Weibchenschema

„Gleichstellung ist kein Naturgesetz!“

Åsa Mattsson ist Chefredakteurin von SalongK.se – dem ersten Online-Magazin für Frauen in Schweden. Ein Interview mit der Journalistin, die vorher als Kolumnistin bei der größten schwedischen Boulevardzeitung „Aftonbladet“ tätig war, über deutsche Mythen und weibliche Zaunkämpfe, die glamouröse Seite der Emanzipation – und Gesundheitsschuhe.

Von: Gabriela Häfner, Foto: Angela Eldh

vom 24.04.07
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Salongk.se

Salong K ist seit April 2006 online. Auf der eigenen Website präsentiert sich das Magazin mit den Worten:

 

„Salong K ist die Seite, die Frauen im Netz einen eigenen Raum gibt. Wir wenden uns an Frauen, die auf dem Weg sind – ab 20 Jahren und aufwärts, von Kiruna bis Stockholm, von klein bis größer, von der Peripherie ins Zentrum. Unsere Zielgruppe ist die urbane Frau, wo sie auch lebt; die Frau, die neugierig ist und neue Ideen gern aufnimmt, die jede Menge neuer Möglichkeiten erkennt in einer Zeit der Veränderung, die aber auch den Stress kennt und deshalb gerade einen eigenen Raum braucht, in dem sie Peptalk und Unterstützung findet, Inspiration und nicht zuletzt – Glamour. Bei SalongK.se schreiben wir über alle Themen, von Unterhaltung und Kultur zu Mode, Fitness, Reisen und Schönheit.“

 

 

In Deutschland wird gerade heftig über Familienpolitik, Kinderbetreuung und berufstätige Mütter diskutiert. Schweden spielt hier eine wichtige Rolle, weil es als Modelland für einen ganz anderen Blick auf Familie und Geschlechterrollen gilt. Unlängst hat die Soziologin Gabriele Kuby gegen dieses schwedische Modell in einer populären deutschen TV-Talk-Show polemisiert. Jedes dritte Kind in Schweden sei psychisch gestört, so erklärte sie, das habe eine Studie ergeben. Schuld seien die schwedischen Tagestätten, in denen Kinder schon früh sehr viel Zeit verbrächten. Was ist Ihnen über eine solche Studie bekannt?

 

 

Über eine solche Studie ist mir nichts bekannt, aber dass in Deutschland reaktionäre Kräfte wüten, nicht zuletzt in dieser Frage, weiß man ja. Die Bild-Zeitung hat ja schon vor 20 Jahren eine Artikelserie über schwedische Kindergärten gebracht, in der diese wie Gulags dargestellt wurden. Es ist interessant festzustellen, dass man in Deutschland auf der einen Seite die Prostitution legalisiert hat und auf der anderen Seite dem Hausfrauenideal huldigt. Das passt schlecht zusammen, wie ich finde. Aber offenbar sind es verschiedene Sorten Frau, die Huren sind oder Hausfrauen. 

 

 

In Deutschland verfolgt die Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) den politischen Kurs ihrer sozialdemokratischen Vorgängerinnen weiter. Gerade hat sie gefordert, die Anzahl von Krippenplätzen hierzulande drastisch zu erhöhen, um auch Müttern von noch kleinen Kindern ein Berufsleben zu ermöglichen. Diese Forderung stieß auf jede Menge Kritik, vornehmlich aus der eigenen Partei und von Seiten anderer Konservativer. Der katholische Bischoff Walter Mixa meinte zum Beispiel, dass Frauen zu „Gebärmaschinen“ degradiert würden, wo Kinder in einem frühen Alter schon von ihren Müttern getrennt würden. Verfolgt man in Schweden diese Debatte, mit der hierzulande gerade um ein modernes Familienbild gerungen wird? Und wie wird diese wahrgenommen?

