trend zu digitaler Bildbearbeitung lässt nicht zuletzt insbesondere junge Menschen zunehmend an ihren eigenen echten Körpern verzweiflen. Weil sie einem Phantombild hinterherjagen, das unnatürlich ist.

 

Verurteilung von Werbekampagnen

Begrüßenswert und wichtig sind deshalb Verurteilungen ausufernder Photoshop-Manipulationen, wie sie beispielsweise die amerikanische Kontrollbehörde “National Advertising Division” aussprach. Diese kritisierte neulich eine Werbekampagne des Kosmetikherstellers “CoverGirl” als irreführend. Die Mascarawerbung mit der Countrysängerin Taylor Swift wurde daraufhin aus dem Verkehr gezogen. Erst vor wenigen Monaten hatte die britische “Advertising Standards Authority” aus demselben Grund eine Lancôme-Werbung mit Julia Roberts und eine Maybelline-Kampagne mit Christy Turlington angeprangert: zu stark retuschiert und nachbearbeitet und damit falsche Tatsachen vortäuschend. Auch diese Anzeigen sind von der Bildfläche verschwunden.

 

Als Augenöffner können auch Aufklärungsvideos wie diese dienen: In "The  Photoshop Effect" (Teil1 hier und Teil 2 dort) zeigt ein Fotograf eindrucksvoll den Vorher-Nachher-Effekt von digitaler Berabeitung, und er erzählt, wie sehr sich seine Arbeit in den letzten zehn Jahren verändert hat.

Der Kern des Problems liegt eigentlich noch tiefer. Zwar legen die digitalen Fotoschummeleien die Messlatte für den eigenen Körper immer höher und unerreichbarer und fördern den Schönheitswahn. Doch treibende Kraft dahinter ist, dass das eigene äußerliche Erscheinungsbild und die Attraktivität als die maßgeblichen Größen betrachtet werden, auf die es im Leben ankommt. Das, leider, ist immer noch ein Mädchen- bzw. Frauenproblem.