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Gestatten: Elite

Julia Friedrichs hat sich auf eine Spurensuche nach den Mächtigen von morgen begeben. Ihr Buch „Gestatten: Elite“ ist eine intelligente Polemik gegen die Selbstverständlichkeit, mit der hierzulande Chancen noch immer ungleich verteilt werden – und so vieles von der Herkunft abhängt.

Nein, eine große Verschwörung, mit der „die da oben“ ihre Macht absichern, konnte auch Julia Friedrichs nicht entdecken. Obwohl sie von der weltgrößten Unternehmensberatung McKinsey zu Auswahlgesprächen in die Ägäis eingeladen worden war und dort mit den Jungmanagern diskutierte, an Deutschlands Elite-Internaten und -Universitäten recherchierte, nach Brüssel und bis ins amerikanische Harvard reiste, um die „Elite von morgen“ zu interviewen. Was die junge Journalistin allerdings fand, war eine Bestätigung der wissenschaftlichen Thesen und der Umfrageergebnisse:

In Deutschland (und nicht nur hier) gibt es tatsächlich wieder zwei „Klassen“. Grob gesagt: die Reichen, die ihre Kinder heute von der Kita übers Edel-Internat bis zur privaten Wirtschafts-Uni auf Erfolg trimmen, und die „Armen“, die sich im besten Fall irgendwie durchs Leben wurschteln oder zu den Hartz-IV-Empfängern gehören. Julia Friedrichs fand in dieser sogenannten „neuen Elite“ nur wenige, die sich über den Begriff Gedanken machten. Fast alle redeten von „Verantwortung übernehmen“, von „Leistung“, von Zielstrebigkeit, von 14 bis 16 Stundentagen, die sie gern auf sich nähmen, und davon, dass das dazugehörige hohe Gehalt dann eine Selbstverständlichkeit sei. „Erfolg“ heißt für sie fast immer „wirtschaftlicher Erfolg“ – für sich selbst, das Unternehmen, in dem sie arbeiten werden, und dann vielleicht auch noch für Deutschland, das sonst von Chinesen oder Indern ins Abseits gedrängt werden würde.

Ist das eine gute Definition für Elite? Die Autorin fand auch einen jungen Elite-Mann, der sich bei der NGO Attac sehr gezielt, überlegt und engagiert für eine sichere Umwelt und gegen die Auswüchse der Globalisierung einsetzt, aber er war die große Ausnahme. Die Mehrzahl ihrer vielen Interviewpartner ist politisch desinteressiert. Menschen, die nicht zur Schicht der Edeluhren- und Lacoste-Hemdenträger gehören, interessieren sie nicht. Für sie ist die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Schicht, das Sozialprestige des ererbten Reichtums weit wichtiger. In ihren Augen bestimmt heute nur noch die Wirtschaft. Der Mensch, der nicht mit ihnen mithalten kann, ist unwichtig, obwohl seine Arbeit doch das viele Geld erarbeitet, das ihr Wohlleben erst ermöglicht.

Auch Julia Friedrichs geht nicht näher darauf ein, dass es ja Millionen von Arbeitenden geben muss, damit die neue Elite überhaupt existieren kann. Aber sie macht ganz deutlich: Die Einteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer ist für die jungen Reichen so selbstverständlich wie einst die Kategorisierung in Adel und Leibeigene. In Deutschland ist sie besonders krass. Skandinavische Staaten geben sich sehr viel mehr Mühe, um auch „Unterschichtkinder“ nach „oben“ zu befördern – und sie haben Erfolg damit. Was fehlt bei uns?

Darauf gibt auch dieses aus persönlichen Beobachtungen, wissenschaftlichen Studien, Interviews und intensiven Recherchen geschickt, intelligent und lesbar zusammengearbeitete Buch keine Antwort. Es vermittelt eher die Ansicht, dass hier schon alles zu spät ist. Die Reichen schicken ihre Kinder in Privatkurse und -schulen und auf Privatuniversitäten. Die Ärmeren und Armen müssen sich durchs öffentliche Schulsystem mit unterbezahlten Erzieherinnen und Lehrern quälen. Echte Aufstiegschancen haben allenfalls Jugendliche mit einer glatten Eins als Abitur-Durchschnittsnote. Sie dürfen auf das eine oder andere Stipendium hoffen. Diejenigen, die ihre Begabung erst später zeigen oder im ersten Anlauf scheitern, bekommen keine Chance mehr. Und wenn Parteien über die Kinder von „denen da unten“ sprechen, geht es allenfalls um die Verbesserung des „Schulsystems“. Eine bessere Ausbildung der Erzieher und mehr Geld für sie? Ich kann mich nicht erinnern, dass ein prominenter und einflussreicher Politiker, dass eine Partei das in letzter Zeit gefordert hätte.

Ein bitteres Fazit. Oder spricht da der Neid aus Julia Friedrichs Buch (und mir)? Auch darauf geht die Autorin ein, gibt ihn zu, aber sie kommt (wie ich) zu dem Schluss: Die Elite-Diskussion ist keine Neiddebatte, auch wenn sie oft mit dieser Formel abgetan wird. Vielmehr geht es um eine Entwicklung, die Millionen Deutsche mehr gefährdet als die so viel bekämpfte Globalisierung, weil es tatsächlich wieder eine nur über den Reichtum definierte Oberschicht gibt. Die verteidigt ihre Privilegien nicht mit dem Schwert des Ritters, sondern mit Rechtsanwälten und von ihnen abhängigen Politikern. Und im Gegensatz zu mittelalterlichen Rittern hat diese moderne Elite keinen Verhaltenskodex à la „Adel verpflichtet“ mehr, der sie zumindest moralisch zum Schutz der Abhängigen auffordert.

Muss man das Buch „Gestatten: Elite“ gelesen haben? Ich denke schon. Zumindest wenn man nicht einfach hinnehmen will, dass überall von Elite geredet wird, aber nur die Superperformer gemeint sind. Und dass kaum ein Politiker sich anstrengt, um auch die Kinder der Mittelschicht, der Einwanderer und der deutschstämmigen Armen zu fördern. Sind, zum Beispiel, noch ein Stück Autobahn, der Bau der neuen Elbphilharmonie in Hamburg, die staatliche Förderung von Privattheatern in Hunderten von Groß- und Provinzstädten, der Wiederaufbau des Berliner Schlosses wirklich wichtiger für die Zukunft?

Oder darf man das schon gar nicht mehr fragen?

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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Fotonachweise:

1. Buchcover, Hoffman und Campe Verlag.
2. Elite-Internat Schloss Salem am Bodensee (im Bild: neuer Campus „Härlen“), Eduardo 89 (via wikipedia).