 

Wo überhaupt, dann wohl vor allem als abschreckendes Beispiel. Man sollte aber nicht versäumen, diese deutsche Debatte ernst zu nehmen. Diese Strömungen können auch in Schweden einen Halt finden, und es gibt ja schon Anzeichen, die darauf hindeuten. Auch hier haben wir eine neu erwachende Begeisterung für das Ideal der Kernfamilie, und politische Forderungen wie die Wiedereinführung von Erziehungsgeld oder des Dienstmädchenprivilegs haben wieder Konjunktur.

 

Ich habe in den Weblogs junger schwedischer Frauen Kommentare zu dieser Familiendiskussion in Deutschland gelesen – und viel Unverständnis gefunden. Man könne nicht verstehen, dass eine Gesellschaft, die in vielem als so modern und offen wahrgenommen würde, sich als so stockkonservativ erweist, wenn es um Geschlechterrollen geht. Glauben Sie, dass sich Selbstbilder und Lebenswirklichkeiten von Frauen in Skandinavien und Deutschland heute sehr unterscheiden?

 

Ja, aber viele junge schwedische Frauen scheinen nicht zu verstehen, dass man daran arbeiten muss, diese Selbständigkeit und diese Vorzüge zu behalten, die frühere Generationen erkämpft haben. Viele junge Frauen scheinen zu glauben, dass öffentliche Tagesstätten, Erziehungsurlaub und die Institution eines Ombudsmannes für Gleichstellung eine Art schwedisches Naturgesetz sind. Das ist natürlich nicht der Fall.

 

Auch in der schwedischen Geschlechterdebatte kommt es ja zu merkwürdigen Zwischenrufen. Gerade hat etwa die Neurobiologin Annica Dahlström ihr Buch „Könet sitter i hjärnan“ („Das Geschlecht sitzt im Gehirn“)  herausgebracht und damit die schwedischen Gemüter erhitzt. Männer und Frauen könnten aus biologischen Gründen nur verschiedene Plätze in der Gesellschaft einnehmen. Väter seien nicht in der Lage, Säuglinge ebenso gut zu umsorgen wie Mütter, und Gleichstellung führe nur zu Scheidungen en gros. Wie viel Gehör finden solche Thesen in einem Land wie Schweden, das in Gleichstellungsfragen vielen anderen als vorbildlich gilt?

 

Man sollte das natürlich wirklich sehr ernst nehmen und gewarnt sein. Dass Dahlströms konservatives Buch nicht auf steinharte Kritik gestoßen ist mit den Schlüssen, die hier gezogen werden auf der Grundlage eines sehr dünnen Materials – das sagt etwas über den Zeitgeist aus. Und über ein träges und verschlafenes kulturelles Klima, aus dem rechte Gespenster hervorgehen können und sich breit machen. Auch in Schweden.

 

Nun zu SalongK – einem Magazin, das Frauen im Netz einen eigenen Raum geben möchte. Informationen und Austausch sollen Frauen hier finden, aber daneben auch Entspannung, Unterhaltung und Glamour. Was hat es mit dieser „glamourösen Seite“ von SalongK auf sich? Bietet die nicht einfach nur eine gut parfümierte Version von den üblichen Mustern, in denen Frauen mitunter baden gehen?

 

Na ja, das finde ich natürlich überhaupt nicht. Ich möchte ganz im Gegenteil sagen: Die schicken Korsette haben schon immer jenen Mädchen gut gestanden, die nach vorn unterwegs waren, die beweglich waren in der Gesellschaft. Gesundheitsschuhe und Baumwollunterhosen ­– das ist nicht SalongK. Wir knüpfen vielmehr an die alte Salontradition an, in der ein Salon, ob literarisch, politisch, musikalisch oder anders, eine Grenzzone war zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten und Frauen eine Möglichkeit bot, auch öffentlich zu wirken – wenn auch zu damaliger Zeit nur den Frauen der Ober- und oberen Mittelschicht. Und hier  fanden Frauen auch die Gelegenheit, sich zu treffen und über anderes zu sprechen als über Kinder und das Heim. SalongK möchte gleiches und noch viel mehr. Wir möchten einen Raum bieten, in dem man Gespräche über alles Mögliche führen kann, über Parfüme und Politik, Literatur und Reisen, also gerade auch über Themen, die nicht nur um die, wie ich sie nenne, „domestizierten Zone“ (also das Zuhause) kreisen. Aber natürlich sollte dabei das „Glamouröse“ inhaltlich nicht zu viel Platz einnehmen, das wäre ja sehr langweilig. Die Idee ist vielmehr, eine höchst lebendige und in verschiedenste Richtungen ausufernde Mischung zu schaffen. Ich mag Verschiedenheit und Dissonanzen.

 

Mögen Sie erzählen, wie es zu der Idee von Salong K gekommen ist?

 

Eben aus diesen eben erwähnten Ideen heraus. Darüber hinaus hatte ich es satt zu sehen, wie Frauen sich in verschiedenen kleinen Sekten verschanzen, die strengen Feministinnen hinter dem einen Zaun und die rosa Tittenposerinnen wiederum hinter dem anderen. Bei SalongK sind alle Frauen willkommen.

 

Salong K wendet sich an Frauen, die „auf dem Weg sind“, unabhängig davon, ob sie aus Stockholm oder Kiruna kommen. Sind schwedische Frauen im Allgemeinen besser darin, für gemeinsame Ziele zusammen zu finden? Jedenfalls bekommt man das immer wieder zu hören: Die schwedische Frauenbewegung sei so erfolgreich gewesen, weil sie geschlossener aufgetreten sei als etwa hierzulande, wo Frauen sich verzettelten -  in unermüdlichen Grabenkämpfen zwischen „Vollzeitglucken“, „Rabenmüttern“ und kinderlosen „Karrierefrauen“. 

 

Ich glaube, dass die Tradition der Volksbewegungen in Schweden zum Glück noch nicht ganz erloschen ist, die aber dringend wieder belebt werden müsste. Denn auch hierzulande gibt es eine Tendenz zur Splitterung, und allzu viel Gruppierung in kleineren Fraktionen hat noch nie eine Bewegung vorangebracht. Sie nützt nur denjenigen, die die alten Muster aufrechterhalten möchten, die es aufzubrechen gilt. Ich mag, wie ich schon sagte, Verschiedenheit, aber in gewissen Situationen ist eben auch Zusammenhalt gefordert.  

 

Glauben Sie, dass es in Schweden leichter ist, ein Internet-Magazin für Frauen zu machen, wo man vielleicht doch von homogeneren Alltagserfahrungen und mehr Konsens innerhalb der eigenen Zielgruppe, unter Frauen eben, ausgehen kann?

 

Vielleicht, ich bin mir aber nicht sicher. Hoffen wir, dass es so ist.

 

Und dann möchten wir natürlich noch wissen, wie man mit den Augen einer schwedischen Kollegin auf eine Webseite wie „Miss Tilly“ blickt? Keine Scheu - wir ertragen Kritik und haben Humor. Und zur Not streichen wir ...  ;-)! 

 

Ich finde, für eine Frauenseite ist das hier eine merkwürdige Formensprache. Will man hier das „Weib, das gegen den Strom schwimmt“, sein? Das sieht für mich eher aus wie eine Seite für Männer, so eine Art Bankenseite. Ich nehme einmal an, dass man sich rosa als mädchenhaft und die Farbe blau als etwas für Jungen gedacht hat, und da wollte man halt eben innovativ sein und wählte blauen Hintergrund und harte rechte Winkel, kein Gedöns und keinen unnötigen Zierrat. Aber ich glaube, dass viele Frauen sich von diesem Resultat nicht angesprochen fühlen werden. Mein Deutsch ist nicht so gut, aber wie ich sehe, heißt eine der Rubriken „Starke Frauen“. Wenn man den Blick nur auf starke Frauen lenkt, dann wird man in einem Patriarchat wohl eher eine sehr kleine Seite bleiben. Eigentlich sollten doch viele mit von der Partie sein, damit man auf Sicht zusammen stärker wird? Sonst bleibt man eben nur ein kleiner Klub!